Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Article
- Die wundertätige Megille
- Date
- 1903-05-29
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Die wundertätige liegille. Von Samuel Gordian. Autorisierte CJebersetzung ron Anna Kellner. (Fortsetzung.) Kolba hörte di« spöttische Ke-ie schweigend an utl-1 schüttelte nur den Kopf; das bracMe die Frömmler auf, denn Kolbas Weigerung war ein ausgesprochener Verstoss gegen die Vorschriften des heutigen Tages. „Gottesleugner, Abtrünniger, Scheusal!" kam es vom: den Lippen aller, am deutlichsten a,T>er vernahm Kolba die Stimme des buckligen Issar, des wütendsten Fanatikers vom allen. „Wpisst du nicht fc schrie er ihn an, „dass wir am Purin* die Pflicht haben, so lange zu trinken, bis wir zwischen Haman und MordeeMi nicht mehr unterscheiden können? Du Ungläubiger! Willst du durch deine Missachtung dc?r Vorschriften Unglück über die Gemeinde bringen?" Ein fieberhaftes Zittern ergriff Kolba: er fühlte, dass die eisernen Ketten, mit denen er rsein Verlangen niedergehalten, eine nach der anderen zersprang, uttd dass, wenn keine Hilfe nahte, sein böser Instinkt hervorbrechen und. seine guten Vorsätze: zunichte machen würde. „Gott," betete er mit der letzten Kraft, die ihm nocli übrig geblieben war, „erbarme dien, wenn nicht schon meiner, so meines Weibes und meines Kindes!"' Issar betrachtete ihn wütend, „Ah, ich hab's murmelte er. Rasch ergriff er ein Glas Sclinaps vom Tische und hielt es zum Fenster hinaus. „Da schau, Kolba," rief er aiu, „der beste Schnaps, den es auf der Welt gibt! Kost' einmal, wie er duftet! Wie Myrrhen!" Kolba blickte hin und der Duft des Schnapses :og ihn mit unsichtbaren Fäden an, wie der Geruch des Blutes das wilde Tier lockt. Er erbebte vom Scheitel bis zur Zehe, warf einen wilden, angstvollen Blick nach der Eichtling, in. der sich seine Wohnung befand unä wo, wie er sehr wokl wusste, Esther jetzt auf ihn wartete, und mit einem Stöhnen, das ihm selbst wie das Stöhnen seines Schutsengels klang, der sich in Todesnöten wand, stürzte er durcli die offene Tür in das Wirtshaus hinein — er sagte sicli dabei, dass er bei Lebzeiten in sein Grab schritt. In der Tat wartete Esther sehnsüchtig auf die ."Rückkehr ihres Mannes und lauschte gespannt auf seinen Schritt. David, der ihr Gesellschaft leistete, befriedigte seinen Appetit, der sich uiil die Mittagsstunde einstellte, indem <ri die frühere MJahlzeit fortsetzte; damit fertig, versank er iii Nachdenken. „Genau vor einem Jahre war's," lautete de-7 Schluss seiner Betrachtungen. „War was?" fragte Esther. „WTeisst du nicht mehr? Ich meine, wie der Vater nad Hause kam und den. Kuchen und li_e= Hamansmützen, dk du gebacken hast, auf die Erde warf, und wie er nachher die rote Bübensuppe., zu der du drd Eier genommen hast, zum Fenster hinaussehüttete. Warum hat er das auch getan? Du hast es mär nie sagen wollen,, so oft ich dich aucli gefragt habe." Esther presste die Hand aufs Herz. „Kinder sollen nicht so viel fragen," antwortete sie, „ausser am] Sederatend, wenn sie Manischtane fragen;Ä dann fuhr sie mit einem matten Lächeln fort: „Aber heuk will ich dir's sagen: es war ein Scherz von deinem Vater — sonst nichts, du weisst doch, däss man am Purim Spas-ßtreiben darf?" „Aber das war ein Spass zum Weinen, nicht zum Lachen," erwiderte David schmollend, und ich hoffe, der Vater wird es sieh nicht einfallen lassen, es heute wieder so zu machen, ich werde ganz hungrig, wenn ich niu daran denke." „Heute ist er zu solchen Scherzen nicht aufwiegt," sagte Esther, j Trotz dt>r beruhigenden Worte fihlte die junge Frau, wie sich ein leiser Zweifel in ihrem llerzen zu regen Wgann. War es Kolba mit seinem Versprechen ernst gewesen? Sie wagte es nicht, darüber nachzudenken, sie konnte nur liof f en und beten. Der kleine David war wieder in Nachdenken versunken. „Und dann wollt' ich dich noch etwas fragen, Mutter," begann er plötzlich von neuem, „aber das ist eine lange Geschichte und vielleicht vor zwei Monaten geschehen. Ich war schon schlafen gegangen, wie immer, wenn du auf den Vater wartest, aber an dem Abend hast du so traurig ausgesehen, dass ieli nicht einschlafen konnte, so sehr musste ich immer daran lenken. Und endlich hörte ich den Vate r nach Hause kommen, aber er begann sofort zu schreien und mit den Füssen zu stampfen, so dass i<üi zu Tode erschrocken war und leise aufstand und durch di e- Türspalte guckte. Und da hab' ich gesehen, wie der Vater eine Hand in Seinem Haar hatte und die andere hob er auf, geradeso, ak wenn er dich schlagen wollte, und da sagtest du: „Nur das nicht, Kolba, nur das nicht — alles, nur das nicht!" Uni dann liess er dich los und kauerte sich in einen Winkel nieder und weinte. Und darüber war ich noch mehr ersetoroeken und da bin ich schnell in mein Bclt zurückgekrochen und hab' mir die Decke fest über den Kopf gezogen. War das auch Spass, Mutter?" Und der Kleine hielt atemlos inne und wartete a-uf die Antwort der Hutter, indem er sie gespannt anblickte. Esther al>er presste beide Hände auf ihr Heia und blickte ihn entsetzt an, und endlich sagte sie: „Was sprichst du da? Du bist von Sinnen und last das nicht gesehen, sondern geträumt — wahrscheinlich hast du dein Nachtgebet damals nicht ordentlich gesagt." Die Stimme versagte ihr, und dann schloss sie sckluchzend: „Glaub' mir, mein Kind, es ist nicht wahr, du hiL&t es nur geträumt" David presste die Lippen fest aufeinander, aus Angst, dass er sonst eine neue Frage aussprechen würde, imd er bekam auf seine Fragen immer so merkwürdige Antworten. Esthers Herz aber befand sich in wildem Aufruhr. Sei weit war es also gekommen, dass das, was sie sich so zn verhindern bemüht hatte, wenn sie auch wusste, dass diu Aufgabe eine unausführbare war, nun doch endlich eingetreten war: das Kind begann aufmerksam m werden! In all ihrem Kummer war es ihr einziger Trost gewesen, dass Daynd von dem schwarzen Schatten, der seine Schwingen über ihr Heim ausbreitete, keine Ahnung hat te. Sie wusste, dass der Tag kommen musste, an dem ihr Solin vor sie hin treten und sie fragen würde: „Mutter, sag', wen hast du mir da zum Vater gegeben?u Und oft hatte sie gebetet, dass ihr Sohn diese Frage am ihrem Grabe aussprechen möchte. Allmächtiger Gott! War es Kolba ernst gewesen mit seinem Versprechen? Wenn es ihm ernst war, warum war gm noch nicht zurück? Er brauchte nur zwei Stunden bis ins Crosse Haus und wieder zurück, und nun ^ar er schon drei Stunden fort! Aber vielleicht musste er warten, vielleicht hatte er einen Bekannten getroffen, es konnte ja tausenderlei vorgekommen sein, um ihn abzunähen! Mochten es zehn-