Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Article
- Die Exzesse gegen die Juden in Bessarabien
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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Nr. 18 jDle s*s Wclfc6* Seite S Zeitung „Bessarabetz", die Verbreiterin der falschen Gerüchte, öffentlich zu erklären, dass die Eroiordung des Chriist3nknaben Eybaleoko mit einem Ritualmoiirde nichts zu tun jhiabe. Aber alle diese Massnahmen scheinen doch die gewünschte Wirkung nicht erzielt zu haben. Denn wenige Tage vor dem russischen Osterfeste erhielt die Oberverwaltung Kenntnis, dass grosse Krawalle gegen die Juien in Bessarabi« n beschlossen worden seien. Es wurden zwar militärische Vorkehrungen getroffen, höbete Beamte wurden nach den unruhiger Ortschaften entsendet, aber eine Beruhigung der Gemüter fand doch niclü statt. An beiden russischen Qsterfeierta#en, am 19. und am 20, d.M., fanden inirielen Ortschaften in BessarabienargeExz^sse gegen die Jud en statt, welche nur durch Militärgewalt unterdrückt werden konnten. Die Unruhen begannen am 19. April in den Vormittagsstunden mit der Plünderung der jüdischen Geschäfte und Wohnungen in einigen Strassen der Stft.it. Die Kunde von den Plünderungen lockte alsbald Arbeiterinassen aus allen Vorstädten heran, welche sich über di«e von Juden bewohnten Strassen und Gassen ergosseiL und überall Exzesse gegen die Juden igt anstalteten. Im Wa würden die Strassen Puschkinskaja, Charlampiewskaja, Nfakolajewskaja, Anujawskaja, Swetschnaja und andere verwüstet und von dem olierten Möbelstücken der Juden gefällt. Tausende von Familien wurden zu Butlern gemacht. Der Polizei und sogar den requirierten Truppen gelang e*s nicht, die Tuoiultanten und die Piainderer auseinander zu jagen. Diese schlugen die Fensterscheiben in <Len jüdischen "Häusern ein, vernichteten und raubten das Hab und Gut und misshandelten viele JiLlen, welche ihr Eigentum verteidigen wollton. Aber am folgenden Tage nahmen die wieder inszenierten Unruhen einen drohenden Charakter an; die Exzedenten überfielen die jüdischem Häuser mit Eisesnstangen und Revolverm, schössen auf ile Polizei und auf das Militär und schickt en sich an, die jüdischen Häuser in Brand zu stecken, wohl wissend, dass in den Kellerräiimen die zu Tode geängaligten Juden uni deren Frauen und Kinder sich verbarger. In diesem kritischen Augenblicke entschloss man siel, in die wüten Je Menge zu schlössen. Hierbei wurden 15 Personen an Ort und Stelle gel öitet, gegen 100 erlagen ihren Verletzungen während des Transportes in das Spital und ungefähr 20Ö Personen erlitUa mehr oder minder schwere Verwundungen. Während aber sich diese Vorfälle in Kischenew abspielten, tobten die Bauern in den umliegenden Städtchen gegen die Juden, welche sich gezwungen saken, die Flucht zu ergreifen, um ihr nacktes Leben zu retten. Ueber die Exzesse in Kischenew berichtet die „ISteue Freie Presse" vom 23L April folgen des: (Die Judsnkrawalle in Kisfchenew.) Nach der Schilderungen von in Jissy eingetroffenen Reisenden uni Flüchtlingen aus Kischenew werden die dort gegen d i-e Juden statt* gehabten Pöbclausschreituagen als von lang«ff Hand vorbereitete bezeichnet Die Saihl der Opfer wiid weit höher veranschlagt, als man anfangs vermutete., und der angerichtete Schaden ist eiin bedeutender, übrige beziffern dift Zahl der im Kampfe G etöteten auf 70 Ins 80, die der Verwundeten nach Hunderten. Die Judenverfolgungen wui den dadurch hervorgerufen, dass das Gerücht verbreitet wurde, Juden hätten einen Rituüinord verübt. Dieses Gerücht, das in verschiedenen Versionen in Umlauf gesetzt wurde, brachte unter der leichtgläubigen Bevölkerung der kleinen Ortschaften eine tiefe Erregung hervor, die von antisemitischen Agitatoren geschürt wurde. Die russischen Ostertage bindeten hiezu einen willkommenen Voj'wand. Bald arteten dia Demostrationen des Pöbels in Gewalttätigkeiten aus. Im Jaden viertel begann ein wildes Rauken, Morden und Plündern. Truppen wurden requiriert und machten dein Plündern ein Ende. — Ein anderer Bericht lautet: Eingeleitet wurden die Schreclwnxsszeueii durch Gassenbuben, welche die jüdischen K~mfläden mit Steinen bewarfen, Die Juden eilten heifcei, um iie Jungen zu vertreiben und ihr Eigentum ^or Schadlen zu schützen. Die Demonstration nahm ball so grosse Dimensionen an, dass sich die Polizei als zu schwach erwies, und die, xequirierten Truppen fraternisierten mit den Demonstranten. Viele jüdische Geschäfte wurten ausgeplündert, die Waren auf die Strassegeschleudert und die meisten derselben gestohlen. Arleite-r und ^Bauern drangen in die «Judenhäuser ein und raupten und i&ordeten. Auch Frauen und Kinder wurden geUötet. Unto anderen wurde auch der Jassyer Viehhändler Etenzion Galaüeanu getötet, In einem einzigen jüdischen Hause fand man acht ermordete Juden auf. Amtlich ra*- laut&ta dass acht Juden getötet worden seien, während in der Tat mehr als 70 Tote geaählt wurden. Die dem Sfcaätparke gegenüberliegende Juwelenhandlung Atowsky wurde devastiert und ausgeraubt. Die jüdischen Synagogen liegen in Trümmern, die Tliorarollen und Gerätschaften wurlon zerstört und auf die Strasse geworfen. Das Palais des Adelsmarschalls Km pensley wurde gleichfalls attaqjiiert. Im Kampfe g«gen die Banden trug <ier Offizier Cantacuzeno scliwere Wunden davon. I« <Lei* angr«mzenden Ortschaft P eri e n i, wo die Juden ii <ler Mehrzahl sind, verjagten diese die Angreifer. Die Strasse, die rorn Zentrum der Stadt "zum jüdischen Friedhof fährt, ist zerstört. Eine Jüdin, die s-ich in einem Keller versUckt hielt,, wurde getötet, ebenso ihr Kind, das sie an der Jfcrust hielt. In den Spitälern und .Kasernen befinden sich wieie Verwundete und Verhaftet*- Im jüdischen Spital zu Kisclienew landen bis zum Mittwoch mehr als 200 Verwundete Aufnahme. Im Leichenhause auf dem jüdischen Friedhofe hatte man 32 Leialien aufgebahrt, deren Identität infolge der grässliehen Terstümmelungen nicht festgesteift werden konnte. Die Gesamtzahl der bisher geborgenen Teten beträgt 72, «darunter 45 Juden» Mehr als 500 Verhaftungen wurden vorgenommen: unter den Verhafteten befinden sich Studenten der Theologie und etwa 20 Studenten aus Odessa, di«e herbeigeeilt waren, den Aufruhr zu dämpfen. — Aus O«] ess a wird uns geschrieben : Am 10. April wurden in Kischenew 38 Juden getötet und tl verwundet, in Gegenwart von Polis&i, Kavallerie und Infaulerie. Von hier aus sind am Mittwoch sechs Waggons mit Brot nach Kischenew geschickt worden. Frauen und Kinder flüchteten am Montag, nur notdürftig bekleidet, aus ihren Wohnungen. Dem Kaufmann Galanter sind Augen und Zunge her iiisgeschüifcten worden, weil er sich gewehrt hatte und seine sechs Kindel' beschützen wollte. Er wehrte sich mit dem Revolver in der Hand. Sämtliches Eigentum der JJuden ist zerstört und die Waren wurden auf die Strasse geworfen. Ein Korrespondent aus Kischenew berichtet uns! Lieber Herr Redakteur! Mit zitternden Händen und mit Tränen im Auges er* greifeich die Feder, um Ihnen den geringsten Teil dessen zu schildern, was ich in d<e:n letzten Tagen gesehen und gehört habe. Wehe 1 Wir sind beraubt und geplüniert worden, unsere Häuser verwüstet, Mörder und Räuberind in un sere Wohnungen gedrungen, viele von unseren Briietern sind getötet oder verwuniöt worden. Schon am ersten Ost? r tage hat sich ein Haufen von Gassenjungen zusammengerottet, begann die Jude» zu verhöhnen und ihnem die Scheiben mit Steinen einzuschlagen* Aber am folgenden