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Die Welt · 1903-05-08 · 19 (8.5.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
19 (8.5.1903)
Article
Kischenew und die Sardinen
Date
1903-05-08
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Dasselbe Kischenew, in welchem man ihnen dieses leidvolle Dasein, an dem sie so hängen wie ihre glücklicheren Mitmenschen,, gelegentlich gewaltsam geraubt, Eigentlich ka_nn man sich die Sache doch nicht recht vorstellen. Man liest: „Judenkrawalle in Kischenew«. So zwischen den Telegrammen über die Ereignisse der Böirse, die Reisen des Königs von England und den Empfängen des deutsehen Kaisers. Schön, eine Zeitungsnachricht! In den Blättern liest man so viel von Not und Elend, Mord und Raub, man ist ordentlich abgestumpft. Unser Kind allerdings, ein erwachsenes Mädchen nimmt die Sache ernster. Mein Gott, sie ist noch so jung, so namenlos empfänglich für alle seelischen Erregungen. Sie Ist heute die erste, die das Blatt zur Hand bekommt und für sie gibt es keine andere Nachricht in der ganzen Zeitung. Ob ich schweige oder rede, sie lärm die Nachricht nickt los werden und sie kann meine Ruhe nicht begreifen- Nun lasse ich mich aber beim Frühstück nicht gerne in meinem Gemüte aufstören. Der Tag bringt ohnehin genug der Mühen und Sorgen, der Qualen und Aufregungen, man muss mit seiner Ruhe haushalten. Ich streiche, wie gewöhnlich, meine Buttersemmel und zerlege eine Oelsardine, deren pikanter Duft mir angenehm in die Nase steigt. — Unser Kind ist nicht zu beruhigen. „Vater, hast du es denn nicht gelesen. Man hat den Müttern ihre Kinder genommen, man hat sie in ihrem Beisein, vor ihren Augen getötet!" Ich lege die Sardinen zurück und sehe unserer Tochter in die Augen. Sie sind thränenifeucht Ich streichle ihre Wanden, die vor Aufregung glühen. Sie aber, wie sie meine Hand fühlt, sie schmiegt sich an mich und hält sie fest, wie Hilfe suchend. Dann zuckt es von Auge zu Auge, vom Herz zu Herz. Man muss nicM sprechen, um sich zu verstehen. Was da denkt und spricht, das bin doch ich selbst; ein Stück von mir, sorgsam bewacht und behütet, mit dem Besten und Tiefsten belehrt, dessen meine Seele fähig ist. Das Höchste aber, das ich meinem Kinde geben konnte, das ist meine Liebe zum Volke, die Tieue zu sich selbst Wir sind jetzt beide in Kischenew.--Eine wilde Horde dringt jetzt in unser sonniges Gartenzimmerchen*--Wir kämpfen um unser Leten.-- IcL schütze Weib und Kind vor dem Aeussersten! --.--Es dauert mir Sekunden, aber icL durchlese die stundenlange Toäespein meiner Brüder und Schwestern in Kischenew. Ihr Kind ist mein Kind, m&in Leben ist das ihre. Ich fasste mich ra.sch, um unser Frühstück zu beenden. Sonderbarerweise konnte ich nichts essen. Besonders die Sardinen widerstanden mir. Es sind todte Tiere — und der Geruch--wie fatal, ich roch Blut — trocknendes Blut — abgestorbenes Fleisch. Ich wusste ja, dass es Sardinen sind, aber ich sah--Kinde deichen. Kleine — weisse Leiber — ohne Köpfe. Ich ging in den Garten. Wenn mein Gemüt zu schwer belastet ist, wenn die- Niedrigkeit der menschlichen Geschöpfe, die Un¬ Verständlichkeit ihrer Handlungen mich zu arg verstfcren, dann flüchte ich zu meinen Blumen. Ihre ruhige Schönheit, der edle Duft ihres Hauches, die Harmonie der Farben, das alles zieht meine Seele in cle-n Bann des Grossen, Erhabenen, Ewigen in der Natur — es glkttet die Bewegung meines empörten Gemütes. Heute neige ich mich doppelt gierig iiber die duftenden Trauben der Hyazinthen — aber am meinen Nerven haftet noch immer der Blutgernch von Kischenew. Neben den Hyazinthen blüht die Tulpe, ho chstengelig, leuchtend gelb, mit roten Streifen und Punkten, jenes tiefe, glüLende Rot, das — das dem Blute ähnelt Ich schnelle hastig zurück. Sonderbar! Ich hatte das nie gewusst nie geahnt. Hyazinthen ri&ehen nach Sardinen — und Tulpen leuchten wie Blut. Ich rieche Mord und ich sehe den Tod. Ich wwssja, dass es Täuschung ist. Ob ich nicht etwas von dem Oel an mir haften habe? Ich wascüie mich

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