Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Vorboten!
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Vor jedem Kongresse gibt es da immer eine Menge erbaulicher Dinge, die alle darauf hinzielen, die gläubigen Leser so recht von den unsinnigen Plänen oder auch sonst Yon. den Fehlern und Unterlassungen der bösen Zionisten genauestens zu unterrichten. Auch an guten Katschlägen fehlt es da und dort nicht. Kurz und gut, man merkt sofort, dass ein Teil der jüdischen Presse kommenden Ereignissen präludiert, die ihr nicht behagen und deren Wichtigkeit in irgend einer Weise verkleinert oder doch wenigstens in Frage gestellt werden soll. Selbstverständlich wird es auch diesmal an derartigen Betrachtungen nicht fehlen. Die aufstrebende Phantasie mancher Artikelschreibcr sehlägt bereits angestrengt mit den Flügeln, um die höchsten Höhen zu erreichen, aus denen gesehen, Zionismus und Kongress sieh winzig klein darstellen sollen, aber — bisher scheint diese gewaltsam emporgequälte Phantasie keine Adlerschwingen, sondern recht ärmliche Entenflügel zu besitzen. Was bisher geboten wurde, lohnt sich wahrlich nicht der Widerlegung. Allerdings, wir haben noch zwei Monate bis zum Kongress. Bis dahin werden die wackeren Leute schon ein wenig Routine bekommen, und manche Ente wird wirklich auf den unkundigen und naiven Leser den Eindruck machen, als hätte er einen veritablen Adler vor sieh, oder doch mindestens einen Geier. Diese uns nicht mehr neuen und selten irgendwie interessanten Vorboten des Kongresses sind uns nur darum erwähnenswert, um unsere Gesinnungsgenossen wieder einmal darauf aufmerksam zu machen. Viel wichtiger sind die Vorboten von zionistischer Seitc^ die den nahenden Kongress künden. Vor allem sei da nochmals auf den Wortlaut der Verlautbarung verwiesen, die in der vorigen Nummer der j/Welt" publiziert wurde. Es heisst dort: „Das Aktions-Komitee ist sich des hohen Ernstes der Situation und der Grösse seiner Aufgabe, wie seiner Verantwortlichkeit vollkommen bewusst. Nachdem es in rastloser Tätigkeit mit der Realisierung unseres Programmes beschäftigt war, wird es mit Vorsehlägen vor den Kongress treten. Diese Vorschläge werden in Basel zur Diskussion gestellt werden." Es Messe diese Enunziation abschwächen, wollte man sie irgendwie kommentieren. Wenn auch zur Stunde an dieser Stelle darüber nichts Näheres gesagt werden kann, so gibt es Anderes, das wohl hervorgehoben werden darf. Man sagt sich nicht mit Unrecht, dass der sechste Kongress wahrscheinlich zu den bedeutungsvollsten gehören wird, die wir Zionisten erlebt haben. Schon dass dieser Kongress einer der wichtigsten zionistischen Institutionen, dem N a t i o n a 1 f o n d s, durch Festlegung eines Statutes die gesctzlielicnNornicn bringen soll, bedeutet die Anbahnung der Lösung einer der schwierigsten Aufgaben, die der Zionismus überhaupt auf sieh genommen hat. Viel zu wenig ist selbst in zionistischen Kreisen die Bedeutung dieser Institution bisher gewürdigt worden. Es wäre verfehlt, im Nationalfonds, wie es von mancher Seite geschieht, nur eine Art Not standstonds zu sehen. Er ist viel mehr. Er ist das Mittel, das sich das jüdische Volk selbst schafft, um damit das Höchste zu erreichen, was ein Volk überhaupt erreichen kann, die eigene Scholle, auf der es sieh selbst und seinen Idealen leben kann. Und wahrlich, unser Volk hat solche Ideale, und trotz aller Verleumdungen, mit denen man es überhäuft, Ideale von so hehrer Schönheit und so tiefer Sittlichkeit, dass sie der höchsten Anstrengungen wert sind. Darum muss auch diesem Mittel, dein Nationalfonds, die eingehendste Aufmerksamkeit geschenkt werden, und die Sitzung der Nationalf ondskommission, die am 19. Juni in Wien beginnt, wird für den Zionismus und für den Kongress von grösster Wichtigkeit sein. Dass es auch gilt, unserer Volksbank, dem J e w i s h C o 1 o n i a 1 Trust, eine erweiterte Wirksamkeit zu ermöglichen, ist klar. Es werden unsere Gesinnungsgenossen gewiss auch dieser Institution in erhöhtem Masse ihre Kräfte widmen müssen, wenn die vielen Wünsche und Hoffnungen, die man an diese Bank knüpft, ihrer Verwirklichung näher gebracht werden sollen. Dann und nur dann dürfen wir erwarten, dass dem Kongresse die Möglichkeit geboten wird, auch iin Angelegenheiten der Bank manche wichtige Anregung zu geben, die von der Generalversammlung derselben ausgeführt werden wird.