Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 20 (15.5.1903)
- Article
- Ein Mann der Tat
- Date
- 1903-05-15
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316041-3332506--40242-3332624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus unseren Büchern. Ein Mann der Tat, Zu La^boomer. Von M. Henes. Es war einmal ein ungebildeter Hirtenjunge, so unwissend und bjilldmigkfeiiidlich, dass sein sehnlichster Wunsch war, einen Gebildeten, einen „Talnüd-Chachani^, zu treffen und ihm den G-ztraus zu machen, oder, wie er sich in seiner ungeschlachten HirtenspracHie ausdrückte, ihn „wi«i ein Esel zu beissen". Die Leute aneinten soga,r, der Hirtenjunge wäre gar nicht jüdischer Herkunft, sondern ein Nachkomme eines kanaanäi sehen Feldherrn aus der ersten Richterzeit, der Israel hart bedrängte ... Uiud doch muss der Hirtenjunge ausserordentliche Eigenschaften besessen haben, die bei der Tochter seines Herrn für ihn das abenteuerlichste Interess-e wachriefen. Eine vornehme Jungfrau, die Tochter des giössten Philanthropen in Jerusalem, dessen Haus niemand hungrig verlassen durfte, verliebte sich in den ungebildeten Hirtenjungen; gegen den Willen der Eltern vermälüte sie sich mit ihm. Und sie wurde von ihrem Vater Verstössen, enterbt. Gross var das Elend und die Not des Ehepaares, das auf dem Boden eines Stalles seine Wohnstätte einrichtete, ohne das spärliche Bisschen Stroh zu haben, das sein Lager bilden sollte. Und die frühere Millionärstochter schnitt ihren schöner., reichen Haarschnnick ab, den sie weräusserte, um für den Erlös Brot zu kaufen: Dafür versprich ihr der geliebte Satte, sich zu bilden, sich dem Thora-Studium 211 widmen. Ei hielt Wort. Vierzig Jahre alt, be«>:ab er sich in Begleitung seines jungen Sohnes zu einein Kinderlehrer und begann das Lesen zu lernen. Es ging natürlich niclit so leicliit. Aber seine -Ausdauer-bewältigte alle Schwierigkeiten. Ex hatte eines Tages in einer Wasserqnelle gestanden. „Wer hat diesen Stein so ausgehöhlt?(e fragte er. Man antwortete ihm: „Das Wasser, das ununterbrochen seine Tropfen darauf fallen liess/c „"Wenn nun das weiche Wasser den harten Stein durch unausgesetzte Bearbeitung umformen kann,"" sagte er si<üi voll Zuwer&icht, „dann wird auch das Studium der Thora seine veredelnde Wirkung auf mein Herz nicht verfehlen!u UiLd er gab sich mit allem Eifer dem Studium hin; nachdem er lesen gelernt hatte, begab er sich zu ckn Mischnah-Lehrern und sas& jahrelang zu ihren Füssen, unbeschadet des ldimmerlichezn Daseins und der Not, die in seinem Heim herrschte. Täglich ging er du die Wälder, las verdorrte Aeste und Sj>äne auf, deren eine Hälfte er auf dein Markte verkaufte, um sich so den kümmerlichen Lebensunterhalt zu verschaffen. Die andere Hälfte benützte er zum Verbrennen und studierte ganze Nächte beim Liclite der Fkanmen. Seine Nachbarn mochten den Bauch nicht vertragen und erboten sich, ihm statt deT Späne Oel 211 geben, das üim beim Studium als Licht dienen sollte. Er bedeutete ihnen jedoch, dass ihm das Feuer zweifachen. Dienst Leiste, nämlich Licht und Wärme spende. Und die grossen Volkslehrer meinten: Dies Beispiel belaste alle jene Unbemittelten, die da rorgeben, ihrer Armut wegen sieh dem Tliora-Studium nicht widmen 2.11 können, Es sei auch nicht ganz richtig, dass ein Familienvater di«eser Pf lient des Thora-Studiums nicht nachkommen könne. Diesei ungebildete Kirte beweise das Gegenteil. Auf Veranlassung seiner Fram, der schönen Eacliel, gab er sich dem Studium hin und erlangte die höchste Stufe der Gelehrsamkeit und der Gesetzeskenntnis. Während er in fernen Lehrhäusern weilte, verharrte seine Gattin voll freudiger Hoffnung auf die Biekkehr des geliebten Mannes. Nachbarinnen unterliessen es nicht, sie mit dem Stachel schadenfrohen Tratsches zu verwunden. Ihr Gatte hätte? sie verlassen und werde nie zur iickkehren, erklärten sie mit boshafter Neekerei gegen die Tcomantische Millionärstochter. Schon wiiT der Gatte zurückgekehrt un-cl an der Sehwelle seines Hauses angelangt, als er hinter der Türe einen solchen Tratsch hörte.. Pochenden Herzens vernahm er die Antwort seines treuen Weibes, die den Nachbarinnen unumwunden erklärte, dass sie wünsche., ihr Mann möchte weitere zwölf Jahre fembleiben, um recht viel zu erlernen. Uni er entfernte sieh unbemerkt, nm weitere zwölf Jahre in Lehrhäusern zil verbringen . . . Nach vienmdz wanzig Jahren kehrte er zurück, begleitet von vieriinclzwanzigtaiisend Schülern. .Er ward einer der grössten Lehrer seiner Seit. Die grossen Lehrer in Israe] meinten, dass ohne ihn „die Lehre vergessen oder doch vernachlässigt worden wäre", und Gott hatte schon lange vorher dem Moses in einher Sache, die er nieht gut verstand, bedeutet, es werde nach vielen Geschlechtern ein Mann kommen., der das verstehen werde. Viele der schönsten Lehrsätze des Judentums stammen von diesem Manne her. So besonders der grosse Satz: „Alles misst nur nach der Grüsse der T a t \cc Und ein M a n n der Tai war er, wie kenn anderer seiner Gesinnungsgenossen. Als die römische T«rfolgungswut in ihrer lieft igen Grausamkeit ausgebrochen war und sich nicht damit begnügt hatte., dass der Tempel zuJerusalem eingeäschert und das Judenvolk seiner staatlichen Selbstständigkeit beraubt war, als Kaiser Hadrian alleKzraft aufbot, dem Judenvolkze auch den jüdischen Geist zu rauben, sein nationales Sein zu untergraben, trat unser grosse r Gelehrter eine Propaganiareise im ganzen Lande an; er soll von seinen vierimdzwanzigtausend Schülern begleitet worden sein. Und als ein heldenmütiger Kämpfer sich erboten hatte, für die Freiheit und Wiederherstellung der jüdischen Selbständigkeit zu streiten, segnete der grosse Eabbi dessen Unternehmen und erwärmte die Herzen und die Gemüter der unterdrückten Volksgenossen.. Er achtete nicht auf den Spott seiner GSenossen, die ilm ob der Schwärmerei verhöhnten und ilini, dem „Utopisten", schmähend zuriefen: „Eher wird Gras auf deinen Kinnladen wachsen, ehe der Messias erscheinen wird l" Er half den Kampf gegen das mächtige Rom organisieren, einen Kampf, der die Wunder der makkabäisohen Begeisterung von neuem aufleben machte, den letzten verzweifelten, heldenmütigen Kampf des jüdischen Volkes um seine Unabhängigkeit der leider durch Verrat seitens der Sainaritaner und anderer Feinde nicht den gewünschten Erfolg hatte. Bethar, die letzte Festung, war gefallen, ihre kämpfenden Helden gerieten in die Hände ihrer Feinde und die Gegner unseres, grossen Lehren« behielten leider recht. Der grosse Lehrer hat trotz aller Einschüchterung von Seiten der römischen Machthaber seine Lehrtätigkeit nicht eingestellt, bis er in die HLnde der römischen Schergen fiel, die ihn in den Kerker schleppten. Mit dem Rufe: „Höre Israel, dein Gott ist der einig Einzige!'* hauchte