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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Ein Besuch aus Frankfurt a. M.
Date
1903-05-19
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite Ö „ftte WeHp ftr. 2S Was wir — aus unserer gründlichen Kenntnis der Sachlage und reichen Erfahrung heraus — den Auftraggebern der diesmaligen Forschungsreisenden sagen können, ist folgendes: Alle Kleinarbeit, die sie hier im Lande verrichten wollen, so unschädlich, sogar lobenswert sie an und für sich sein mag, wird nicht im entferntesten zu einer merklichen Besserung in der Lage der galizischen Judenheit, viel weniger zu einer Lösung der J u d e 11 f r a g e im Osten führen, oder auch nur nennenswert beitragen. (Ein kleiner Beweis: es werden — laut statistischen Nachweises — wöchentlich zirka 2üU jüdische Mädchen aus Galizien „exportiert". Ein sprechender, nein, schreiender Beweis grösster Not. Können unsere Philanthropen behaupten, dass sie 200 Mädchen wöchentlich, die in ihren zu gründenden Wirtschaftsschulen etc. ausgebildet werden sollen — ausserhalb Galiziens, wo sie eine überschüssige, also lastende Kraft sind, unterzubringen imstande wären?) Alle Kleinarbeit jder Wohltätigkeit wird ferner den Zug der östlichen Juden nach dem Westen nicht aufhalten, noch vermindern. Im besten Falle werden es dann „ziviiisiertere" Männer, Frauen und Mädchen sein, die die Stellung der westlichen Brüder nach mancher Richtung noch mehr erschweren würden. Ich muss ausdrücklich betonen, dass — speziell in Galizien — auch Pläne, die auf Gewerbe und Industrie unter den Juden hinzielen, keine Zukunft hätten. Die Gründe liegen in der Beschaffenheit, Lage und vielen anderen, ungünstigen Bedingungen des Landes, die eine wiederholt versuchte, nichtjüdische Industrie ebenfalls nicht aufkommen liessen. Es £ibt keine materielle Hilfe für uns an Ort und Stelle — es sei deTui, wenn es nach gewisser Leute Wünschen durchaus sein soll — in Form einer ausreichenden, erblichen Rente für die 800 00Q galizischen Juden. Doch nicht nur das allein! Wir stehen auf einem Vulkan!! Wollte Gott, dass unsere Beobachtungen und Ahnungen darin uns trügen: wir sind, wenn auch mit Entsetzen und Verzweiflung, jeden Tag auf Vorkommnisse ä la Kischenew gefasst. Schon murmelt die christliche Volksmasse von Judenexzessen „wie bei dem Zaren", Und der galizische Bauer oder Arbeiter ist in allen Beziehungen um kein Haar besser oder höherstehend als die russischen Horden. Und wenn auch das österreichische Militär, sowie seine Befehlshaber uns in den grösseren Städten wirksamer schützen würde — auf dem flachen Lande, wo — im Gegensätze zu Russland — Juden zahlreich wohnen, wäre ihr Los kein besseres als das unserer Kischenewer Volks- und Leidensgenossen. — Einen Vorgeschmack davon hatten wir bereits im vergangenen Jahre während der Bauernstreiks und jetzt wieder in Uhnow. Fort von hier! Ein anderes Wohn- und Arbeitsgebiet — die eigene Heimat — ist unsere einzige Rettungsmöglichkeit. „Die werdet ihr aber nicht bekommen," antwortete mir auf diesen Ausruf Frl. Poppenheim im Tone der Ueberzeugung aller deutschen Protestjuden. Ich antworte ihr von dieser Stelle aus noch einmal: so lange nicht die ganze an Einflüssen (wenn auch vielleicht nur hinter den Kulissen) und Geld reiche Judenheit alle erdenklichen Anstrengungen gemacht haf, um das einzig erwünschte Ziel zu erreichen, hat kein Mensch — und wäre er ein Sokrates an Weisheit und Voraussicht —- das Recht, von „Unmöglichkeiten'4 in dieser grossen Sache zu sprechen. Und auch in dem Falle, wenn ihre Anstrengungen momentan fruchtlos blieben, könnte dies den Kern der Sache nicht tangieren. Es können andere politische Konstellationen, Zufälle und Ereignisse eintreten, die unserer Mühe den Erfolg bringen. Darum auch sprechen unsere Weisen von der Erlösung „b'erew ojin". Doch müssen die Kämpfer dafür — also das ganze Volk, seine Grossen voran, sich in Permanenz erklären. Lasse man doch Einfluss, Geld, Geist, Klugheit, Erfahrung und Kraft (über all das verfügt das Judentum in seiner Gesamtheit) — sagen wir fünf Jahre lang — ununterbrochen, mit Benützung aller Chancen für das letzte Ziel, die Rückgewinnung der Heimat, mit friedlichen Warfen kämpfen und dann wollen wir sehen, ob das unselige Wort „unmöglich" wieder auftauchen wird. Fräulein Pappenheim, als Sprachrohr der Antizionisten, erhob den Einwand: „man müsste doch — die zionistischen Tendenzen angenommen — das Volk zur Emigration und Kolonisation erziehen." Ich antworte ihr und jedem stets aus bester Erfahrung heraus: „wir haben weder Zeit noch Möglichkeit, hier Erziehung zu spielen." Es ist zu spät. Dies hätte vor 200 Jahren vielleicht noch geschehen können. Nicht Anstalten und Lehrer — das Leben allein ist der grosse Volkserzieher. An den bisherigen Erziehungsresultaten erkennt man dann auch das Leben der östlichen Judenheit. Jetzt muss „sauve qui peut" die Losung sein. Was durch tausendjährige Schuld anderer an Seele und Leib ganz verkam, Lust, Kraft und Befähigung zu produktivem Schaffen einbüsste, bleibt hier ein letztes Opfer dem grausigen Schicksal Israels. Was jung, rührig, unternehmend und arbeitswillig, was regeneratipnsfähig ist, muss schleunigst fortgebracht werden. Abschnallen von der Folterbank und an die freie, frische Luft bringen, das ist doch das erste, naheliegendste und einfachste Wiederbelebungsmittel. Auch Moses führte unsere Ahnen — ohne sie erst zu erziehen — aus Egypten lieraus. Zwar vorerst nur in eine Wüste, doch fort aus dem Lande der Knechtschaft. „Und wenn dennoch ungeeignetes Menschenmaterial in die Heimat verpflanzt würde?!" Nun, dieser schlimme Fall angenommen — dann würden die grossen Summen, die seit Jahrzehnten für kleinliche, nutzlose Experimente verschleudert, von gewissenlosen Beamten veruntreut werden — das Defizit der ersten „unerzogenen" Generation decken. Die zweite, in der Freiheit, auf der eigenen, historischen Heimatscholle geborene, könnte und würde ohne jeden Zweifel unserer Mühen und Opfer wert sein. Unser trefflicher Gesinnungsgenosse, Herr Adolf Stand, zitierte in seiner Rede bei einer Feier zugunsten der Kischenewer Hinterbliebenen (in Zloczow) Hauptmanns Wort von den Glocken, deren Schall man wohl im Tale, doch nicht auf den Höhen hört. Wann wird man endlich auf unseren Höhen des Einflusses und Reichtums jenen hellen Klang vernehmen und verstehen, der die Posaune der Auferstehung ist und der das morsche Gebein zu neuem Leben und Streben erwecken muss?! . . . Die letzten Wochen in Rumänien. Kurz nach dem Kischenewer Massacre verbreitete sich in Rumänien das Gerücht,dass in einigen Distrikten der Mobiau sich ähnliche Ruhestörungen vorbereiten. Es wurden auch die Distrikte genannt, so Dorohoiu, Covarhiu etc., Distrikte, wo Juden in grösserer Zahl wohnen. „Adeverul", der dieses Gerücht wiedergab, nannte auch einen der Anstifter, den Grossgrundbesitzer Moruzzi aus Dorohoiu, einen ein flussreichen liberalen Politiker, der wiederholt Präfekfc in Dorohoiu war. Man kann sich so ziemlich vorstellen, wie eine solche Nachricht auf die rumänischen Juden gewirkt hat. Aber auch in anderen Kreisen als den jüdischen verursachte die genannte Nachricht grosse Unruhe, denn wie der „Adeverul" mitteilte, sollte (ier Minister des Innern, Herr L a s c a r, persönlich nach Dorohoiu gefahren sein, um die nötigen Massregeln zur Verhütung einer Katastrophe zu treffen. Waren es strenge polizeiliche Befehle, die der Herr Minister in Dorohoiu erteilt hat, oder einige freundliche Ermahnungen an den verehrten Parteifreund, das weiss man natürlich nicht, aber es sind keine Ruhestörungen eingeretten. Ruhe war aber in den Seelen der rumänischen Juden trotzdem nicht. Die abenteuerlichsten Gerüchte durehschwirrten das Land. In Bukarest, hiess es, wurden vergiftete Bonbons in den Strassen des jüdischen Quartiers ausgestreut und zwei Kinder liegen sterbend im jüdischen Spitale. „Adev erul", der die Panik, die diese Nachricht im jüdischen Viertel Vacarejbi erzeugte, beschrieb, konnte aber zum Glück berichten, dass es sich um eine Erfindung handelte. Dann hiess es, Kr uschewan, der berühmte Kischenewer Kruschewan, der ein Bessaraber Rumäne sein soll, sei nach Rumänien herübergekommen, um den rumän. Antisemiten zu zeigen, wie man ein Judenmassacre anstellt. In Berlad entstand die nicht gar so unbegründete Furcht, dass der neuernannte Chef der städtischen Laternenanzünder, der verbummelte Student, Origheh Carp, einer der Hauptführer in den antisemitischen Skandalen von 198 und jetzige Chefredakteur der „VoeeaTutovei" seine Untergebenen zu einem antisemitischen Krawalle missbrauchen werde. Die Unruhe und die Angst wuchsen ins Unermessiiche, als inmitten dieser furchteinflössen den Gerüchte der Minister des Innern alle Distriktspräfekten anwies, den Juden ihrer Distrikte bekanntzumachen, dass

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