Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Article
- Der Zwang zur Liebe
- Date
- 1903-06-05
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Ihre Politik jagt nebelhaften Zielen nach* Diese beiden Sätze sind der kurze Auszug aus zahllosen Reden und Schriften unserer Gegner, Wir sind bvr alles Eigensinns und nur bedacht, dein Besten für unser Volkbeizustehen. Daher zögerten wir nicht, zu Besserungszwecken die Schule der nüchternen und hellsichtigen Politiker zu beziehen. Was immer sie der Oeffentlichkeit schenkten, wurde von uns eifrig nach Massregeln durchsucht, deren Durchführung den Juden zweifelsohne eine frohe Zukunft eintragen musste. Auf dieser Suche fanden wir einijg-e ganz auserlesene Rezepte, die nur einen kleinen, einen minimalen Fehler hatten: Die darnach bereitete Medizin mussten immer zwei nehmen, damit sie wirken solle und es nahm sie immer nur einer. Aus diesem Gnuide , flog auch das erste Rezept schleunig unter den Tisch. Nach, seiner Vorschrift hatten wir Juden uns mit Liebe und Güte durchtränkt und kamen, das stolze nmd sichere Dasein unserer Nachbarn iaitzuleben. Aber diese hatten das Rezept nicht gelesen, hatten keine Medizin geschluckt und warfen uns hinaus. Dieser Misserfolg dämpfte keineswegs die Kriegswut unserer Lehrer gegen den Zionismus. Das war ein klares Zeichen, dass ihre Weisheit noch nicht zu Ende war, und dass sie im Falle des Versagens der ersten Pläne ein Reserveprogramrri mit durchschlagendem Erfolge bereit liätteh. Das war nötig, wenn ihre ehrliche Absicht füjr die Juden nicht eine blosse Annahme sein sollte. Mochten immerhin die Juden des Westens einem fortwährend absteigenden, aber noch erträglichen Schicksal überlassen werden; nicht mehr erträglich ist der grausame Anblick endlosen Elends in Rumänien. Und die Augen auf den Bildern toter Kindern aus Kischenew, die in süsser Unschuld mit ihrem Blute für uns gezeugt hatten, stiessen einen Dolch in unser Herz. Die traumlose und hellsichtige Politik unserer Lehrer zeigte sich auch für so bedrohliche Zeiten gewappnet. Unter ausserordentlich starkem Verbrauch von Druckerschwärze tat sich in jüdischen und halbjü dischen Zeitungen ihr geniales Geheimnis lund. Man stellte einfach dem-menschlichen Europa den Antrag-, dem unmenschlichen gute Sitten beizubringen. Das heisst, die anständigen Menschen jenseits von Weidlsel1 und Pruth sollten ihre Gefühle des Abscheus für den barbarischen Osten zin* sogenannten öffentlichen Meinung zusammentun. Der Druck dann dieser gesammelten Gefühle wird die (fefühle der bekannten Juienhasser ins Gegenteil verkehren. I Entschieden las Schönste an diesem Plane ist,, dass die Juden dabei nichts zutun haben. Man braucht nur Christen, die predigen und Christen, die sich die Predigten zu Herzen nehmen, Denn die Sittenpredigten von Juden an Christen haben noch niemals a.mf deren Herz, höchstens auf das Zwerchfell gewirkt Wenn also in den Ländern der Zivilisation tiefbewegte Redner dem flammenden Protest von Massenversammlungen Worte geben; wenn die Blätter die ernsten KLagen der wissenschaftlichen Berühmtheiten veröffentlichen; wenn aus den Parlamenten zornige Mahnungen laut werden — sicher werden alsdann zerknirschte Rumänen jüdische Werkstätten stürmen, diesmal aber, um Bestellungen zu machen und den russische Tschinownik wird im Raiisch den Juden nicht schlagen gehen, sondern küssen. Kurz, ein neues vorzügliches Rezept, nur dass der Fehler jenes ersten nicht kleiner, sondern grösser gemacht wurde; wieder sollen zwei Medizin nehmen, und es nimmt sie keiner; den beide sind Christen. Aus den geforderten Massenversammlungen sind ein paar dürftige Zusammenkünfte geworden; wer für die Juden spricht und schreibt, das sind immer dieselben und immer wenige Advokaten gewesen; und da die Tolstois und Mommsens und die Beaulieus' schon oft für uns gesprochen haben, macht die Einförmigkeit die Wirkung nicht glücklicher; und in den Akten, der Parlamente endlich liegt so mancher Antrag, dessen offene oder verhülite Spitze sich gegen dte Juden richtet* So scheint es, dass wir in eine langweilige Schule gekommen sind, iand niemals erlernen werden, mit welchen Mitteln wi* Jaden, wenn nicht Liebe, so doch gesetzlichen Schutz erhalten können. . Unsere Lehrer treiben ihre Methode jetzt schon jahrelang, aber sie ist schon reif: för die Rampelkamirier. In ihrem Zeichen ist Dreyfus Gnade statt Recht geworden; in