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Die Welt · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-04-17
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wölfen sfc«ein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) (Fortsetzung.) ~ Di-e Quelle der Tranesn. Die furchtbar« Krankheit Judenhass wütete wieder in Europa verderbliche als die Cholera, entsetzlicher als der Krieg.Sie brach geheimnisvoll hervor, niemand wusste„ woher, verbreitete sich mit Blitzesschnelle und verheerte das Lxnd von einem Ende bis zum andern. Wie von Meltau berührt, sdhrumpften die schönen Blumen der Aufklärung zusammen, die (fcmellen der Gerechtigkeit und Wahrheit iwurden davon vergiftet, selbst die Redlichkeit ertötet. Die alten Leut&, deren Leben im milden Strome der Toleranz hinfliessen sollte, flu chten den Juden4, Die Jungen und Starken, deren frische Kraft Mx Gerechtigkeit un$L Brlderlichkeit edelmütig kämpfen sollte, flueliten den Juden. Kleine Kinder, deren süsse Lippen Unschuld stammeln sollten, fluchten den Juden. Kühne Geister hatten das Uebel zergliedert und es zu den toten Dingen eingereiht, zu abgestorbenen Seuchen, totem Glauben, toten Schrecken des Mittelalters, eine erbärmliche Sache, die wie schwarzer Aberglaube im Lichte der Erkenntnis zusammenschrumpft und verrichtetist. Jetzt haben Wissenschaft, Entdeckungen und Erfindungen die dunkeln Stellen menschlichen Denkens aufgeklärt; die Th-e-orie der Entwicklung kat die Brüderschaft aller Menschen mlc-htiger verkündet als alite ethischen Gesetzbucher der Religion, und doch schireitet cter Juden'hass ohne Scham einher! . , , In verschiedenen Masken erschien er in manchen Ländern in der schönen Gewsm-dung des Patriotismus, indem er sich Nationalismus nennt; iin anderen usurpierten Staatsmänner das vornehme Kleid der Wissenschaft, um ihn darniü; zu umkleiden; „Sozialökonomische Belegung" ist dort sein Name. Im Bezirk von Maritz ging er unerschrocken nackt einher und die Leute nannten ihn furchtlos bei seinem wahren Namen: Antisemitismus. Viele Jahre hatten, die Juden von Marifcz friedlich mit ihren christlichen Nachbd-m gelebt. Beiderseitiges Misstrauen und Abneigung waren in einem langen, freundschaftlichen und gegenseitig nützliehen Verkehr nahezu verschwunden. Anseht betrachtete Christophs Dummlicit mit gutmütigem Spott, und Christoph, der den niedrigen Beruf des jüdischen Hausierers verachtete, bewunderte seinen überlegenen Witz. Christoph Hess sich vom jüdischen Osterbrot schenken und Ais'hel andererseits — obwohl die Religion ihm verbot, von christlicher Speise zu essen —- hielt seinen kleinen koscheren Topf in Christophs Haus, um darin seine Mahlzeit von getrockneten Erbsen zu kochen, um in Gesellschaft seines Freundes un«L Kunden essen zu könneia. Es ist richtig, an Beleidigungen für den Juden hat es auch damals nicht gefehlt, aber er steckte sie philosophisch mit nachsichtigem Achselzucken ein, wie man die wertlosen Verwünschungen eines Kindes unbeachtet lässt, oder dte Kotsprllzer eines Gassenjungen. Aber in diesem sorgenvollen Jahre hatte sieh alles geändert. Wo man dem Judeiii früher mit freundlichen Worten begegnet war, wurde er jetzt mit bitteren Flüchen und finsteren Blicken angegriffen. Die Hausierer zogen vergebens von Kof zu Hof; die kleinen Handelsleute sassen müssig in ihren Lilien.' ' Man litt inrne* grösseren Mangel in der Gass'; die langen Gesichter wurden immer länger und blasser, Eines Tages waren an den Buden des Wocheninarktes grosse Plakate angeschlagen, <Jie die Aufforderung enthielten: „Kauft nicht bei Juden!" Die Männer kämen mit slummen, verzweifelten Gesichtern heim. Sie hatten nichts verdient, „Das ist das Ende," sprachen die Leute und rangen die Hände: „Wo sollen wir Brot für unsere Kinder finden?" Aber das Ende, das schauderhafte Ende, sollte erst kommen. Bei Völkern, deren Geist noch religiöser Aberglaube umwölkt, bringt die Krankheit Judenhass tmocIi einen treuen Gefährten mit. Dieses schreckliche Gespenst lieisst Blutbeschuldigung'. Päpste und Bischöfe, Philantropen und Philosophen, Schriftsteller und Prediger haben durch Jahrhundeitfe gegen diese entsetzliche Lüge gewettert — ve-rgebens. Wie das schreckliche Gespenst sich in Maritz festsetzte und welche Verheerung es dort anrichtete, habe ich jetzt zu erzählen. An einem kalten, heftig schneienden Wintermorgen, viele Jahre vor Schimmele» Geburt, fand Wiechel Katzew*), auch als Mechel Grobian in der Gass' bekannt, äLs er seinen Laden öffnen wollte, Jule, das Bcftteikind, auf seine* Türschwelle sitzen. Sic war blau und zähneklappernd vor Kälte und schwere Tränen, die ihr Kälte und Schm«rz erpressten, roilten über ihre zerkratzten und blutenden Hände, Jule war dem Mechel nicht unbekannt, da ihre wöchentliche Bettelrunde sie aucli in die Gass' braeftte; und er war gewohnt, ihr eine Handvoll von Fleischabfällen cn geben und sie weiterzuschieken. Aber an diesem Tage war IVtechel Katzews Herz weich. Sein jüngstes Kind, das an Croup zu Tode erkrankt gewesen war, hatte in dieser Nacfct die Krise übeistanden. Und als er auf das Bettelmädchen l)lLckte und seiner eigenen Kleinen im behaglichen Zimmer hintei1 dem Laden gedachte, wo sein gutes Weib Rachel ihre kleinen Hemdchen am Feuer wärmte und einen grossen Topf Kartoffelsuppe zftir sie zum Frühstück kochte, überkam seine Seele ein furchtbarer, gerechter Zorn'. Er stiess einen mächtigen Fluch aus, in den er die Menschheit und die ganze Welt im allgemeinen miteinbezog, hob Jule auf seine Arme, setzte sie ans Feuer, schmierte einen dicken Patzen Uiischlitt über ihre blutenden Hände und begann laut um Suppe zu brüllen. Den ganzen Tag schimpfte er derart, dass seine Kunden erklärten, man könne es mit ihm nicht 1 Inger aushalten und solch einen Grobian habe die Welt noch nickt gesehen. Nächsten Tags zog er seinen Sahbatrock und -Schuh-fc an und ging zum Gemeindepfarrer, und a.ls er zurückkam, führte er das Bettelkind an der Hand. „Habt ihr gehört?" riefen die ILeute spöttisch. „Mechel Katzew hat das grosse Los in der lobterie gewonnen. Er hat kaum genug für seine eigenen Kinde* und nimmt eine kleine Schickse*) ins Hans — der Mann ist verrückt!" Und um die Richtigkeit ihrer Behauptung-zu beweisen, schickten sie für die Jule die abgetragenen Kleider ihrer eigenen Kinder. Jule war das illegitime Kind ein er Dienstmagd, welches sie in ihrem fünften Jahre verliess. Eime: Zeitlang trieb sich die Kleine in der Kühe des Dorfes herum, bis Zippel, die Bettlerin, sich erbot, sie zu siel zu nehmen. Denn Zippel war alt und zog es vor, auf ihrem Bette aus Lumpen zu liegen, als sieh mit einem schweren Korbe herumzuschleppen. Nun bettelte Jule für Beide. Sie war acht Jahre a,lt, als Mechel Kttzew vom Pfarrer die Erlaubnis erhielt, sie in sein Haus zu nelimen. Mechel kleideie und nährte sie und schickte sie in die Schule, bis sie Lesen und Schreiben eiUrnt hatte. Er kaufte ihr ein Gebetbuch mit einem schönen gcldenen Krentee' auf dem Deckel und jeden Sonntag Morgen kannte man ihn das kleine widerstrebende Mädelen zur Kirche sdileppen sehen, von wo er erst umkehrte, bis er sie sicher drin sali; damit sie nicht, wie er *) Fleischhauer. *) Chrfstenmädehen.

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