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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 21

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Die wundertätige Megille
Date
1903-05-19
Page
21 (sequence 1)
Language
German
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gj-g^ TiTe) Die wundertätige Megille. Von Samuel Gordon. Autorisierte Uebersetzung von Anna Kellner. (Fortsetzung.) David nickte und sprang fröhlich auf; sein Herz war schliesslich noch zu klein, um vielen Kummer fassen zu können, und draussen schien die Sonne mit aller Macht. „Warum steht dir denn, die Tasche so ab?" fragte Esther, „was hast du denn drinn?" „Nur — nur die Megille, Mutter," antwortete David mit zitternder Stimme, „ich werde sehr gut acht darauf geben." Er fürchtete offenbar, dass ihm die Mutter die Mogille wegnehmen und sie aufbewahren würde, aber Esther wurde ganz rot vor Freude: es war ein gutes Omen; dass ihr Röhn unter dein Schutze der M'egille, dem Hochzeitsgeschenke, das sie ihrem. Bräutigam in Liebe und Hoffnung and Glück geschenkt, auf die Suche nach seinem Vater ausging, war ganz in Ordnung — entweder er brachte ihr die Erf üllung oder endgiltigc Vernichtung aller ihrer Hoffnungen. So machte sich denn David auf den Weg und ging fröhlich in die balsamische Frühlingsluft hinaus; er war so stolz auf seine Mission, wie ein Gesandter, dem man den Auftrag erteilt hat, die internationalen Interessen eines Kontinents in Ordnung zu bringen. Die Geheimhaltung, die seine Mutter ihm aufgetragen hatte, seinen darauf hinzuweisen, dass die Angelegenheit grossen Takt und diplomatische Geschicklichkeit erforderte. Die Umgebung nach jemandem zu durchforschen und dem. Betreffenden, w^enn man ihm gegenübortrat, zu erzählen, dass die Begegnung eine ganz zufällige sei, das war un sc remS endboten eine ganz neue Erfahrung; um nun das Vergnügen der ungewohnten Situation nach Möglichkeit auszukosten, fragte er den ersten, den er traf, ob er nicht zufällig seinen Vater gesehen hätte. Der Mann schüttelte mürrisch den Kopf und ging weiter. David liess sich dadurch nicht abschrecken und fragte den nächsten — in dem kleinen Städtchen kannte natürlich einer den andern so genau, dass jeder den Stammbaum, des andern bis in die dunkle Vorzeit zurück anzugeben, wusste. Der Mann nun war etwas freundlicher und ging in seiner Liebenswürdigkeit so weit, mit den Schultern zu zucken; dann sagte er: „Es wäre viel besser für dich, du wärest nie geboren!" David hielt dies für eine merkwürdige Art, eine gewünschte Auskunft zu geben, der Miann war offenbar verrückt, dass er so unsinnig sprach. Und er lachte über die Torheit und fragte flugs einen dritten; das war endlich ein vernünftiger Mensch, der ihm sagte, er würde seinen Vater in dem Wirtshause ausserhalb der Stadt finden. David machte ein saures Gesicht, denn das war eine Stunde Wegs für ihn, aber da war nichts zu machen und tapfer schlug er den Weg zum Wirtshause ein. Nach einiger Zeit hatte er den Fischteich erreicht, in dem an kühlen Sommerabenden die Frösche einander Märchen erzählten. Frösche konnte er um diese Zeit nirgends sehen, aber die alte Hindele wuisch vor ihrer Lehmhütte, etwa zwei oder drei Steinwürfe von dem Teiche entfernt, ihre Wäsche. David war entsetzt: die gottlose alte Frau! An Purim, wenn keiner daran dachte, eine Arbeit zu verrichten, eine Arbeit zu verrichten, Wäsche zu waschen! War es ein Wunder, dass die Kinder sie „Machseheife", die Hexe, nannten? Arme alte Hindele! Wenn die Jungen ahnten, was die älteren Leute wussten, so würden sie sie wahrhaftig nicht verspotten und mit Kot bespritzen, wenn kein Erwachsener in der Nähe war. Seit ihr einziger Sohn gestorben war, seit zwanzig Jahren, hatte die Welt in ihren Augen jede Symmetrie verloren, alles schien auf den Kopf gestellt, Zeiten und Jahreszeiten waren alle durcheinander gewürfelt — wie sollte sie also wissen, dass heute Purim war, wenn sich niemand die Mühe gab, es ihr zu sagen? David blieb stehen und sah ihr ein Weilchen bei ihrer Arbeit zu; dann gewann der gerechte Unwille die Oberband und er rief ihr zu: ,,Hindele, alte Hexe, du wirst für deine Sünden ins Gehcnnim kommen!" Die alte Frau wusch ruhig weiter. „Hindele, alte Hexe, die Hände werden dir abfallen, so dass du nie wieder wirst waschen können," schrie er. Als noch immer keine Antwort kam, wurde David ungezogen, und schlimme Gedanken durchkreuzten seinen Kopf. Er wollte der Hexe schon zeigen, was es hiess, ihn mit solch geringschätziger Gloiehgiltigkeit zu behandeln. Ein paar Schritte von ihm entfernt stand der berühmte Wäschepfahl Hindeles, der glatt gehobelt in die Höhe ragte. Er war wegen der geheimnisvollen Zuneigung berühmt, die Hindele für ihn hegte; weder für Geld noch für gute Worte wollte sie ihn den Nachbarinneu am Waschtage leihen, sie bewachte ihn eifersüchtig und wenn sie ihn nicht selbst benutzte, verbarg sie ihn sorgfältig auf dem Dachboden ihrer Hütte. Sie selbst hatte vergessen, warum er ihr so teuer war, manchmal nur, in lichteren Augenblicken, brachte sie ihn unklar mit ihrem, toten Sohne in Zusammenhang. Wahrscheinlich war er es gewesen, der ihn ihr aus dem Walde nach Hause gebracht und ihn so schön znreeht gestutzt und gehobelt hatte: es war das einzige Vermächtnis, das er seiner Mutter hinterlassen. Aber wodurch die Stange auch die Aufmerksamkeit der Jungen anzog, das war die schöne, zwei zinkige Gabel an der Spitze, welche die Wäscheleine auch bei dem stärksten Nordwind wie mit eiserner Faust festhielt. Mit einem Stückchen Kautschuek an jeder Zinke hätte diese Gabel eine wunderbare Schleuder abgegeben — eine ebenso gute als die, mit der Davids Namensvetter den "Riesen Goliath erschlug. Aber es war, als ob Hindele diese bösen Absichten ahnte, denn sie hatte ein scharfes Auge auf die kleinen Vagabunden, die sich in ihrer Nachbarschaft zeigten. Um David kümmerte sie sich nicht viel, er schien ihr zu klein und zu schwach., um ihrem Schatz etwas zuleide zu tun, aber als sie aufblickte und. sah, wie er mit der ganzen Kraft seiner kleinen Arme an dem Pfahl rüttelte, um. ihn aus dem Boden zu ziehen, stiess sie einen gellenden Schrei aus und. humpelte eilig herbei; ihre Augen waren so gross wie Räder, ihr Gesicht purpurrot. David sprang rasch zurück und lief davon, bis er sich in angemessener Entfernung von der Hexe befand, die ihm noch nie so furchtbar erschienen war. Dann stand er da und lachte über ihre Grimassen und den Ausdruck ohnmächtiger Wut, der ihre Gesichtszüge verzerrte. Endlich kam Hindele wieder zu Atem und sie stiess keuchend, stossweise die Worte hervor, so dass David die Empfindung hatte, als speie sie ihm dieselben ins Gesicht, und je mehr er lachte, desto schneller und verworrener wurden ihre Reden, so dass David sich wmnderte, dass er endlieh einen Satz deutlich hörte.

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