Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Article
- Die vorübergehende Erscheinung
- Date
- 1903-05-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TOrkenstrasse Nr. 9, Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX-, TOrkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manusorlpl« nicht zurückgesendet. 4» Sprechstunden der Redaction täglich von 10 — 7,12 Uhr, ♦ Preist der AnzeSpms: laut aufliegendem T»rif. Der luaeratentheß wird Dienstag abends gestlfloiseii« Einzelne Nummern 30 Haller. Oesterreick-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—., halbjährig Kr. <L—, vierteljährig Kr. 3.—.. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.15, England ganzjährig Shg, 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Free. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjiührig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 18. Wien, I. Mai 1903 — 4. Ijar 5663. 7U Jahrgang Die vorübergehende Erscheinung. Tf. Bekanntlieh, ist der JFudenhass eine vorübergehende Erscheinung. Wenigstens behaupten das unsere Assimilanten mit der grössten ]fe&tinrmtheit. Sie müssen es auch wissen, denn sie haben uns verkündet, dass der Antisemitismus da und dort endgiltig begraben sei, an anderen Orten wieder gar kein Begräbnis erhalten habe, sondern als ein Toter daliege, <Lem nur künstliche Galvanisierungsversuche noch einige Zuckungen abgewinnen konnten. Wir haben diese VersicheruiLgen mit gebührender Andacht angehört und, „unpraktische Utopisten",, wie wir schon sind, ganz bescheiden einige Zweifel geäussert. Wir haben auf die geschichtlichen Erialirungen hingewiesen, die ja mit dieser Lehre von der „vorübergehenden Erscheinung" nicht recht stimmen wollen., .Als Antwort hat man uns Ziffern entgegengehalten. Nicht etwa statistische, wissenschaftlich gefundene. Die haben jja w i r angeführt. Nein! Man hat uns nur zwei genannt: 1289 und 1848. Und dann kam. ein langer Panegyrikus auf -diese beiden Ziffern mit dem Ausblicke auf eine dritte Ziffer das Jahr 10 000, in dein aller Hass und Neid verschwunden sein werden — und wir waren geschlagen. Geschlagen biszur Vernichtung, gründlieh abgeführt mit unserer „Utopie", welche eine Heimstätte für das jüdische Volk verlangt, damit es durch die „vorübergehende Erscheinung" nicht zugrunde gerichtet werde. Nun, das letztere war ja nn-eli der Meinung unserer verehrten Gegner ohnedies ausgeschlossen. Und da hatten sie von ihrem Standpunkte aus eigentlich vollkommen recht. Da es kein jüdisches Volk gibt —wide diverse Rabbiner und „Mission/marren — so kann es logischerweise gar nicht zugrundegehen. Und weiter brauclii es auch logischerweise keine Heimstätte, denn für etwaas nacht Existierendes braucht man doch keinen Zufluchtsort. Mit diesem letzteren Argument nähern sich unsere Assimilanten einer Gruppe von sogenannten Zionisten^ denen ebenf alls der jüdische Volkskörper nicht von der grossen Wichtigkeit scheint, die wir ihm beilegen. ftach den Anschauungen dieser Gruppe genügt ein kleiner Bruchteil von Juden, die erfüllt sind von jüdischem Geiste, zur Erhaltung der jüdischen Art. Dieser fleischlose und trotz des aufgewendeten Geistes leider auch geistlose Zionismus, der sieh für den radikalsten hält, beriilrt sich so in seinen Ausrufern mit dem von ihm am tiefrlen verachteten Typus dw Jnden, die keine Juden sein wolLe-n. Das ist so merkwürdig, dass es einmal ausführlicher besprochen werden soll. Diese beiden Gruppen, die eine, die auf die Fleischtöpfe Egyptens nicht verzichten will, und die andere, die einer Art von zionistischem Vegetaitianismus liuldigt, werden durch die Ereignisse der letzten Woche wieder einmal unsanft an die Realität der Verhältnisse gemahnt, die ihnen so sehr widerstrebt. Bs kam wieder einmal au schweren Ausschreitungen gegen die Juden. Jüdisches Blut ist vergossen, jüdische Habe ist geplündert worden und Hunderte von jüdischen Familien wissen nicht, wohin sie flüchten sollen, um dem Verderben zu entrinnen. Mit tiefem Schmerze verzeichnen wir diese Tatsachen mi-I auch mit bitterem Zorne. Mit Sdimerz wegen unserer unglücklichen, heimatlosen Volksgenossen und mit bitterem Zorn, nicht nur gegen die Mörder und Räuber, denen es die Lässigkeit der Behörden erlaubte, ihrem Fanatismus, ihrem Aberglauben und ihren niedrigsten Instinkten zu fröhnen, sondern mit Zorn vor allem gegen Jene Juden, die uns hindernd in den Arm fallen, wenn wir an dem Erlösungswerke für unser Volk arbeiten. Ja, iii_ den Arm fallen! Demi ihre Untätigkeit, ihr Fernhalten von jeder Bemühung., endgiltig Wandel zu schaffen, ilir geheimer und offener Widerstand gegen eine territoriale Lösung der Judenfrage, ihre missgünstige Herabsetzung alles Erreichten und ihres auf unsere Entmutigung berechnete Verhöhnung aller unserer Zukunftshoffnungen sind für uns viel mächtigere Hindernisse als alle anderen Widerstände, die uns von unserem Ziele trennen. Doch nicht davon sei diesmal die Rede. Die traurigen Vorkommnisse in Kisclienew und in Uhnow drängen wieder die Frage in den Vordergrund „Was nun?". Ziiiiickkehrelij die Toten begraben umi das Zerstörte wieder aufbauen — so werden die Klugen sagen. Gewiss, es ist scheinbar das Nächstliegende. Die B&hörden werden einen Tedl der Verbrecher, wahrscheinlich die ungesclücktesten und nicht die schuldigsten, hart strafen. Es wird wieder Buliä eintreten. Aber was für eine Eidie! Das Unrecht, das sie verübt haben, wird vielleicht auf den Seelen der Mensehen brennen, wenn einmal die Eohe eingekehrt ist, aber dadurch wird ihr Hass noch bitterer, unversöhnlicher werden. Die Strafe, die sie werden leiden nriissen, wird diesen Hass noch schär-