Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 17 (24.4.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-04-24
- Page
- 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316038-3331715--39722-3331824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mr. 17 „Die # Welt^ Seite 17 In einem Augenblicke war die ganze Gass5 ein ChPu,9s von kreischenden, schreienden, fliehenden Menschen. Die Juden, mit ihren Kindern auf den Armen und »uf dem Rücken, floken wie gejagtes Wild in den Wald und das Dickicht, während d«er heulende Mob ihre Häuser stürmte und seine Weiber und Kinder mit Wäsche und Geschirr und Haus-haltungsgegenständeit belud, und zerbrach und verbrannte, was nicht fortgetragen werden konnte. Wo immer sie Wein oder Bier fanden, tranken sie sieh neuen Mut an; wo immer sie Widerstand trafen, schlugen sie mörderisch um sich. 0, bemitleidet sie, ihr, die ihr es leset, bemitleidet sie; nicht allein.die armen Juden, die planlos flüchten, sondern auch diesen rasenden, tobenden Pöbel! Auch sie sind Opfer, diese betrunkenen, stumpfsinmigen Menschen; Opfer der Bigotterie und Verführung, der Unwissenheit und des Neides und Hasses. Die Juden werden zuriickschleichen zu den Huinen ihrer Heimstätten und auf dem glEHimenden Aschenhanfen den Schlaf der Unschuld schlafen. Aber d iese armen Halbtiere — nicht eher, als die grosse Gleichmacherin Zeit ihr Fleisch au- Staub werden lässt, nicht eher wird der Fleck des unschuldigen menschlichen Blutes von ihren Händen verschwinden. Beim ersten Geschrei des MoT>s sprang Jossef auf seine Füsse und verrammelte die Tür mit Mirjams grossem hektisch und den schweren hölzernen Stühlen. Er stand dann unbeweglich da, indem er seine riesenhafte Stärke gegen die Tüie lehnte., während Mirjam besänftigende WorUe zu ihm sprach. „Sie werden uns nichts tun — — sie wollen plündern — alle kennen mich und wissen, dass Ich nichts habe." Der Lärm des Pöbels wurde noch lauter; jetzt konnte man das Knistern ihrer Freudenfeuer deEitlich hören. Ein Steinhagel durch die Fenster kündete ihre Anfainft bei Mirjams Haus an, Mirjam riss Schimmele aus dem Bett und . floh mit ihm hinter den Schirm des grossen Ofens, wo sie ihn mit ihrem Leibe deckte. Jossef blieb und bewachte die Türe, auf welche schwere Schläge niedersausten, während mam Einlass forderte. Er stemmte sich mit seiner gewaltigen Stärke gegen sie, aber eine schwere eiserne Stange, wie ein Ladstock geLandh-abt, machte die alten tannenen Bretter wie Glas zersplittern und schleuderte ihn selbst taumelnd ins '2immer. Ein roter, rauchender Schein von Peehfackeln floss in die Dunkelheit hinein und tanzte auf einer Masse von wilden, rotäiigigen Gesichtern, welche den nun offenen Türrahmen füllten. Mirjam sprang aus ihrem Zufluchtsort hervor an Jossefs Seite, indem sie dem Führer des Mobs zurief: „Was wollt Ihr von mir, Schmied? Ihr wisst, ich habe nichts?'* Der Schmied hatte noch soweit Menschenverstand bewahrt, um sich zu erinnern, dass Mirjam nicht viele Monate vorher das Leben seines jüngsten Kindes, als es an Croup tot&ranfc gewesen war, gerettet hatte. „Kommt fort, Kameraden," sagte er, „es ist die alte Bäckerfrau — sie hat nichts." „Die Küche der Hexe, wo sie mit Christenblut backen!" schrie der Pöbel. Da fiel ein Lichtschein einer der Fackeln auf die glänzende Fläche von Mirjams Kidduschbecher, der in seiner •einsamen Grösse auf dem Wandbrett stand. Geschehen war's um Mirjams stolzes Gedenksfeück Heb Chaims — Symbol der Freude und (3er Hoffnung für die Juden — er warf den Schein in das Auge des Angreifers zurück. „Silber!" schrie er, „du bist ein Lügner, Schmied — ich sehe Silber!" „Zurück!" schrie Jossef, als ias Gesindel vorwärts drängte. Er ergriff den schweren Stuhl, um zu kämpfen, aber eim Dutzend eiserner Hände hielten ihn fest. Eine schwarze Stange bewegte sich in der Luft. „Barmherzigkeit!" schrie Mirjam. „Er ist blind!f- Dann folgte dumpfes Geräuseli, wie von fallenden- Klötzen, ein wahnsinniges Gewirr von Staurpfen und Krachen nmcL gellendem Schreien. Plötzlich kam von draussen der Euf: 3,Die Gendarmen l" und der hungrige Magen (ki- Nacht verschlang die ringenie Horde. Gleich einem wahnsinnig wirbelnden Kyklon, der durch lie Prärie zieht, hatte sie im Zimmer nur einen Augenblick gevMLtet, und floh ebenso schnell, Verwüstung, Verderben und Tod linter sich lassend. Man hörte draussen lautes Pferdegetrappel und dLs Geklirr von Schwertern — Mitiiner, Frauen und Kinder, die Alme voll von Beute, zerstoben iiuigestüm nach allen Richtung«»* Dann folgte plötzliche Ruhe — die Gass' ward still und leer,----- Während des ganzen Aufruhrs war Schimmele wie gelähmt gewesen. Er sass noch immer zusammen gekauert in seinem Winkel hinter dem Ofen* betäubt vom Schreck, nnd ULekte mit weit offenen Augen in die schwarze Leere der Nacht. Er strengte sein& Ohren an, um einen vertraute» Laut zu hören. Nichts ausser einem sonderbaren Zischen war ve-niehmbar. Es war das Geräusch «ter ersterbenden Flammen, welch edie Soldaten löschten. Ein unheimliches, regelmässiges Klanen, erst stärker, dann schwäche werdend, erfüllte die furchtlaie Stille. Die Welt schien ausgestorben und stumm geworden zu sein — nur sein Herz poclte schwer. Wo war Babe Mirjam — wo Vetter Jossef? Keiner won ihnen lässt sich hören. Waren sie eingeschlafen oder weggefegt worden mit dem Pöbel? „Babelef" flüsterte Schimmele. — Keine Antwort, „Jossef — Vetterl!" — Auch darauf Schweigen. Der Nachtwind Wies durch den leeren Türstock, tu dem die Trümmer der Tür hingen. Schimmele klapjerte mit den Zähnen vor Kälte ml tränenlosem Grauen. „Babele — mein Babele! — O — Vetterl!" Er erhob sich umd streckte die Hände in der Finsternis aus. Ein kaltes, hartes Etwas streckte sich aus und beröhrte ahn geisterhaft. Er fuhr, vor Entsetzen zitternd, in sein-eiL Winkel zurück. Die Stille wurd& noch tiefer. Der Posten hörte auf, seine Runde zu machen; eim feiner Regen begann leise vom Himmel zu fallen, als ob die Natur weinte oder den grässlichen Blutfleck von ihrem Antlitz wegzuwaschen strebte. O, diese Nacht, die endlose, grausige, schreckliche Nacht! Endlich — endlich — breitete sich über das Angesicht Her Finsternis die graue Farbe des Todes; weit im Osten wurde ein schwacher rosiger Scliein geboren, immer heller und Iwller werdend, als ob er genührt würde vom Absterben der fcfa.cht. Es war Morgen. Schimmle sah die Umrisse des Zimmers allmählich Gestalt annehmen. Neben ihm lag der umgeworfene TL s eh, dessen ausgestreckte Füsse jjtn in der Finsternis gespenstiscli berührt hatten; Möbel, Kleider, Geschirr lagen als zerstreute Trümmer umher, der arme kleine Schatz aus Mirjams Kiste, ihr liebes weisses Leinenzeug, k.g zerrissen und zertreten da; die Angreifer hatten bei ihrer Flucirt einzelnes fallen gelassen. Und nahe der Türe erblickte das ICind geisterhafte Körper — nein., nein, er konnte nicht hinsehen^ und wie von einem Krampf geseliüttelt, begrub er sein Gesicht in den Händen. Waren das nicht schnelle flüchtige Schritte, ein menschliches Wesen — Hilfe — ein Freund! Er stürzte ans Fenster, Es war nichts. Es war nui der Morgen und die Trümmer 4er Gass*. Neben dem Fenster äer verkohlte Best eines Freudenfeuers, geschwärzte Ueberreste von Tischen, Betten und Stühlen; und über allem thronte, noch Tornehm in seiner Zerstörung, EUb Noachs halbverbranntes Fautenil. Ein Zwitschern im uralten. Nussbaum lenkte seine Augen aufwärts und dort blieben sie tu1i«il, denn in der Nacht war der &:rste Atem des Frühlings über die: Gass' gestrichen und wie Reii, der mit dem zartesten Grün gefärbt war, lag es auf den weitfeit Zweigen. Die Vögel zwitscherten in den Aesten. Ein Sperling flog nieder und holte sich einen Strohhalm, um damit den Bau seines Hauses zu beginnen. Scliisimele sah, dass dieser Strohhalm aus einem niedergefallenen Mndel kam, das aus einem kleinen zerrissenen Bettüberzug heiworsah, das selbst neben einer lialbverkohlten Wiege lag, und er erkannte beides als Bele Losers kleine schwarze Wiege, die er nie gesehen