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Die Welt · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Article
Zur Lage
Date
1903-06-12
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TOrkenstrasse Nr, 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen» sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, tu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction täglich von 10 — 7,12 Uhr. * Proist der Anzoigin: laut Aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen, Einzolno Nummern SO Holter. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. 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Noch sind die Klagen über die furchtbaren Geschehnisse in Kischenew nicht verhallt, noch ist das Weinen der Witwen und Waisen der Märtyrer der christlichen Osterfeier in Bessarabien nicht verstummt und schon droht unserem Volke eine neue und viel schlimmere Gefahr, eine unvorbereitete Auswanderung oder vielmehr eine Flucht, die, von wilder Todesangst gespornt, mit schrecklicher Sicherheit direkt ins Verderben rast, Mit tiefer Erschütterung sehen wir, dass die Verzweiflung auch die Besonnenen unter unseren Brüdern zu erfassen droht, dass selbst manche von ihnen diesem furchtbaren Schrecken ohne Ende nicht mehr mit dem früheren Mute und der früheren Standhaftigkeit entgegenzuarbeiten vermögen. Mit schmerzlichem Mitleid verfolgen wir die Anzeichen dieser Entmutigung; nur zu verständlich ist es uns, dass es für solche Verzweiflung kaum mehr ein Schrecknis geben kann, das sie auch von dem gefahrvollsten Auswege abzuhalten vermöchte, und trotzdem müssen wir unsere Stimme warnend erheben, um unsere Brüder vor dem Schlimmsten zu bewahren. Aus vielen Städten Russlands, namentlich aus denen Südrusslands, wird uns von unseren Vertrauensmännern gemeldet, dass sich dort Alt und Jung, Wohlhabendere und Arme, letztere natürlich zu allererst, zur Auswanderung anschicken. Seit Wochen arbeiten unsere Vertrauensmänner fieberhaft, um die Verzweifelten von einer Auswanderung zurückzuhalten. Unterdessen hat diese Bewegung auch auf die übrigen Gouvernements übergegriffen. Es bereitet sich eine Emigration in grossem Massstabe vor, ohne dass die nötigen Geldmittel auch nur annäherungsweise zur Verfügung stehen, ohne jede Gewähr, ja ohne die geringste Wahrscheinlichkeit, auch nur einen grösseren Teil der Auswanderer irgendwo unterbringen zu können. Die schrecklichen Folgen, die eine solche planlose, unvorbereitete Emigration nach sich ziehen muss, sind ohne weitere Erklärung für jedermann verständlich. Schon haben Mitglieder des grossen Aktions-Komitees in Russland eindringlich vor dieser überhasteten, ziellosen Auswanderung gewarnt. Auch das Wiener Aktions-Komitee, die vom Baseler Kongresse gewählte Exekutive, hat sich diesen Warnungen angeschlossen. Das Wiener Aktions-Komitee erklärt ausdrücklich, dass es jede Ermutigung zu einer solchen Auswanderung auf das Entschiedenste verurteilt. Wir verlangen nicht nur, dass unsere Vertrauensmänner, sondern, dass jeder Zionist, der das Baseler Programm anerkennt und der vom Kongresse gewählten Leitung sich unterstellt, einer derartigen Auswanderung entschieden entgegentrete. Wir haben in unserer jüdischen Geschichte genug Katastrophen. Es wäre die höchste Pflichtvergessenheit, wenn wir selbst die Hand dazu böten, um eine der schrecklichsten hervorbringen zu helfen. Wir warnen alle unsere Gesinnungsgenossen und alle unsere Brüder in Russland namentlich vor allen Auswanderungsagenten, seien sie von wem immer empfohlen. Wir warnen aber auch vor allen Einzelpersonen oder Gruppen, die etwa vorgeben, dass sie als Zionisten die Emigration anraten. Der Kongress allein hat zu bestimmen, ob er die Zeit und die Bedingungen für günstig hält, um diese letzte und grösste aller Aufgaben einer Lösung zuzuführen. Das vom Kongresse gewählte Aktionskomitee, das unter der Kontrolle desselben und der ganzen, grossen Oeffentlichkeit steht, ist dazu berufen, zu verkünden, ob, wann und wohin eine Auswanderung stattzufinden habe. Wir werden uns durch keine Panikbeschlüsse verwirren und nicht durch Leute, die solche Beschlüsse für irgend welche Zwecke ausnützen wollen, von unserem geraden, pflichtgemässen Wege abdrängen lassen. Das Aktions-Komitee ist sich des hohen Ernstes der Situation und der Grösse seiner Aufgabe, wie seiner Verantwortlichkeit vollkommen bewusst. Nachdem es in rastloser Tätigkeit mit der Realisierung unseres Programmes beschäftigt war, wird es mit Vorschlägen vor den Kongress treten. Diese Vorschläge werden in Basel zur Diskussion gestellt werden. Die Durchführung der Kongressbeschlüsse wird für die jüdische Gesammtheit und für unsere vom Unglück verfolgten Brüder sicherlich nützlicher und heilsamer sein, als diese überstürzte Emigratiönsbewegung. Von allen anderen Versuchen müssen wir dringend abraten.

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