Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Article
- Eine Schwärmerin für Güte
- Date
- 1903-06-05
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 3te <i Weit* *r, 23 hatten den geheimnisvollen „Jemand" für Karl Vogt, Max Kordau oder Michael Flürscheim gehalten, und nun zeigte sich, dass es „nur" eine Frau war! Sie hatte mit ihrem Namen hinter dem Berge gehalten, weil sie mit Eeeht fürchtete, das Buch könnte unter weiblicher Flagge nicht die Beachtung finden, die sie ihm wegen seiner zahlreichen guten Tendenzen wünschen niusste, deren Verfechtung sie einem Professor des 24. Jahrhunderts bezüglich der Zustände des neunzehnten in den Mund legte. „Das Maschinenzeitalter" ist eine der schönsten Perlen der modernen Weltliteratur. Dennoch ist ein anderes, neueres Werk der Suttner nochgeeigneter,ihre Stammleser in helle, edelmensehliche Begeisterung zu versetzen: „Schach der Qual!" (18^9), ein grossartiges, belletristisch-ethisches Kompendium der Schattenseiten des zeitgenössischen Kulturlebens in ihrer leidenerzeugenden Bückwirkung auf Mensch und Tier. Auf allen Leidensgebieten ruft sie der Qual in liinreissender Weise „Schach!" zu: dem Klassenkampf, dem Rassenhass, dem Völkerkrieg, der Tierquälerei, der falschen Erziehung usw., die einzelnen Laienpredigten durch ein überaus reizendes, fantastisch-erzählendes Kettengewinde miteinander verbindend. Besondere Beachtung verdient die feine Art, in der sie hier, wie bekanntlich schon oft vorher, dem Antisemitismus entgegentritt, mit dessen Abwehr ihr verstorbener Gatte sich so eingehend zu beschäftigen pflegte. ^Es ist das beste und reifste, was sie bisher geschrieben," äusserte Michael Gr e o r g Conrad in einem Privatbriefe an mich. Ich möchte noch weitergehen und behaupten, dass „Schach der Qual!" eines der besten und reifsten Bücher ist, die ich jemals zu lesen das Glück hatte. Die Lektüre hat mir nicht nur Bewunderung für den hohen Idealismus der Verfasserin eingeflösst und mir nicht nur' einen ausserordentlichen literarischen Feinschmeckergenuss bereitet, sondern mir auch geradezu ein Gliicksgefühl verursacht darüber, dass es Schriftsteller mit solchem Herzen und solch hochedler Schwärmerei gibt. „Die Waffen nieder!", „Das Maschinenzeitalter" und „Schach der Qual!" sind entschieden die Hauptwerke der Suttner. Es sind Tendenzwerke ersten Banges. Ueberhaupt hat sie nicht viel tendenzlose Bücher geschrieben: fast überall dient sie einem nützlichen oder edeln „Zweck". Daraus haben manche „Aesthetiker" ihr mit Unrecht einen Vorwurf gemacht. Angeblich leidet unter der Tendenz die Kunst immer. Das ist falsch. Das Gegenteil ist richtig — freilieh unter der Bedingung wirklich künstlerischer Gestaltung. Speziell bei unserer Jubilarin, dieser Tendenzlerin par excellence, steht die Kunst hinter dem „Zweck" im allgemeinen nicht zurück; die Ausnahmen sind gering an Zahl — in erster Reihe steht hier das neueste Suttnerbuch: „Marthas Kinder", eine „Fortsetzung" von ..Die Waffen nieder!", im übrigen ein prächtiger, köstlicher österreichischer Sozialroman, der — nebenbei bemerkt — dem 1894 erschienenen „Vor dem] Gewitter" darin ähnelt, dass er neben der Friedensfiage noch eine ganze Reihe sozialer „Fragen" behandelt, während in mehreren anderen Suttner'sehen Schriften die Friedenssache den Hauptgegenstand bildet, wie z. B. in „Die Waffen nieder!", „Wohin?", „Tagebuch der Haager Konferenz", „Die andere Glocke", „Krieg und Frieden" usw. Dem grossen Publikum ist die Baronin überhaupt am bekanntesten in ihrer Eigenschaft als Kriegsfeindin und Friedensfreundin. Sie ist die Schöpferin der modernen Friedensbewegung und mit dieser literarisch wie praktisch innig verwachsen. Schon das ungeheure Aufsehen, das „Die Waffen nieder!" erregte, drängte sie auf die Bahn der tätigen Agitation, und sie hat sich, wie mit der Feder, auch mit dem Wort als Propagandistin von Bedeutung erwiesen. Als Bednerin, Vorleserin und Vortragende wirkt sie hinreissend. Sie ist eine glühende, aufpeitschende Apostelnatur und gibt sich der guten Sache mit dem denkbar grössten Eifer, mit bewundernswerter Unermüdlichkeit hin, unerschöpflich in der Auffindung immer neuer Formen bei ihrem Feldzug gegen den Krieg, für den Frieden and internationale Schiedsgerichte. Die Lebensgeschiehte dieser ausserordentlichen Frau ist bald erzählt. Am 9. Juni 1843 zu Prag als Tochter des Feldmarschalls Grafen K i n s k y und einer hochgebildeten Dame aus der Familie Theodor Körners geboren, war sie der Abgott ihrer sehr früh verwitweten Mutter mit der sie den grössten Teil ihrer Jugend in Brünn verlebte. Sie genoss eine ungewöhnlich sorgfältige Erziehung und Ausbildung, wodurch ihre reiche, geistige Naturanlage rasch gefördert wurde. Auf zahlreichen Beisen wurde sie überall wegen ihres Geistes und ihrer Schönheit gefeiert. Sie erlernte viele Sprachen gründlich, sang prächtig und musizierte vortrefflich. Ziemlich früh verlobte sie sich mit dem Prinzen Adolf Wittgenstein, der jedoch als Bräutigam starb, und zwar auf einer Ueberf ahrt nach Amerika. Berthas Herzenswunde bedurfte vieler Jahre zur Heilung. Erst mit 33 Jahren überraschte sie die österreichische Aristokratie durch ihre Verheiratung mit dem Freiherrn Arthur Gundakkar von Suttner. Es war eine romantische Liebesheirat gegen den Willen der beiderseitigen Senioren. Das Pärchen Hess sich heimlich trauen und reiste nach dem Kaukasus; dorthin, weil die junge Baronin von früher her mit der mingrelischen Fürstenfamilie befreundet war. Man wohnte, je nach der Beschäftigung des Gatten, abwechselnd in verschiedenen Ortschaften der Provinzen Imerethien, Georgien und Gurion. „Er" war bald Ingenieur, bald Bauzeichner, bald Kriegskorrespondent usw. „Sie" musste, da es nicht recht zusammenging, Lektionen geben. Die der Erwerbstätigkeit ungewohnten Liebenden schlugen sich in harter Arbeit durch und verstanden es, sich die Weltabgeschiedenheit recht behaglich zu machen — schon ehe sie darauf verfielen, sich mit Hilfe der Schriftstellerei ein grösseres Einkommen zu sichern. Jahrelang verschickte der Baron als „A. G. Lerei", seine Gemahlin als „B. Oulot" (abgeleitet von dem Spitznamen „Boulotte", den „A. G " — wie sie ihn zu nennen pflegte — ihr wegen ihrer Rundlichkeit beilegte), Bomane, Erzählungen, Skizzen, Plaudereien usw. an reichsdeutsche und österreichische Zeitungen und Wochenschriften. Alles fand besten Anklang und schliesslich kamen einige ebenfalls erfolgreiche Bücher an die Beihe, als Erstlingswerk Berthas das graziöse, gedankentiefe „Inventarium einer Seele". Bald war die Not >:u Ende, und man konnte sich noch eingehender und mit mehr Müsse den naturwissenschaftlich-philosophischen Lieblingsstudien hingeben. Die alte Gräfin Kinsky starb 1884, „A. G." versöhnte sich mit seinen Eltern und so konnte das Literatenpaar, nachdem es über neun Jahre im Kaukasus gelebt, nach Europa zurückkehren, die Pseudonymität aufgeben und das Suttner'sehe Stammschloss Harmannsdorf bei Eggenburg im niederösterreichischen Waldviertel beziehen, wo es bis zum Tode des männlichen Teils in ungetrübter Musterehe beisammen blieb und wo die verwitwete Jubilarin noch immer wohnt — geehrt, bewundert, berühmt. Aus den zahlreichen Werken, die sie der Welt seither geschenkt, verdienen ausser den schon genannten noch hervorgehoben zu werden: „Einsam und arm", das f amoseTagebuch eines Alltagsmenschen; „High-life", eine vorzügliche Schilderung der Lebens- und Denkweise des internationalen adeligen Müssiggängertums; „Doktor Hellmuts Donnerstage", eine Sammlung gediegener, flott geschriebener populär-wissenschaftlicher Plaudereien und Essays; „Es Löwos", ein närrisches, liebenswertes, entzückendes, thörichtes, rührendes Bild des Suttner'sehen Ehelebens im Kaukasus. Die Haupt-Etappen ihrer seitherigen praktischen Tätigkeit waren die Gründung und Leitung der hoch-