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Die Welt · 1903-05-19 · 25 (19.5.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
25 (19.5.1903)
Article
Ein Besuch aus Frankfurt a. M.
Date
1903-05-19
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 „Die $ Weit' Seite 5 allein der Volksgeist. Darum werden auch nur Analphabeten der Psychologie eine grosse, überragende Handlung dem einzelnen zuschreiben, der bloss' das sichtbare Werkzeug ist. Der liefblickende weiss, dass „der Mann — oder die Männer der Tat" nur der letzte, verkörperte Ausdruck — gleichsam die Verdichtung einer langen, geschichtlichen Entwicklung des gewaltigen, auf ein bestimmtes Ziel gerichteten Willens eines ganzen Volkes sind. Solche Menschen der grossen, der historischen Tat haben keine Politik — sie haben ein Schicksal, das sie erfüllen müssen — und auch ohne Rücksicht auf sich und andere bis zum letzten Atemzuge verfolgen. (Daher das Unerklärliche, Unberechenbare, unsäglich Interessante solcher Persönlichkeiten.) Da sie aber die Vollstrecker der Wünsche und Bestrebungen sind, die oft jahrhundertelang in den Tiefen der Volksseele getragen wurden, ehe sie zur Reife gelangten, und in die Tat umgesetzt, meist gewaltige Erschütterungen und Veränderungen im Gefolge haben, darum erwächst jenen Menschen, die scheinbar „ungebeten", lediglich einer höheren Macht unwiderstehlich folgend — stets Kämpfer sind, eine unendlich grosse Verantwortung — eine Verantwortung, die nicht einmal mit ihrem Leben, die einzig und allein nach errungenem Erfolge aufhört. Aus diesem grundverschiedenen Standpunkte ergibt sich der ungeheure Unterschied zwischen den Menschen des „Wohltuns" und denen der „Tat". Die ersteren handeln ganz individuell; sie bringen dem „Volke" ihre Gaben so oft, so lange, in dem Masse und in der Weise, wie sie selber es für gut halten. Das Volk hat dabei lediglich das Recht des „prendre ou laisser". Die Zweiten dagegen können und dürfen — wenn sie unter der Wucht der Aufgabe und Verantwortlichkeit nicht nutzlos zusammenbrechen sollen — niemals anders als m i t dem Volke fürs Volk arbeiten. Sie müssen ihm — dem meist passiven Träger der Gefühle, des Leidens, des formlosen Sehnens und Wünschens vorerst das alle Kräfte auslösende Wort von der lebendigen Tat zurufen. Wie lange? Nun, das hängt von der Beschaffenheit des Volkscharakters, der Situation sowie den gegenwirkenden Einflüssen ab. Es gibt Beispiele genug in der Geschichte, dass „Helden der Tat" sehr, sehr lange bloss „Helden des Wortes" sein mussten, bis sie ihr Werk vollbringen konnten.--- „Alliance", „Ica", „Bnei Brith" etc. einer-, Zionismus andererseits! Die „Wohltat" und die „Tat". — Jene, ausgerüstet mit fast unzähligen Millionen. Unter ihnen die „Alliance", die auf einen fast dreissigjährigen Bestand zurückblickt. Keine „Männer des Wortes" — im Gegenteile — vornehmstes Schweigen, dem erst der Zionismus einigermassen die Zunge löste — zu gelegentlicher Anfeindung und Verunglimpfung. Was ihr aller Streben die lange Zeit hinduren war? Dass die entmenschten antisemitischen Horden in Persien, Algier, Rumänien, Galizien und Russland keine jüdischen Analphabeten hinmorden? Dass ihnen „gebildete" jüdische Erauen zum Opfer fallen?! Das ist das Einzige, was sie mit ihren Schulgründungen, die ihre Wohltaten sind, erreicht haben. Wenn man das Gebaren der Grossen in Israel sieht, fühlt man sich versucht, allen Ernstes an Satan, den Erbfeind Judas, wie ihn die heiligen Schriften erwähnen, zu glauben, in der Tat, es gehört infernale Macht und Verblendungskunst dazu, um sonst gewiss vernünftige, einsichtsvolle Männer, deren Bildung ihnen ohne Zweifel geschichtliche Erfahrung verschaffte, aut so kleinliche Standpunkte, zu so beschränktem Denken und als Eolge davon zu unbeholfenem, kindisch-nutzlosem Tun zu leiten. Viele Millionen Menschen leiden seit 2ÜÜU Jahren alle Qualen der Hölle, aus dem einzigen Grunde, weil sie einem bestimmten Volksstamme und Glauben angehören und als Eingewanderte bei den anderen unerwünscht zu Gaste wohnen. Anstatt nun das einfachste und nächstliegende Mittel zu ergreifen, die Anstrebung einer eigenen Heimat, wo jene Bedrückten „nach ihrer Fagon selig werden" könnten, versuchen es die Häupter des unglücklichen Volkes, auf dem weiten Erdenrund verstreut einige Schulen zu gründen. Wen die Sache gar nicht kümmert^ der lacht wohl herzlich belustigt über solche Retter ihrer Nation. „Die jüdische Gemeinde in Frankfurt ist weltberühmt wegen ihrer Wohltätigkeit und wir haben dort eine Kolonie von 4UÜÜ eingewanderten östlichen Juden, die uns genug zu schaffen macht" sagte mir Erl. Pappenheim, Ja, warum, um Gottes willen, sind sie denn eingewandert?! Warum gibt es in dem wohltätigen Frankfurt keine 4000 eingewanderte arme Franzosen, Engländer, Russen etc. — nur just Juden?! Warum gelingt am zahlreichsten, jüdische M.ädchen aus ihrer Heimat zu locken — fast innner mit Einwilligung der Eltern, deren Liebe zu den Kindern doch sprichwörtlich ist — um sie der Schmach, dem Verderben an Leib und Seele zuzuführen, obwohl solche Mädchen anerkauutermassen die besten, sittlichen Grundsätze und eine arge Scheu vor der Fremde haben?! Fragen sich dies die deutsch-jüdischen mächtigen Feinde des Zionismus nie? Nein. Sie tragen sich selber nicht und sie wollen auch von anderen nichts hören. So konnte ich es den abgesendeten Frankfurter Damen unter anderem nicht begreiflich machen, dass, wie berechtigt ihr Vorwurf der Nachlässigkeit, der Schmutzigkeit und Unwissenheit der „polnischen" Juden auch sei, die Lage derselben eine so schreckliche ist, dass kein Eingeweihter, der Gemüt und Herz besitzt, von Sauberkeit und Bildung zu sprechen wagt, während grässliche Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit iim anstarren. Ich bin in enger Fühlung mit dem jüdischen Proletariate meiner Geburtsstadt. Es kennt meine Gesinnungen und Empfindungen. Ich vermöchte es aber nie über mich, der armen Frau (ein Beispiel für hundert), deren Gatte — einer der zahllosen „Luftinenschen" — seit Monaten ohne Beschäftigung und Verdienst ist, und die mit ihm und sechs kleinen Kindern buchstäblich von beständigem Hunger gepeinigt, vor der Exnüttation steht, einzuprägen: „es solle ja keiner von ihnen auf den Fussboden der ärmlichen Stühe spucken, denn das sei ungesund und unschön" — oder ihr als Trost und Hüte verkünden, sie werde eines ihrer Kinder nächstens in den von den deutschen Philanthropen zu gründenden „Kindergarten" schicken dürfen. Solchen Flohn auf Elend und Not würde mir keiner und ich selber am wenigsten verzeihen. Es ist wahr, dass das Gros der östlichen Judenheit ziemlich unwissend, sehr nachlässig und unsauber ist. Es ist ferner wahr, dass der Mädchenhandel vornehmlich von Juden und Jüdinnen betrieben wird. Es ist auch wahr, dass ich selbst — da nun einmal von Abwehrmitieln die Rede war — für die Errichtung von Dienstbotensclinlen plaidierte. Doch wahrer als all d i e s i s t: Dass alles in der Hauptsache beim alten bleiben und stets schlimmer werden wird, und dass Palliativmittel an Ort und Stelle nichts helfen werden, nichts helfen können. Das ist „ein grosses Wort", das ich aber durchaus nicht „gelassen ausspreche". Es tut mir in tiefster Seele weh. Doch wer, wie ich, die galizischen jüdischen Verhältnisse kennt, ebenso aufrichtig ist, sich und anderen nichts vortäuschen, wohlgemeinte Arbeit und viel Geld nicht umsonst vergeudet sehen will, der muss meinen Ausspruch unterschreiben. Die Begründung könnte Bände füllen — und wäre eine vergebliche! Denn die „dort oben" wollen's ja doch nicht glauben. Da aber diese Angelegenheit uns allen gleich nahegeht (wenn niimhch die Frankfurter reichen Juden auch nicht zu uns kommen, so gehen docli unsere armen Schnorrer iiin --- vide die ,,40ÜU", von denen Frl. Pappenheim berichtet), so lüge es doch im ureigensten Interesse der deutsch-jüdischen Philanthropen, der Sache einmal selber am den Grund zu gehen. Solches kann aber nicht vermittelst einer vier- bis sechswöchentlichen ausflugartigen Reise „durchs Lauer geschehen. (Auch wenn zwei so interessante Damen, wie Frl. Pappenheim und Frl. Dr. Rabbinovitsch die Reisenden und Forschenden sind). Die antizionistischen jüdischen Persönlichkeiten und Vereine in ganz Europa sollten — um sich und anderen endlich reinen Wein einzuschenken — einen Mann von Bildung, kluger Einsicht und Scharfblick, ganz besonders übe r v o n unparteiischer Denkart, der — sich der Bedeutung seiner Mission bewusst — nicht wie der voreingenommene oder bestochene Richter um jeden Preis das „Schuldig" linden und aussprechen will — mindestens f ü r ein J a h r 1 a u g z u ständigem Aufenthalte nach Galizien entsenden, der nichts anderes zu tun, als zu beobachten, bei allen Schichten, Parteien und einzelnen Erkundigungen einzuziehen, die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieses einen Jahres zu verfolgen und Erfahrungen zu sammeln hätte. Da die Verhältnisse hier in den einzelnen Städten — mit geringen Abweichungen dieselben sind, würde ein sechsrnonatlicher Aufenthalt in Lemberg, der Hauptstadt des Landes, und der Rest der Zeit auf andere Städte, Städtchen und Dörfer verteilt, genügen, tun dem betreffenden Vertraiiensmanne ein durchaus klares Bild zu geben: von dem Leben, Charakter, der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Stellung der galizischen Judenheit, von ihrem moralischen, intellektuellen und leiblichen Werte, sowie von den sich daraus zwingend ergebenden Mitteln einer „Rettungsaktion". Leider könnte er ihnen voraussichtlich nichts anderes sagen, als wras die Zionisten seit Jahr und Tag gratis verkünden. Freilich müssten dann die Berichte und Folgerungen jenes Mannes für seine Auftraggeber massgebend und entscheidend sein — und stünden sie auch im Widerspruche zu ihren bisherigen Ueberzcugungen, Plänen und Handlungen. Wir Zionisten würden einen solchen Abgesandten mit Genugtuung und Zuversicht in Galizien weilen sehen.

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