Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Article
- Die wundertätige Megille
- Date
- 1903-05-29
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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J*M* Nr. 22. . :': M tausend Dinge sein, die ihn van ihr. fernhielten — nur das Eine nicht. * . Mittlerweile war es drei Uhr geworden und Esther wartete immer noch, manchmal niedergeschlagen und wie geistesabwesend, dann wieder so voller Ungeduld und mit so schwerem Herzen, dass sie glaubte, es müsse ihr zerspringen; aber sie zuckte mit keiner Muskel. Sie Latte ja hinaus und ihm1 entgegengehen, nach ihm ausschauen können, aber sie war zu stolz, um den Leuten ihre Unruhe zu verraten, und dann wäre es auch nicht die rechte Art gewesen, ihrem Manne das Vertrauen zu beweisen, das sie ihm versprochen hatte. Da fiel ihr Blick auf David, der mit kindlicher Ungeduld^ kämpfte, und ein Gedanke ging ihr plötzlich durch den IZopf. „Warum} gehst dii nicht fort?" fragte sie ihn. „Ich fürchte mich, dich allein zu lassen, du siehst so traurig aus," antwortete der siebenjährige Knabe standhaft. „Ich will dir etwas sagen, mein Kind," arwiderte die Mutter, „geh5 ein bisschen hinaus und sieh dich in der Stadt um, ob du nicht den Yater siehst. Wenn du ihn aber triffst, so brauchst du ihm nicht sagen, dass ich dich geschickt habe, höchstens, er fragt dich — hast du mich verstanden, David?" (Fortsetzung folgt.) Moses am Sinai. Vergeblich hatte es Gott versucht, die Völker zur Annahme der Thora zu bewegen. Alle hatten sie an den göttlichen Geboten irgend etwas auszusetzen. Dem einen genügte eine einzige Gottheit nicht, dem anderen schien es unmöglich, ohne Raub und Mord das Leben verbringen zu können usw. Endlich kam die Reihe an Israel und es empfing sie freudig mit dem Ausruf: Wir wollen tun und gehorchen! Doch nicht so leicht kam Israel in den Besitz der Thora. Sein Führer Moses hatte bei seinem ersten Himmelbesuch einen harten Strauss mit den Engeln zu bestehen. Diese waren auf den Erfolg dieses Erdensohnes eifersüchtig und wollten ihm ein Leid zufügen. Und Gott verwandelte das Aussehen Mosis', der nun ganz dem Abraham ähnlich wurde, und sagte zu den Engeln: „Schämt ihr euch denn nicht, diesem ein Leid antun zu wollen, in dessen Hause ihr einst die herrliche Tugend der Gastfreundschaft kennen gelernt habet?" * Und die Engel konnten es doch nicht überwinden, dass die Thora nicht ihnen, sondern den Menschenkindern gegeben wurde. Sie begannen ein Loblied des Herrn zu singen, das* da lautete: „Du solltest deine Herrlichkeit im Himmel lassen! Was bedeutet denn der Mensch, dass du seiner denkst und ihn auszeichnest?" Der Weltenherr gab ihnen jedoch zu verstehen, dass die Lehre und die in ihr enthaltenen göttlichen Gebote nicht für Engel bestimmt und nur der Menschen willen verfügt worden seien, „damit sie sie befolgen und durch sie leben" . . . * Drei Tage wartete das Volk am Fusse des Berges Sinai in geheiligter und andächtiger Stimmung auf die Verkündigung der göttlichen Gebote. Und da sagte Gott zu ihnen: „Wohlan, ich gebe euch die Thora. Könnt ihr mir aber auch Bürgschaft geben, dass ihr sie halten werdet? Und sie sagten: Unsere Patriarchen bürgen für uns. Gott lehnte diese Bürgschaft ab. Sie meinten, die Propheten wären eine verlässliche Bürgschaft. Auch diese wurden abgelehnt. Erst als sie ihre Kinder als Bürgen nannten, stimmte ihnen Gott zu, denn in der Schuljugend liegt die sicherste Gewähr für den Bestand des Judentums und seiner Thora, die eben seine Macht bedeutet. * Und als die zehn Gebote verkündet werden sollten, musste Moses (Jen Himmel verlassen, damit das Volk nicht in dem. Ausspruche: „Ich bin dein Gott" die Stimme Moses vermuten sollte lind ihn fir öött hält&;;1 "' " y ' - ' -* Gott sagte zu Moses: Geh hinab, bereite das Volk vor. Sprich zu dem Hause Jacobs, das sind die Frauen, und rede zu den Söhnen Israels, das sind die Männer!" * Er sollte sich früher an die Frauen wenden, da es diesen obliegt, die Kinder in der Lehre zu erziehen. Ferner hätte Eva deshalb das erste Verbot überschritten, weif es zuerst an ihren Mann und dann erst an sie gerichtet war; daher sollten die Frauen zuerst angesprochen werden, damit sie die Thora nicht verletzen. * Als Moses den Himmel bestieg, sah er, wie Gott seine Eigenschaft „Langmut" auf eine Tafel schrieb. Da meinte Moses: „Deine Langmut kann ja nur den Frommen, nicht aber den Bösen zuteil werden!" Gott aber sprach zu ihm: „Es wird schon einen Augenblick geben, wo du meine Langmut auch für Sünder in Anspruch nehmen wirst." Und während Moses noch am Sinai weilte und das Volk ungeduldig sich dem Dienste des goldenen Kalbes hingab, sprach Gott zu ihm: „Geh hinab, dein Volk ist ausgeartet!" Moses aber sagte: „Durch die Sünde hören sie doch nicht auf, d e i n V o 1 k zu sein!" Und er erinnerte Gott an das Versprechen, Langmut auch Sündern gegenüber üben zu wollen. Moses hatte aber inzwischen bemerkt, dass die Schrift von den Tafeln verflogen war. Er sah nun, dass ein Volk, das dem goldenen Kalbe dient, solcher Gesetze nicht würdig sei. Und er ergriff die Gesetzestafeln und zerschmetterte sie. * Und Gott hatte angedroht, die Sünder nach Gebühr zu bestrafen. Moses aber betete für sie. „Streiche mich an ihrer statt aus dem Buche!" flehte er so innig er konnte. Seine Bitte wurde erhört. * Moses hatte also auf seine Glückseligkeit verzichtet, um die Gunst Gottes für das Volk zu erflehen. Er durfte nicht das gelobte Land, nach dem er so heisse Sehnsucht empfand, betreten. Als er später einmal für sich um Erlaubnis betete, das gelobte Land denn doch sehen zu dürfen, sagte Gott: „Entweder du gehst hin und ich verzeihe Israel nicht, oder du stirbst hier und Israel ist verziehen." Moses aber sprach: „Herr der Welt! Es möge Moses sterben und hundert seinesgleichen, es soll aber nicht einem einzigen vom Volke ein Haar gekrümmt werden!" Zwei Bilder. i. Pfingsten — das Erstlingsfest in Judaa. In der Bezirksstadt versammeln sich viele alte Landwirte des Bezirkes, wo sie sich zu einem gemeinsamen Zuge nach Jerusalem vereinigen. Vor ihnen her ziehen die festlich geschmückten Wagen mit den Erstlingen des reichen Feld- und Gartensegens beladen, die Zugtiere tragen an den mit Gold bedeckten Hörnern eine Olivenkrone als Symbol des Friedens und des Glückes. Vor ihnen her singt die Flöte das Lied des Dankes und der Freude in die Luft und aus tausend Kehlen erklingt es melodisch im Chore: i wphx "i b* ,jT»ac i&p „Auf, nach Zion, zum Ewigen, unserem Gotte!41; 'i rrs A d^öks <nn&rc „Ich freue mich, wenn man mir sagt: Auf, nach dem Hause Gottes!" In den Strassen mün dun gen vor Jerusalem vereinigen sich mehrere Bezirke zu einem Zuge. Vor den Toren Jerusalems machen sie Halt und schicken Boten in die Stadt, um ihre Ankunft anzukünden. Die vornehmen Männer