Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-04-17
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 Die Welt" Nr. 16 sich ausdrückte „Gott behüte* |^a|i^^ Hanse aufwachsen sollte wie eine HeicTin". V & j. j; i i Jule wuchs als ein dralles, duinnies, gutmütiges Mädchen auf, das Mechel, Rachel und ihre Kinjder hingehend liebte. Sie sang und arbeitete den ganzen Tag und half selbst im Geschäfte aus an Tagen, wo es viel zu tun gab. „Eine Beheme," sagten die Leute, _,,dass Gott sich erbarmen soll! Aber sie hat ein wirklich jüdisches Herz!" Denn Jule hatte bald alle Kniffe Mechels erlernt und wusste, dass es nichts ausmachte, wenn der Braten der reichen Frau Bliimele viel zu fett war, aber dass an den Knochen einer armen Frau immer ein bisschen gutes Fleisch hängen bleiben musste. Als Jule fünfzehn Jahre alt wurde, begann Mechel ihr .Lohn zu zahlen, -damit sie nicht einmal als gottverlassenes Ding dastehen möchte,'ein Mädchen ohne Mitgift. Jule war nun zwanzig, hatte schon vierzig Gulden für ihre Mitgift in einem der alten Sacktücher Mechels sicher eingebunden und hatte auch schon einen Liebhaber. Mechel war diesem Liebhaber nicht hold, denn er war ein herumstreichender Bursche, von dem niemand wusste, wovon er lebte; aber Jule sagte, er wäre ein Müller von Beruf, und er würde dieses Geschäft betreiben und sie heiraten, wenn sie hundert Gulden haben würde. Eines morgens «'wachte die Gass' von den klagenden Rufen Mechels und seines Weibes, die in der Suche nach ihrer Magd Jule umherliefen. Sie war in der Nacht verschwunden; jede Spur von ihr war fort. Alles, was ihr gehörte, war am gewöhnliehen Platze. Nichts fehlte ausser dem roten Tuche, das sie immer bei sich trug und das die vierzig Gulden enthielt, die sie für ihre Mitgift erspart hatte. Der Verdacht fiel auf Lucas,, Julies Geliebten; aber dieser war auch versehwunden. Nach einem Berichte sollte er mit einem Kohlenbrenner im Walde zusammen wohnen, aber weder Lucas, noch der Köhler konnten aufgefunden werden. Die. halbe Gass' ging mit auf die Suche. Mechel rief jedem, der ihm in den Weg kam, die fürchterlichsten "Verwünschungen ZU .und Rachel, sein Weib, weinte bittere Tränen. Dann zeigten sie Juliens Verschwinden den Behörden an. Eine sorgfältige Nachforschung wurde angeordnet, aber vergebens. Nach einigen Wochen wurde des Mädchens Leiche im Walde gefunden und das alte .Sacktuch, in dem sie ihr Geld eingebunden hatte, lag nicht weit. von ihr. Wer kann sagen, wo es anfing? Vielleicht haben in einer Nacht beim Ofen, wenn gespenstische Geschichten die Runde machen, einige alte Weiber die herzzerreissende Geschichte wiederholt, wie man in ihrer Jugend davon gesprochen hatte, dass die Juden das Blut einer christlichen Jungfrau brauchen, um es in ihr Osterbrot zu mischen? Wie ein verderbliches Gewächs seine giftigen Ranken in einer Nacht ausstreckt, so breitete sich die schauderhafte Fabel aus, und gewann Macht über die Christen von Marita Denkende Menschen schüttelten ungläubig den Kopf, aber die Fabel wurde gross, stärker, ausgedehnter, als es die schönste Blume der Wahrheit geworden wäre. An einem stillen Sabbat-Nachmittag wurde.die Gass' durch die Arretierung von Mechel Katzew und seiner Frau Rachel in Schrecken versetzt. Man beschuldigte sie, ihre Dienstmagd Jule zu rituellen Zwecken ermordet zu haben. Beeidete Zeugen erklärten, Mechel und seine Frau mit noch anderen Juden an der Grenze aes Waldes in der Nacht des Mordes gesehen zu haben. Die Juden waren vor Entsetzen gelähmt. Die Beschuldigung des Kitualmordes, welche durch Jahrhunderte so traurige Verheerungen unter ihnen angerichtet hatte, war für sie ein Schrecken ferner Vergangenheit gewesen gleich der Inquisition oder den mörderischen Scharen der Kreuzzüge; doch nun erstand sie plötzlich vom Tode; nicht als Phantom, sondern lebend im vollen Lichte des Tages. Unter den vielen antisemitischen Agitatoren jener Tage gab es auch einen gewissen adeligen Herrn, dessen exzessive Art seiner Tiraden den intelligenten Klassen viel Stoff zur Unter- - haltung gewahrte unct ihm den Beinamen des „Dreseh-Grafen" eintrug. Ein Sendling dieses Mannes, den die fruchtbringenden Verheissungen der jüngsten Ereignisse angezogen hatten, fand seinen Weg nach Maritz. In den Wirtshäusern schrie er seine hässlichen Denunziationen aus, während die Bevölkerung ihm eifrig Beifall klatschte. (Schluss folgt.) Melameds Hoffnung. Von Ch. N. Bialik. Aus dem Hebräischen von Moriz Zobel. . . Ach, es wird Zeit, die Stunde muss kommen, Dass endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed, Verschnaufe die heillose, leidige Mühsal, Die mir dörrt das Gebein und aufsaugt mein Mark . . , Der Herr sieht mein Herz: ich kanns nicht mehr tragen, Die alten Kräfte sind längst dahin . . ♦ Mein Leib verfällt und geht darnieder, Die harte Bürde reibt ihn auf ... Acht Halbjahre*) sinds, seit die Schulmeisterbank Unter mir drückt und mein Herzblut zehrt; Acht Halbjahre — volle, gezählte vier Jahre Hab' ich mein Heim, Weib und Kind nicht gesehen! Der einzige Gott allein kennt mein Herz, Mein banges, wehes, zitterndes Sehnen Nach meinen teuren Augensternen — Naeh meinen herzigen, kleinen Küchlein, Nach meinem geliebten, frommen Weibe, Frau Zippe — bis hundertundzwanzig Jahr! Doch was ist zu tun — und Gott ist mein Zeuge: Ich kann nicht, ich kann nicht mit leerer Hand, Wie ich gegangen hin, wiederkehren! Zuvor muss ich sparen ein Taler fünfhundert — Wie ich mit meinem frommen Weibe* Beim Abschied klärlich bedungen habe, In bündigster Form, nach der Satzung der Thora . . . Nun werd* ich gottlob nur ein einziges Jahr Den Rücken noch beugen, den Zuchtstock schwingen, Bis die Zahl beisammen : ein Taler fünfhundert — Dann „Schluss und zu Ende, dem Weltenherrn Dank"**) Uebers Jahr, wenn der Herr mich am Leben erhält, Vor Chamez-Räumung, bei Sonnenaufgang, Wenn der Hahn noch kräht, und die volle Zahl Beisammen ist — ein Taler fünfhundert: Dann — auf, Leeser Mendel, den Abschied gegeben Dem Zuchtstock, der Schulbank, dem Lehramt für immer! Verkauf samt dem Chamez,***) die drei um ein Nickel Mit giltigem Zuschlag für ewige Zeit! Genug, Leeser Mendel, vom unsteten Leben, Vom Elend der Wanderung, fern deinem Nest! Hast fünfhundert Taler, das Glück, im Beutel, Hast satt und vollauf dich gerackert — Genug! Nun breite die Flügel! Auf, auf in dein Nest! Dort harrt deine Taube, die lieblichen Jangen — So werd* ich vergnügten Herzens mir sagen Und tief in die Tasche versenken den Beutel, Mein Bündel schnürend, gerüstet zur Reise — Hernach auf Adlerfittigen heim ... Wie jauchzen mir Weib und Kinder entgegen — Ich male so recht ihren Jubel mir aus — „Was bringst du mir, Mendel?" „Was bringst du mir, Vater?" So drängt sich um mich die fragende Schar. „Nichts hab' ich gebracht, mein Weib, meine Kinder, Ich hatte nicht Müsse, Geschenke zu schaffen, Geschenke und Gaben für jedes, von euch. Doch habe ich ein Geschenk für euch alle, Ein rechtes Geschenk für euch mitgebracht, Das fegt uns die Armut aus allen Winkeln, Das spendet uns Trost für vergangenes Leid ... Hier bring* ich euch — wohlgefüllt — einen Beutel: Fünfhundert Talerchen bar und blank! *) Der Melammed »verdingt sich* den Vätern seiner Schüler in der Regel auf ein halbes Jahr, einen sogenannten „Sman". **) Eine stehende Formel, die in hebräischen Büchern das »Ende" anzeigte. ***) Alles Ungesäuerte, das vor dem Pessachfdste nich* fortgeschafft werden kann, wird einem Nichtjuden verkauft«