Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 16 (17.4.1903)
- Article
- Die Affäre
- Date
- 1903-04-17
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. lö! sich ihm das tiefe Niveau des geistigen Lebens selbst jenes Teiles der Nation, der als die Elite vom Gesetzgeber gedacht ist. Er hat da wohl manchen alten Helden wiedergesehen, den er schon früher per satiram abkonterfeit hatte, aber gewiss auch manchen neuen, den „Klio" noch nicht verzeichnet. Er mag wohl auch seines armen Freundes Zola gedacht haben, der all dies vorausgesagt, der prophezeit hatte, nicht eher könne und werde Ruhe in Frankreich einkehren, bis nicht das Leichenlaken zerschnitten sei, unter dem eine Bande von Verbrechern und Gefoppten die Wahrheit und Gerechtigkeit — zwei Ausdrücke für einen Begriff — ersticken wolle. Einer, ein Mutiger, ein Ehrlicher, Je an J a ur e s, hat es unternommen, ungeachtet des Widerratens und "Widerstrebens ängstlicher Freunde die „Affäre* wiederum aufzurollen. Er tat dies mit viel Temperament, glänzender, hinreissender Beredsamkeit, zwingender Logik der Beweise — aber weit weniger Geschick, und darum nur mit halbem Erfolge, was auch verblendete Optimisten zugeben müssen. Zunächst war es ein Fehler, dass die Enthüllungen so lange Zeit angekündigt wurden. Wir geben objektiverweise zu? dass es sich mit ihnen nicht so verhält, wie mit den angekündigten Revolutionen, die auszubleiben pflegen, wenn sie vorhergesagt werden. Sie enthielten viel tatsächlich neues, das man zwar vermutet, doch nicht mit Sicherheit gewusst hat, und wirkten in einigen Beziehungen, zum Beispiel bezüglich des Generals Pellieux, verblüffend. Allein die erste Nachricht, Jaures, der berühmte Redner, ein Führer der sozialistischen Partei, ein aus der früheren Dreyfus-Affäre bekannter warmer Verteidiger und Fürsprecher des verurteilten Juden, habe das lange gesuchte „fait nouveau", die neue Tatsache, die mit Notwendigkeit zur Revision führe, endlich gefunden, und hege die festeste Zuversicht kraft derselben den entscheidenden Schlag gegen die Partei der Generalfälscher fähren zu können — diese erste Nachricht, geschickt lanziert, erregte die allgemsinste Spannung. Und dann verstrichen Wochen um Wochen, Jaures aber schwieg; die Gutgesinnten begannen zu glaubeD, Jaures habe sich getäuscht oder sei selbst getäuscht worden. Jaures aber schwieg; er schwieg nunmehr gegen den Rat seiner Freunde, die besorgten, dass in der Zwischenzeit die Gegenparteien die wankelmütigen Gruppen der Regierungsparteien zum Abfall bringen würden, und wünschten, durch einen schnellen, entscheidenden Vorstoss die Zweifler mitzureissen, Das war der erste Fehler. Als Jaures endlich anlässlich der Debatte über die Wahl Syvetons, irgendeines unbedeutenden Nationalisten, der übrigens bei dieser Gelegenheit das Bad ausgiessen musste, indem sein Mandat nicht verifiziert wurde, das Wort ergriff, „da liess es ihn nicht mehr los*. Er sprach zu lange, und das war der zweite Fehler. Der dritte Fehler ist ein rhetorischer, hängt aber wohl mit dem genannten zusammen. Hätte Jaures sich kürzer gefasst und in einem Zuge seine Rede beendigt, dann wäre der Effekt des Berichtes des Dr. Dumas noch ein ganz anderer gewesen. Die Argumente mehr zusammengedrängt, hageldicht auf die verdutzten Reaktionäre niedersausend, keine vierundzwanzig Stunden Bedenkfrist für die abfallsbereiten Schwächlinge und Ehrgeizigen in den Reihen der Republikaner, nach der Szene Brisson-Cavaignac, die Erzählung des Dr. Dumas und die Erklärung des Kriegsministers — mit kolossaler Majorität wäre die Tagesordnung Jaures. welche die eigentliche Tagesordnung der Regierung war, angenommen worden. Das war der dritte Fehler. Viertens die Üngsohicklichkeit der Sozialisten, die durch einen Zwischenruf unnützerweise die ganze Armee beleidigten, der Rechten die Gelegenheit gaben, deren Beschützer zu spielen und manchem zwiespältig Gesinnten auf der linken Seite des Hauses die Wohltat erwiesen, sich als Patrioten zeigen zu können* Das sind so einige Fehler, die bei reiflicher Ueberlegung wohl hätten vermieden werden können, die bei einem so geübten und erfahrenen Palamentarier wie Jaures überraschen müssen, und die das-klägliche Resultat zeitigten, das wir nun besprechen wollen. 7K ■ Jaures hatte eine Tagesordnung eingebracht, derzufolge die Regierung von der Kammer beauflagt werden sollte, eine Untersuchung über das Urteil von Rennes einzuleiten und alle eventuellen Konsequenzen aus derselben zu ziehen. Diese Tagesordnung sollte der Regierung gewissermassen als Rückgrat dienen bei ihrem Unternehmen, die Affäre in der einzig richtigen und möglichen Weise zu finanzieren. Wir bemerken hier in Parenthese: Wir stehen auf dem Standpunkte, die Affäre Dreyfus gehört an sich durchaus in die Domäne der Justiz. Durch die Parteien der Finsternis und des Rückschrittes ist sie auf das politische Gebiet gekommen und daselbst zum Schibolet geworden, an dem die Freunde sich erkennen. Nur gezwungen, um den Gegner überhaupt zu erreichen, folgen wir Juden, wenn aus «iner Sache der Gerechtigkeit eine Sache des Vertrauens in eine schwankende Regierung gemacht wird, Mit diesem prinzipiellem Vorbehalte anerkennen wir es als richtig, dass die wahrhaft freisinnigen Parteien die Regierung durch die erwähnte Tagesordnung in ihren Bemühungen unterstützen wollten. Es ist nicht gelungen und das gibt zu denken. . * Das beweist einmal, dass viele Abgeordnete die Stimmung ihrer Wähler dahin abschätzten, dass diese um jeden Preis Ruhe vor der leidigen Affäre haben wollten. Kein Zweifel, es besteht im Lande ein weit verbreiteter verbissener passiver Widerstand gegen die Aufrollung der Dreyfus-Affäre, zu dessen Bezwingung eine bessere Inszenierung der Angelegenheit wahrscheinlich viel hätte beitragen können. Zur Illustration des Gesagten diene Folgendes: Marcel Colliere erörterte in einem kürzlich erschienenen Aufsatze die Haltung der französischen Katholiken und schrieb dabei: „Ich habe einen Freund, der Katholik, und weder Armeefreund noch Antisemit ist; er träumt nicht von einem grossen „Frankreich der Franzosen", von einem Frankreich, das Roms Zucht unterworfen und in dem sorgsam alle Juden, Protestanten, Freimaurer, Freidenker etc. ausgejätet sind. Mein Freund meint, dass viele Katholiken so denken wie er, und ist höchst erstaunt, dass ich seinen Worten ungläubig begegne. Ich halte ihm vor, wie sich die Katholiken in der Dreyfus-Affäre benommen hätten, worauf er entgegnete, er selbst sei doch auch vom ersten Tage an ein erklärter Partisan der Revision gewesen. Er will nicht zugeben, dass sein Fall nicht viel gleiche habe. Eines Tages finde ich ihn in die Lektüre eines Buches versenkt, das den seinen ähnliche Ideen enthielt: das Werk von Leon Chaine: „Die französischen Katholiken und ihre gegenwärtigen Bedrängnisse." „Wie du siehst, sind unser wenigstens zwei", rief er mir lachend zu. Richtig! Zwei, und vielleicht noch einige dazu, jedenfalls aber nur eine verschwindende Minorität. Chaine selbst gesteht, dass für viele ein Katholik nur Antidreyfusard sein kann, glaubt jedoch, dass wenn die ganze Frage, wie es ursprünglich den Anschein hatte, den legalen Boden der Rechtsprechung nicht verlassen hätte, es in der Affäre