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Die Welt · 1903-04-24 · 17 (24.4.1903) · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
17 (24.4.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-04-24
Page
18 (sequence 4)
Language
German
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Seite 18 „Die V"Welt" Nr. 17 hatte, ohne dass sie ein kleines Band enthielt. Wie leer war die Welt, wie still, iwe sonderbar! Ein entferntes Klopfen erinnerte iEn an Eisak Sehulklopfer. „Wenn mein Babele nicht so kalt und steif da am Boden liegen würde," dachte er, „würde sie jetzt an meinem Bette stehen und sagen: Schimmele, mein Leben, komm', steh' auf — es ist Zeit zum Beten!" Dann wandte sich Schimmele dorthin, wo er die stillen Gestalten Seite an Seite gesehen hatte. Mirjams welke Hand lag auf Jossefs Brust; sie hatte sie erhoben, um ihn zu schützen. Schimmele weinte nicht, er war betäubt und stumm. Mit einem feinen, tiefen Instinkte fühlte er, dass er jene teuren toten Körper vor dem grausamen, durchdringenden Tageslichte verbergen musste. Er bedeckte sie mit einem Leintuch: den Vetter Jossef zärtlich — Schimmele war gewohnt, ihn sorgfältig zu behandeln — und Babe Mirjam beinahe mit einem Gefühl der Scham. Mirjam, die starke, die hilfreiche, selbstvertrauende, sie würde erzürnt sein, hätte sie gewusst, wie sie dalag, als ein hilfloser Klumpen! Dann wusch er sich und kleidete sich nett an, so wie seine Grossmutter es gewünscht haben würde. Er bedeckte seinen Kopf mit seinem kleinen Samtkäppchen und suchte Mirjams altes schwarzes Siddur *). Es war zu gross, als dass er es mit seinen Heinen Händen umspannen konnte; so hielt er es in den ausgestreckten Ärmen wie ein kleines Kind, und indem er sein Gesicht von den Trümmern der teuern Backstub' wegwandte, weg von dem Grauen jener stillen, verhüllten Körper, erhob er seine £ugen nach Osten, gegen Zion, die Hoffnung, von wo die rosige Dämmerung des klaren, aufsteigenden Tages kam, und begann sein Morgengebet. „Der Herr der Weit — Er ist es, der regiert hat, bevor irgend ein Wesen geschaffen war," betete er, und endlich kam <ler Strom der Tränen zum Durchbrach. Schimmeies Tränen fielen auf die alten gelben Blätter von Mirjams Gebetbuch nieder. „Wenn das ganze Weltall verschwinden würde, Er allein würde bleiben, der mächtige Herrscher ... Er ist einzig und niemand ausser ihm. Der Herr ist mein Erlöser, mein Fels in Zeiten der Bedrängnis. In seine Hände gebe ich meinen Geist. Gott ist mit mir, wie darf ich" Furcht haben . . . ." ENDE. 9& Heimweh. Manchmal schluchzt eine Weise Beim hellen Kerzen schein, Dann schleicht das Heimweh leise Tief in das Herz hinein ... Das Wachs tropft von den Kerzen, Und Glanz erlischt und Glück, Und nur im tiefsten Herzen Bleibt still das Weh zurück . ♦ . Breslau, Arthur Silbergleit. Jüdisches ans Marokko. Der Balkan und Marokko bilden heute den Gegenstand schwerer Sorge für alle europäischen Kabinette. An diesen beiden Punkten des mitteleuropäischen Meeres drängen politische Fragen zur endlichen Entscheidung, die seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten gestellt und für die Lösung langsam vorbereitet wurden. In ganz Europa ist darum das Interesse für jene Länder rege geworden und man durchforscht sie nach den verschiedensten Richtungen. Gewiss werden darum die nachfolgenden Zeilen, die sich in Anlehnung an einen Aufsatz des algerischen Professors E d - *) Gebotbuch. mond Doutte in der „Revue generale des Sciences" speziell mit der jüdischen Gesellschaft von Marokko befassen, die Erwartung der Leser befriedigen, die sich über unsere Stammesgenossen in diesem kritischen Erdenwinkel unterrichten, wollen. Die Juden bilden innerhalb der marokkanischen Gesellschaft eine scharf gesonderte Schichte der Bevölkerung mit ganz speziellen und ausschliesslichen Funktionen: sie besorgen den Handel und besonders im Innern fast allein die Industrie und das Gewerbe, z. B. das Handwerk der Schuhmacher, der Goldarbeiter etc. In dieser besonderen Rolle stehen sie sowohl den Muselmannen wie den Christen gegenüber und bilden einen wesentlichen und wichtigen Bestandteil des städtischen Lebens. Die Juden sind im Gebiete von Marokko sehr ungleichmassig verteilt. Es gibt keine im Riff, wohl aber in Tafersit und in Chechasuen; zahlreich leben sie unter dem Stamme der Chieuh, in Sous und in Dra. Judenviertel, sogenannte Mellahs, gibt es endlich in den grossen Städten Fez, Mequinez, Merrakech, Tetouan und in den Hafenstädten. Im Osten von Marokko, im Becken des Moulouia leben sie sporadisch, in Massen dagegen besonders an zwei Stellen in Oujda und Debdou. Die Juden dieser beiden Zentren sind nicht von gleicher Herkunft. Diejenigen, welche die kleinen, unter den Stämmen des Innern zerstreuten Mellahs bewohnen, leben seit altersher in Afrika. Sie sind wahrscheinlich nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem hierher gewandert, während die Bewohner der Mellahs von Merrakech, Mequinez, Fez und der Küste im 15. Jahrhundert aus Spanien nach Marokko geflüchtet sind. Die ersteren nennen sich selbst „Rischtim", d.h. „Palästinenser", die anderen bewahren in ihrem Namen Anklänge an die spanische Heimat; sie heissen „Forasteros", d. h. „Fremde44. Zwischen den beiden Gruppen gibt es auch geringfügige Unterschiede des Ritus. Wie bereits bemerkt, bewohnen die marokkanischen Juden — abgesehen von einigen Städten — in der Regel eigene Quartiere, die Mellahs. Ausserhalb derselben dürfen sie sich nicht niederlassen und es fällt ihnen im übrigen auch gar nicht ein, dieses Verbot zu übertreten. Ihre Viertel starren bisweilen vor Schmutzy. Ganz abscheulich' ist jenes in Mogador, besser steht es in dieser Hinsicht in Merrakech. Doch kann auch dort der Tourist Kehrichthaufen von zehn Meter Höhe und fünfundzwanzig Meter Länge bewundern, die sich vor einem der Tore erheben und durch beständige Zufuhr noch wachsen. In den letzten Jahren ist es gelungen, die Mellahs zu assanieren, so dass jenes von Fez heute viel sauberer ist als die muselmanische Stadt. Freilich belästigen einen noch allerhand unnennbare Gerüche, doch werden die Strassen reingehalten und sind selbst bei Nacht passierbar, da die Gemeindeverwaltung Strassenlaternen aufgestellt hat. Die religiösen Angelegenheiten der Gemeinde werden von einem Rabbiner, die administrativen von einem „Chikh" besorgt, der dem Caid der moslemischen Stadt untersteht. Der französische Forscher F o u c a u 1 d hat in seinen ausgezeichneten Reiseberichten ein nichts weniger als anziehendes Bild von den Charaktereigenschaften der marokkanischen Juden entworfen, das jedoch nicht überraschen kann, wenn man bedenkt, dass dieselben jahrhundertelang im Elend und in der Verkommenheit leben. Und doch gibt es selbst in dieser Bevölkerung, wie Foucauld selbst zugesteht Muster von Tugend und Tüchtigkeit. Foucauld ist ein in jeder Beziehung verlässlicher Schilderer, denn er hat wie kein zweiter .Gelegenheit gehabt, das Leben und Treiben der marokkanischen Juden aus nächster Nähe zu beobachten. Einiges in dem von ihm gezeichneten Bilde mag heute mehr oder weniger sich geändert haben, denn es ist den Juden hie und da gelungen, die ihnen von dem Moslemims auferlegten strengen Verbote abzuschwächen, im grossen und ganzen aber bewahrt seine Darstellung die Treue. Wir werden nächstens die bezüglichen Stellen aus Foucaulds Werk wiederholen, da es keine bessere Schilderung der marokkanischen Juden gibt. Man wird

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