Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Article
- Die vorübergehende Erscheinung
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2;,Die #l Welt;4? fen und es'wird nur eines äusseren Anlasses bedürfen, um sie wieder gegen die Juden zu^ treiben. Vielleicht werden sie dann ihrem Hass noch grimmiger Genüge tun, als es ihnen jetzt gelungen ist. Und unsere Brüder, die so Furchtbares erleben mussten, sie kommen doch bei dieser Frage auch in Betracht! Soll man ihnen raten, in dieser hasserfüllten Umgebung weiterzuleben, an einer Stätte, wo sie sich von Räubern und Mördern bedroht und nicht einmal ihres nackten Lebens sicher fühlen, von neuem den, ach so schwierigen, Aufbau ihrer Existenz zu versuchen? Es gehört viel „Klugheit" dazu, um sie in ihrer alten Umgebung festzuhalten. Also auswandern! Aber wohin? Welcher Staat wird diese Verfolgten, Gehetzten, meist ihrer Habe völlig Beraubten aufnehmen? Und hat sie ein Staat aufgenommen, welchen rücksichtslosen Erwerbskampf werden sie führen müssen, um ihre Existenz zu begründen! Welche Kämpfe werden sie an den neuen Heimatsorten zu bestehen haben, um sich auch geistig und im Gemüte in die ungewohntenVerhältnisse zu finden? Wahrhaftig, es ist erklärlich, wenn diese Unglücklichen ihre ermordeten Angehörigen um ihr Schicksal fast beneiden. Die Annen sind erlöst, aber vor ihnen, den Ueberlebenden, steht noch drohend eine dunkle Zukunft und vor allem die Gewissheit, nunmehr ganz auf die Gnade anderer angewiesen zu seün. Judenmassakres und Plünderungen jüdischer Habe können wir leider nicht verhindern, den tausendjährigen Hass nicht in Liebe verwandeln, die Behörden nicht zwingen, auf drohende Anzeichen hin sofort mit aller Strenge gegen Leute vorzugehen, die etwas Böses tun wollen. Die Bestrafung von Verbrechern können wir nach geschehener Tat allerdings fordern. Welch geringe Genugtuung wird aber dadurch unseren Brüdern und auch uns selbst gegeben! Aehnlichen Vorkommnissen für die Zukunft durch Bestrafung der Schuldigen vorgebeugt zu haben, daran können nur die verbohrtesten Theoretiker glauben. Ist es denn übrigens auch nur denkbar, den verschiedenen Formen des Judenhasses in allen Teilen der Welt mit Hilfe der Behörden beizukommen? Schutzlos sein ist schlimm, geschützt werden müssen — nicht viel besser. Sich aber aller Selbsthilfe begeben und nur auf zukünftige Wunder rechnen, am schlimmsten. Da beschimpft irgend ein jüdischer Redakteur ein paar antisemitische Lumpen und glaubt damit weiss Gott was geleistet zu haben. Wird er gar deswegen eingesperrt, weil die Kerle so schlau waren, igend eine Handhabe zu einer Gegenklage zu finden, so meint er sicherlich, er sei ein Märtyrer und die Juden seien nunmehr endgiltig errettet. Man weiss nicht, soll man über solche Urteilslosigkeit lachen oder weinen. Und das sind noch diejenigen, die das wärmste Empfinden für jüdische Angelegenheiten haben. Andere berufene Hüter der „israelitischen Glaubensgenossenschaft" begnügen sich mit mehr oder weniger öffentlichen Protesten und leben dann in dem Bewusstsein ehrlicher Pflichterfüllung oder gar einer hervorragenden Tat. Kein! Durch solche Politik werden Geschehnisse, wie die von Kischenew und Uhnow für die Zukunft nicht unmöglich gemacht, werden die traurigen Verhältnisse der bedrückten und verfolgten Juden in den verschiedenen Teilen der Welt nicht verbessert, wird auch die Lage der in den freiesten Ländern wohnenden Juden nicht gesichert. Gerade die immer wieder hervorbrechenden Flammien des Judenhasses weisen darauf hin, dass so lange keine Besserung eintreten wird, bis eine radikale Lösung der Judenfrage zum mindesten begonnen hat. Der Zionismus, der politische Zionismus, bietet diese Lösung. Für einen grossen Teil des- Volkes wenigstens. Mögen die Juden, die sich in ihren Vateiiändem wohlifflilen, -ihr besseres Los in Frieden an ihren Wohnsitzen geitesen, 4as aber kann sie der Pflicht nicht entheben, für i|re Bruder, die ihr Los aus diesem oder jenem Grunde ntff|t ertragen können, eine Heimats- und Zufluchtsstätte schafl^n zu helfen. Edel wäre es, menschlich schön, wenn sie es ä&s freiem Wällen täten, so lange sie es noch in Frieden tutf köniien. Schlimm für uns und für sie, wenn sie erst der Ansturm der Unglücklichen und ihre eigene Hot in unser Lager führen würden. Die traurigen Geschehnisse in Kussland und GaJizien sind nur Dokumente für die unerträgliche Not unserer Brüder in diesen Ländern. Unglücklicherweise sind diese Länder nicht die einzigen, in denen die Juden das Brot des Elends essen. Wir Zionisten bemühen uns seit Jahren, eine grosse, eine umfassende Hilfe zu bringen, wir wollen eine Heimstätte für unsere Brüder, für unser Volk errichten. Mit vereinten Kräften könnten wir viel, könnten wir alles erreichen. Mögen Kischenew und Uhnow Mahnungen auch für die Saumseligen und Gleichgiltigen und vor allem für unsere jüdischen Widersacher sein. Wir werden sie gerne als Mitkämpfer begrüssen. Die Exzesse gegen die Juden in Bessarabien. Die Stadt Kischenew und die umliegenden kleineren Städtchen und Ansiedelungen waren, wie offiziell gemeldet wird, an den ersten beiden russischen Osterfeiertagen, am 19. und am 20. d. M., der Schauplatz von Exzessen gegen die Juden. Die Exzesse übertrafen in ihrer Brutalität und Wildheit sogar die bekannten Judenkrawalle von 1882 und haben durch ihre Folgen auch der russischen Obrigkeit Anlass zu ernsten Erwägungen gegeben. Die unmittelbare Ursache dieser blutigen Exzesse gegen unsere Volksgenossen in Bessarabien ist auf das von uns bereits gemeldete Rifcualmordgerücht zurückzuführen, welches in Südrussland vor ungefähr vier Wochen von unbekannten Personen ausgestreut und von den antisemitischen Blättern von Kischenew und Petersburg, den „Bessarabets", der „Nowoje Wremja" und dem „Swjet" zu ihren hetzerischen Zwecken ausgebeutet wurde. Wie erinnerlich, wurde in dem Städtchen Dubossary im Gouvernement Ch e r s o n, das grösstenteits von Juden bewohnt ist, vor ungefähr vier Wochen die Leiche des christlichen Knaben Ry b a- 1 enko mit deutlichen Spuren eines gewaltsamen Todes im naheliegenden Bache gefunden. Alsbald wurde das Gericht verbreitet, die Juden hätten den Rybalenko ermordet, um sein Blut zuOsterzweeken zu gebrauchen. Und wie es immer bei derartigen Geschichten menschlicher Dummheit und Schlechtigkeit der Fall ist, fanden sich alte Klatschweiber und junge Müssiggänger, welche sogar mit eigenen Augen gesehen haben wollten, wie der Christenknabe Rybalenko in einen jüdischen Krämerladen trat, den er nicht mehr verlassen habe. Diese Gerüchte wurden von Antisemitenblättern dazu benützt, um ungescheut die Ermordung Rybalenkos als einen jüdischen Ritualmord zu bezeichnen. Die Folge dieser Hetze war, dass das Städtchen Dubossary von der christlichen Bevölkerung belagert wurde. Allein die russischen Behörden taten alles, um die christliche Bevölkerung zu beruhigen und die Ursachen des Mordes klarzustellen. Eine gerichtliche Kommission mit dem Ober-Staatsanwalte von Odessa an der Spitze nahm in Dubossary die E xhumierung der Leiche Rybalenkos zweimal vor und erklärte auf Grund genauer ärztlicher Untersuchung, dass der Tod Rybalenkos im Raufhandel erfolgt, dass das Gerücht von einem angeblichen Ritualmorde völlig erfunden sei. Der Gouverneur von ChersQn, Kammerherr Lewaschew, nötigte sogar d^