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Die Welt · 1903-05-01 · 18 (1.5.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
18 (1.5.1903)
Article
Die Exzesse gegen die Juden in Bessarabien
Date
1903-05-01
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite „Die $l Weit64 Nr. 18 Tage, am 7./20. April, begannen die Unordnungen in einer solchen schauderhaften Form, wie sie kaum je seit dem Mittelalter stattgefunden haben. Reiche, begüterte Häuser wurden mit einemmal entleert, Gewölbe geplündert, Gerätschaften in Stücke zerbrochen, Kissen und Bettzeug zerrissen und in alle Windrichtungen zerstreut, so dass sie die Strassen wie mit einer Schneedecke bedeckten. Kostbare Waren, Seide und Wolle lagen auf den Strassen, so dass die Wägen anhalten mussten, da die Pferde nicht weiter konnten und der Pöbel nahm alles, was ihm beliebte* Der eine zog ein neues Schuhpaar an und wählte nach seinem Masse, der andere nahm sich einen teueren Rock und kleidete auch sein Weib in kostbare Kleider — und all dies ereignete sich auf offener Strasse und niemand wehrte es ihnen. Hunderte von Familien, die früher wohlhabend waren, sind jetzt aller Mittel entblösst, reiche Leute sind in einer Nacht zu Bettlern verwandelt, alle Häuser sind ganz offen, da die Scheiben und Fenster eingebrochen sind. In dem Momente, wo ich sitze und schreibe, sind alle Strassen voll Jammer und Klagen unserer elenden, geplünderten und verwundeten Brüder und Schwestern. Es ist die Pflicht der jüdischen Wohltäter, so rasch als möglich irgendwelche Hilfe zu schaffen an Geld und Gerätschaften, da das Unglück gross, die Not schrecklich ist. Alles kann man an die Adresse des Amtsrabbiners unserer unglücklichen Stadt, H. Eting er, schicken. Ueberwältigt vom Schmerz, muss ich meinen Bericht abbrechen und werde die Details in nachfolgendem Briefe mitteilen. Man vermutet, dass der Schaden sich auf eine Million Rubel (2l/2 Millionen Kronen) beläuft. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten ist erschreckend gross. Die Krankenhäuser sind von Verwundeten überfüllt. Gott möge sich unser erbarmen! K . .. B . .. Einen weiteren Bericht über die schreckliche Katastrophe in Kischenew erhalten wir von zuverlässiger Seite aus Odessa. Der Brief ist oftmals unzusammenhängend, da ihn der Korrespondent offenbar in grösster Aufregung geschrieben hat Wir entnehmen dem Briefe folgendes: „Man wird wahrscheinlich niemals genau den ganzen Jammer erfahren, der über unsere Brüder in Kischenew gekommen ist. Raub, Mord und Gewalttaten wurden an ihnen verübt, Väter, die ihre Kinder beschützen wollten, wurden in grausamer Weise verstümmelt, förmlich in Stücke zerrissen, Frauen, Greise urd Kinder in bestialischer Weise abgeschlachtet. Die ganze jüdische Bevölkerung, an 76.000 Seelen, ist fast an den Bettelstab gebracht. Die Behörde war ohnmächtig gegen die entsetzliche Mordsucht und Plünderungswut der fanatisierten Masse; und was noch schlimmer ist, Polizeileute beteiligten sich sogar an den Exzessen. Bisher wurden über 50 Todte agnosziert, eine grosse Anzahl kann wegen der entsetzlichen Verstümmlungen nicht mehr agnosziert werden. Ueber 600 Frauen, Greise und Kinder sind schwer, zum Teil tödlich verwundet. Fünf Waggons Verwundeter mussten in das hiesige jüdische Spital transportiert werden, weil die jüdischen Spitäler in Kischenew bereits überfüllt sind. Seit dem 6. April kommen wir nicht zur Ruhe; ausser durch den schrecklichen Jammer, der die ganze jüdische Bevölkerung erfasst hat, sind wir auch durch die physischen Anstrengungen völlig erschöpft. Die meisten von urs haben sich mit Waffen versehen, denn wir sind auf alles gefasst und wollen unser Leben wenigstens so teuer als möglich verkaufen. Wir müssen Tag und Nacht Wache halten, denn auch hier, in Odessa, möchte der Pöbel gerne ähnliche Szenen auffuhren wie in Kischenew. Erst gestern — 12./25. April rückte hier eine grössere Militärmacht ein und sind umfassende Massregeln getroffen worden, um Unruhen zn verhindern. Die Bevölkerung wird durch gedruckte Plakate aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Die offiziellen Nachrichten können natürlich jetzt nur lückenhaft sein, weil die Behörde erst in zwei oder drei Wochen dieae Exzesse von ihrem Standpunkte aus beleuchten wird* Wir wissen nicht, was die nächsten Tage über uns bringen werden, nur das Eine wissen wir, dass wir Juden schutzlos jeder Mörder bände ausgeliefert sind. Möge Gott uns schützen, denn*die menschliche Hilfe hat uns im Stiche gelassen. . . Aus Petersburg wird berichtet: Bei den Exzessen in Kischenew haben sich schreckliche Szenen ereignet. Sämtliche Geschäfte, die im Besitz von Juden waren, wurden gestürmt, die Waren davongeschleppt, die Häuser demoliert Vielen jüdischen Frauen taten die Exzedenten Gewalt an; Kinder warfen sie aus den oberen Stokwerken der Häuser auf das Strassenpflaster. Und während dieser grauenvollen Ausschreitengen einer geradezu wahnsinnigen Menge ertönte auf dem Boulevard lustige Musik. Die verzweifelte jüdische Bevölkerung flüchtete zum Hause des Gouverneurs; dort trieb man sie aber gewaltsam davon. Der Gouverneur hatte erst nach Petersburg telegraphiert und Instruktionen erbeten, als dann die Antwort eintraf, ging man daran, Ruhe zu schaffen. Der angerichtete Schaden ist sehr gross und wird auf etwa vier Millionen Rubel geschätzt. Tausende von Personen sind ohne Obdach und Nahrung. Eine weitere Anzahl von Briefen aus Kischenew, Odessa und Jassy berichten mehr oder weniger ausführlich über ähnliche Greueltaten. Es ist eine traurige Heimsuchung über unser Volk in Russland hereingebrochen und die jüdische Wohltätigkeit wird eine schwere Aufgabe haben, wenn sie auch nur momentan dem grössten Elend wird abhelfen wollen. Die galizischen Exzesse. Gleichzeitig mit der Nachricht über die Judenmassacres in Bessarabien wurden aus Galizien judenfeindliche Exzesse gemeldet. Aus Rawa-Ruska wurde unter dem Datum vom 23. April berichtet: Heute um 3 Uhr Morgens ist im Marktflecken Uhnow infolge Brandlegung eine Feuersbrunst ausgebrochen, welcher bis 10 Uhr vormittags an 40 Wohnhäuser zum Opfer fielen. Die christliche Bevölkerung bezeichnete Juden als Urheber des ^Brandes, zumal das Feuer im Schoppen^eines Hauses entstanden ist, in welchem der Konvertit Ichel Klein wohnte. Die durch wiederholte Brände aufgeregte Menge stürmte die Judenhäuser, deren Fenster eingeworfen wurden. Die Ruhestörungen nahmen während die Feuersbrunst wütete, einen ernsten Charakter an, ichel Klein wurde totgeschlagen, zwei andere Personen erlitten so schwere Verletzungen, dass an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Die Gendarmerie war nicht imstande, die Ruhe wieder herzustellen, und ein Jägerbataillon wurde aus Rawa-Ruska nach Uhnow kommandiert, Nach dem amtlichen Berichte ist in Uhnow Militär- Assistenz eingetroffen. Es wurden dort zahlreiche Gewalttätigkeiten begangen, viele Verkaufsgewölbe zerstört, Fensterscheiben eingeschlagen, Türen, Fenster und Einrichtungsstücke zertrümmert. Mehrere Juden wurden misshandelt, einige derselben schwer verletzt. Die Nachricht, dass irgend Jemand getötet wurde, wird als unrichtig bezeichnet. Es seien nur einige schwere Verwundungen vorgekommen. Wenn man den Lemberger Meldungen glauben darf, dann hatten die Uhnower Exzesse einen politischen Hintergrund. Bekanntlich werden die galizischen Juden von ihren Führern bei den Wahlen für die Stanczykenpartei zur Urne getrieben. Die Juden helfen dadurch den Polen, respektive der herrschenden Klique bei der Niederhaltung der Ansprüche der Ruthenen. Man weiss ja, dass die galizischen

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