Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Ein Mann der Tat
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316041-3332506--40243-3332625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16 „Die jfr Welt" Nr. 20 dieser Mann seine Seele aus. Ihm folgten in martervollem Tode noch viele, treuergebene Söhne des Volkes. Es waren dies die vierundzwanzigtausend Schiller des E a b b i A k i b a, so hiess nämlich der Mann, der grosse Lehrer und schwärmerische Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit seines Volkes. Alle fielen sie durch die mörderische Hand der Horner während der „Sephira"-Tage, die nach der Tradition als Trauerzeit begangen werden. Am 33. Sephira-Tage, am „Lag-boomer" jedoch wurde dem Morden eine Grenze gesetzt und dieser Tag ist lange als Fest der jüdischen Schuljugend begangen worden, die, vom Lehrer angeführt, mit Bogen und Pfeil versehen, sich ins Freie begab, um mit einem unsichtbaren Feinde zu kämpfen. Die Erinnerung an Rabbi Akiba und seine Begeisterung mögen an dem Verdienste Teil haben, dass die jüdische Schuljugend sich selbst dieses unsichtbaren Feindes erwehrte, von dem ihr Volkstum, ihr Geist und ihre Lehre im bitteren Golus auf Schritt und Tritt bedroht war. Die wundertätige Megilie. Von Samuel Gordon. Autorisierte Uebersetzung von Anna Keilner. (Fortsetzung.) „Ich verlange nicht, dass du mir glaubst, Esther/"' sagte er, „schau nur ruhig zu. Und doch," fügte er nach einer Weile mit bebender Stimme hinzu, „würde es mir helfen, wenn du mir ein wenig glauben könntest, es würde mir die doppelte Kraft verleihen." „Wie kann ich dir glauben?" sagte Esther in klagendem Tone und schlang ihre Finger krampfhaft ineinander; „wenn ich dir wieder vertraue und du enttäuschest mich von neuem, so wird es mir das Herz brechen." „Du wirst aber nicht mehr enttäuscht werden," rief Kolba mit heiserer Stimme aus und streckte seine zitternden Hände nach den ihren aus, „du wirst nicht mehr enttäuscht werden! Wobei soll ich dir schwören? Ah!„ sein Gesicht erhellte sich, als die Tür aufging und David hereinstürmte, „siehst du, Esther," fuhr er triumphierend fort, „Gott zeigt mir, wobei ich schwören soll — bei seinem Leben!" Bei diesen Worten legte er eine Hand auf das Haupt Davids. Der Knabe blickte erstaunt zu seinen Eltern empor, aber er verstand nicht, um was es sich handelte und war zu sehr erschrocken, um zu fragen. Er sah nur, dass seine Mutter schweigend nickte und dass grosse Tränen du ihre Augen traten. Und als David mit seinem Vater bei Tische sass, wuchs sein Erstaunen, denn seine Mhitter ging, trotzdem die Tränen noch in ihren Augen glänzten, lebhaft mit elastischen Schritten ab und zu und ein fröhliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Das war ihm ganz neu, denn sonst hatte er sie oft weinen oder mit zusammengepressten Lippen wie ein Steinbild dasitzen und blind ins Leere starren sehen. Und es machte ihn ganz glücklich, sie lächelnd weinen zu sehen, und das grobe trockene Brot, das er ass, schmeckte ihm so gut, als wäre es dick mit Honig bestrichen gewesen. Gleich darauf stand Kolba auf und sagte schamhaft und mit gedämpfter Stimme zu seiner Frau: „Wir begehen den heutigen Festtag in sehr armseliger Weise, Esther, aber das ist nicht deine Schuld, so weit habe ich es kommen lassen, dass wir bis zum Halse in Armut stecken." „Ich bin unsäglich reich," erwiderte Esther, „die Worte, die du vorhin zu mir gesprochen hast, enthalten mehr Gold, als in allen Schatzkammern der Welt zu finden ist, und ich bin ganz zufrieden mit meiner Armut." „Das tut nichts zur Sache, deshalb müsste dieser Tag doch gebührend gefeiert werden/* sagte Kolba fröhlich. „Ich wollte, wir könntens," entgegnete Esther, „aber wie sollten wir das anstellen?" „tTeberlass das nur mir, du Kleingläubige," lächelte Kolba und streichelte dabei ihre Wange; „ich gehe jetzt in das Grosse Haus hinauf und lasse mir die Reitstiefel bezahlen, die ich für den Gutspäehter gemacht habe. Heute mittags sollte ich dort sein, um mir das Geld zu holen, ich hab mich schon verspätet. Jetzt geh ich aber rasch hin und bin bald wieder da." In Esthers Herzen stieg eine grosse Angst auf: wenn Kolba Geld bei sich hatte — und er hatte eine grosse Summe zu bekommen, denn er war ein geschickter Arbeiter und seine Arbeit wurde ihm gut bezahlt — dann stand ihm die erste schwere Prüfung bevor. „Lass mich mitgehen," schwebte es ihr auf den Lippen, aber sie unterdrückte die Bitte — hatte er sie nicht gebeten, ihm zu vertrauen? Sollte sie den Glauben in ihm erwecken, dass ihr Vertrauen nicht über die Schwelle ihrer Wohnung reichte? Kolba ging also allein in das Grosse Haus, in dem der Gutspäehter wohnte: nachdem er dort den bedungenen Preis, sechs Rubel, erhalten hatte, machte er sich sofort wieder auf den Heimweg. Er wollte unterwegs alles einkaufen, was zu einem Festmahl erforderlich war: ein Pfund Kalbsleber, Miandeln, Rosinen, Mehl und Zucker für die Pfannkuchen und alle sonstigen Delikatessen, die für diesen Tag vorgeschrieben sind. Zu trinken nahm er jedoch gar nichts mit — keinen Fingerhut voll; darum machte er auch einen grossen Umweg, um das Wirtshaus am Rande der Stadt zu vermeiden ... Was hatte das zu bedeuten — rar er von seinem bösen Geiste betört? Denn plötzlich befand er sieh gerade vor dem Wirtshause, mit einem Dutzend Schritte hätte er die Wirtsstube erreicht, aus der die Stimmen der särmenden Zechbrüder deutlich an sein Ohr drangen. Kolbas Herz hämmerte wie ein Schmiedehammer; der Angstschweiss stand ihm in dicken Tropfen auf der Stirn, und er fühlte, dass er kreidebleich geworden war. Mit einer ungeheuren Anstrengung riss er sich los, schwankte mit zitternden Knien einige Schritte weit fort und wollte gerade rüstig ausschreiten, um in Sicherheit zu gelangen, als er seinen Namen rufen hörte. Er wollte sich die Ohren zuhalten, aber er konnte die Hände nicht in die Höhe heben, wie gelähmt hingen sie ihm herab; da folgte dem ersten Ruf ein zweiter und dritter, bis ein ganzes Dutzend Stimmen ihm zuriefen: „Kolba, komm und trink mit uns!" Wie ein gehetztes Wild starrte er die Gesichter an, die sich an den Fenstern des Wirtshauses zeigten und die Hände, die ihn zu sieh winkten. Er kannte die Leute: es waren Chassidim. „Komm, Kolba, lass sehen, wie gut du trinken kannst!" rief einer von ihnen. Bei diesen Worten kam ein wilder Zorn über Kolba: so tief war er also schon gesunken, das? er diesen Wahinsinnigen in ihrer Trunkenheit zur Kurzweil diente? Aber sein Zorn galt nicht so sehr den Leuten als sich selbst, denn leise beschlich ihn bereits ein Gefühl der Ohnmacht, ihren Lockungen zu widerstehen, und er betete zu Gott, dass er entweder Elijah senden möge, dass er ihn in seinem Wagen entführe oder dass er augenblicklich des Todes sein möge. Wie gebannt stand er da und schüttelte in blödsinniger Weise den Kopf, indem er mechanisch die Worte ausstiess: „Nein, nein, ich trinke nie mehr, ich habe es Esther versprochen." „Unsinn, Kolba," rief einer der Chassidim aus, „du hast ja eben erst zu trinken angefangen/du bist ja noch jung; wenn du fortfährst zu trinken, bis du achtzig Jahre alt bist, wirst du es noch erleben, dass du ein alter Mann wirst!" (Fortsetzung folgt.)