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Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Kischenew und die Sardinen
Date
1903-05-08
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2;,Dfe # Welt** m 19 tüchtig —verlasse das Haus und gehe meinem Bureau zu. Da drüben an der Strassenecke bleibe ich gerne,- stehen« Dort hat ein Händler herrliche Früchte im Schaufenster — Primeurs aus Algier, frische Erdbeeren, Ananas, Bananen, seltene Fische — an deren Anblick ich mich gerne erfreue. Hinter den Fruchten erhebt sich eine Wand von Blechdosen — Sardinen in OeL Es ist doch merkwürdig, wie dieser starke Fischgeruch durch die Blechwände dringt, das dicke Fensterglas; durchströmt und — — Die Erdbeeren, die grossem Früchte, wahrhaftig, sie bluten! Woiun ich in der Folge dieses Tages blickte, ich sah Blut, jvohin ich mich wendete, ich fühlte den kalten Tod. £Iein Blut wallte, mein Hirn brannte und das Herz zitterte in mir. Wie ist es nun mit den anderen Juden? Essen sie denn gar nichts? Von Kischenew haben sie alle gehört. Ist ihnen, nicht der Bissen1 im Mujide bitter geworden bei dieser Nachricht? Haben sie keine* Kind-er die sich zitternd an sie schmiegen, wenn sie hören, dass man Judenkiiider am Herzen ihrer Mütter tötet? Stört ihre Nerven nicht der Hauch des Todes? Sind unsere Brüder im fernen Bessarabien vergeblich gestorben? Nein, nein, das dürfen wir nicht glauben. Immer wieder wenn Juden um ihres Stammes willen hingeschlachtet werden, geht eine tiefe Bewegung des Mitleidens durch das jüdische Volk, und man hilft, man ratet, wie es der Augenblick eingibt, man schickt die Bedrohten von dem Herde des Aufstandes in die: Ferne man begräbt die Toten und wenn über die Gräber das Gras wurzelt — dann hat man die Geschehnisse vergessen. Wir aber werden Kischenew nie vergessen. Aus purer Selbstliebe, denn wir wollen in Ruhe und Frieden unser Frühstück verzehren und freien Gemütes unsere Kinder herzen» Das Wort wird zur Tat und das Blut zum sicheren Fundament. Schlafet in Frieden, ihr armen Blutzeugen Jahrtausende alter Stammestreue, ihr seid nicht, vergeblich gestorben. Wir könnten aus eurem Jammer eine Parole prägen und aus euren Todesseufzern ein Feldgeschrei, dass gewissen Leuten die: Ohren gellen müssten. Aber euer Andenken ist uns. zu heilig für Demonstrationen. Ihr Schwachen, ihr werdet in uns stark. Ihr Toten, ihr werdet in uns lebendig. Wir rüsten zur Tat in eurem Namen. Sammelt Holz von ihren Särgen, damit wir Tore zimmern zu sicheren Stätten, in denen der Jude nicht um seines Stammes willen getötet wird. Füllet von ihrem Blute in kleine Tränenfläschchen, damit wir sie bald in die Fundamente senken, auf denen sieh unsere Mauern erheben sollen. Bis zu diesem Tage aber duften mir die Hyazinthen wie Sardinen, die Fische wie Leichen und die Tulpen leuchten wie Blut. Nur wenn wir müde sind, niedergehetzt von der Niedertracht der Menschen, von der Bosheit der Kiemen und Geringwertigen, dann — damit das Werk nicht leide und kehre Müdigkeit uns anfalle — dann wollen wir es uns zurufen — das anfeuernde Losungswort „Kischenew!" H , , » » z. Die Judenmassacres in Kischenew. Die Einzelheiten über die Schreckenstage von Kischenew, welche jetzt bekannt werden, sind entsetzlich. Nach Daten aus officieller Quelle beträgt die Zahl der agnoscierten getöteten Juden 90, sage neunzig, jene der Schwer verwundeten 70, jene der Leichtverwundeten gegen 200. Die Getöteten wurden mit Eisen-;tan?en erschlagen, so dass der Arzt gar keine Mähe hatte, die Todesursache zu konstatieren: mit zerschmetterten, eingedrückten und formlosen Schädeln lagen die Unglücklichen in den Strassen umher, von einer wild johlenden Menge umringt, welche moralisch so tief gesunkeil war, dass sie sich über die Opfer ihrer Bestialität noch lustig machte"... Aber sogar noch jetzt, zwei Wochen nach den Schreckenstagen, wagen die Juden nicht, ihre Geschäfte zu öffnen, weil das Gerücht nicht verstummen will, dass die Unruhen sich wiederholen würden ..... . Der Vize-Gouverneur von Kischenew, Staatsrat Ustrugow, der Chef der Gendarmerie, Oberst Tscharnolusskij, und der Polizeimeister Mauschenk o w sind jetzt bemüht, die aufgeregten Juden zu beruhigen, aber die Tatsachen lassen die Juden nicht zur Ruhe kommen. Böswillige Personen bereisen das flache Land und verbreiten das Gerücht, dass die Juden die Erzengel-Kirche in Kischenew entweiht und zwei orthodoxe Geistliche getötet hätten. Der Metropolit von Bessarabien, Erzbischof Jacob, lässt zwar im antisemitischen „Bessarabetz" diese albernen Gerüchte dementieren und die Bauern davor warnen, diesen Gerüchten irgend welchen Glauben zu schenken, aber die unwissenden Massen, durch allerlei Agitationen gegen die Juden aufgehetzt, glauben dem albernsten Gerede, sobald dieses die Juden in ungünstigem Lichte darstellt. Dieser Tage ist der Direktor des Polizei-Departements, Staatsrat L o p u c h i n, in Kischenew eingetroffen, um die Ursachen der Judenkrawalle festzustellen. Merkwürdigerweise aber wird das. Hotel „Schweiz", woLopuchin domiziliert, von Dragonern bewacht, welche den Juden den Zutritt zum allmächtigen Polizei-Direktor nicht gewähren, so dass er über die Vorgänge in Kischenew nur einseitig unterrichtet werden dürfte. Ueber die Folgen der Krawalle und über die gegenwärtige Lage unserer unglücklichen Brüder in Kischenew dürfte der Aufruf des Kischenewer Bürgermeisters K. Schmidt, welcher im „ Bessarabetz" publiziert wurde, einigen Aufschluss geben. Dieser Aufruf lautet wörtlich: „Helfet! In den ersten Tagen des heiligen Osterfestes fanden in Kischenew Strassen- Demonstrationen gegen die Juden statt. Eine Masse von Unglücklichen blieb ohne Nahrung und Wohnung, eine Masse von Waisen und Witwen blieb zurück. Die Lage ist eine erschreckend schwere. Rasche und allseitige Hilfe tut not. Indem ich mit Zustimmung des Gouverneurs eine Sammlung von Spenden zugunsten der unglücklichen Juden eröffne, ersuche ich alle Einwohner von Kischenew und des Gouvernements inständigst, nach Kräften zu helfen. Denn nur dadurch werden die Leiden der Unglückliehen gelindert werden können. Der Bürgermeister K. Schmidt*, Der Adelsmarschall Krupenski, sein Bruder und noch einige Christen haben am ersten Tage den Betrag von 600 Rubeln gespendet, aber diese Hilfe ist nur ein Tropfen im Meere des Unglückes, das unsere Brüder getroffen hat.

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