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Die Welt · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Article
Passahausgang
Date
1903-04-17
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die ^Wetty Nrp$ traut hatten, wie sie angstvoll verfangt hktten: „Lasse von uns, wir wollen den Aegyptern dienen*, das kam ihnen wo Iii noch manchmal in den! Sinn, aber die Freiheit hat schliesslich alle gewandelt und sie waren wenigstens die Väter der Eroberer, der Bezwinger, der; Tatmenschen, wenn sie selbst auch zu elend waren, aus ihrem Sklaventum sich zum Höchsten emporzuschwingen.; Drum soll uns der Ausgang des Passah den Mut erheben, wie sein Beginn uns die Seele mit feierlicher Schönheit erfüllte. Wir zählen bereits. Die Omerzeit hat begonnen. All das Kleine, das unsere Feinde, unsere Gegner und so manche „Freunde* in unser hohes Streben hineintragen wollen, soll und wird uns nicht hindern, nicht herunterziehen. Der Wille zur Freiheit ist in unserem Volke erwacht. Es hat den Weg zur Selbsterlösung beschritten. Lasst die Grübler grübeln, die Nergler verkleinern, die Stumpfen spotten, die Niederträchtigen verleumden — wir schreiten über sie hinweg. Die leuchtende Frühlingssehnsucht in unserer Seele — die lassen wir uns nicht verkümmern und nicht verbittern, unsere Hoffnung durch keine Wüstenwanderung, und wäre sie noch so lang, rauben, von unserem Ziele weder durch Amalek noch durch Korah uns abschrecken. Das wollen wir dem Hause Jakobs sagen, das unseren Brüdern verheissen ... Automarrannen.*) Der Angstschweiss stand mir auf der Stirn. Bis Dienstag ein Beitrag für die Passah - Nummer. Und dies in letzter Minute! Mein Blick fiel auf das Maimon'sche Bild: „Hoanussim Bisforad", das einen geheimen Sederabend der spanischen Marrannen darstellt. Eine schlechte Reproduktion „schmückt" eine Wand meines Speisezimmers, unter verschiedenartigem Urväter-Hausrat. Aber mit den spanischen Marrannen geht es nicht mehr. Es ging lange genug. Nun aber sind alle Inquisitionsmöglichkeiten, alle erdenklichen Ueberraschungen der heiligen Hermandad verbraucht, und was jetzt noch in den verschiedenen „Israeliten" geleistet wird, ist so sehr veraltet, dass es unserem Gaumen nicht munden kann. Und doch zieht es mich an — nicht die stümperhaft verhunzte Reproduktioij des zu sehr theatralisch verkünstelten und verschraubten Bildes, sondern das Motiv. Ich meine: wie sich die jüdische Seele zitternd müht, zu ihrer Quelle zu gelangen. Der äussere Vorgang ist mir nichts; mich interessiert das verborgene Innenleben des Juden. Weshalb flüchtete er sich vom hellen Lenzlichte in die finstere Höhle? Nicht um „Ideen" handelt es sich dabei, sondern um reale, innerlich wirksame Kräfte. Das jüdische Passah und der Seder — das ist im Grunde des Wesens nichts anderes, als das jüdische Volk, der jüdische Mensch, in seinem innersten Lebenskern blossgelegt. Reine Instinktsache. Ein Mensch, wie eine knurrende, gefesselte Bestie, durch fremde Menschen mitgeschleppt, wie er sich dann aufbäumt gegen den Zwang, der die freie Persönlichkeit einengt und verkümmert. Hier steckt die grandiose und erschütternde Beseelung, die ungeheure Wucht und die fanatisierendeBegeisterungdesMarrannen- Seders. *) Für die Festnummer der Vorwoche bestimmt, leider aber zu spät eingelangt. Die Redaktion. Und so gelangte ich zu meinem TJiema, zu d|n Automarrannen. Gottes -Wege sind unerforschlich. . In ein anderes Dunkel möchte. ich /hineinleuchte Es ist nicht eine spanische Höhle, ein Grossmutterheim ist es, voll rührender Innigkeit und Wärme. Grossmütterchen schaltet und waltet mit holdseligster Güte und hellstem Frohsinn. Besonders sehöhj besonders wonnig und lustig ist es am Passaiu; Der Seder wird nach allen Regeln des Schulchan-Arüch veranstaltet. Grossmütterchen ist Witwe und würde nicht grosseiAnstalten machen, wenn es sich nicht um den Sohn und seine• Familie handelte. Der Sohn ist ein achtzehnkarätiger Bankenmensch, Grossindustrieller, renommierter Philanthrop, Präsident der Vereine soundso, überhaupt Lokalgrösse ersten Ranges. Er reitet abwechselnd alle grossen Gäule der Stadt-, Gemeinde- und „ Judentums* -Interessen. Ich hielt es lange für Familienlyrik, dass die überreiche Familie des Grossindustriellen mit ängstlicher Regelmässigkeit jedes Jahr die grossen, herrlichen Räume, die sie bewohnt, verlässt, um im engen Heim der Grossmütter die traditionellen Mahlzeiten zu geniessen. Es gibt doch noch Idyllen — dachte ich. Uebrigens sind es Alltagsgeschichten, dass gerade bei den Grossmüttern alte Bräuche fromm gehütet und geschützt werden. Unsere guten Judentumswächterinnen. Dem Zufall verdankte ich die Entdeckung, dass es sich in der Wirklichkeit ganz anders verhielt. Ich verkehrte in der Familie, und eines Tages erzählte mir die uralte Frau Cohn, dass ihr berühmter Sohn samt seiner Familie deshalb das Passah bei ihr zubringe, weil es ihm nicht „passe", in seinem eigenen Heim das jüdische Zeremoniell zum Vorschein zu bringen. Die Stellung in der „Gesellschaft", die häufigen Besuche, die Dienerschaft machen es unmöglich. Und doch — sagte sie — will mein Sohn das Passah und den Seder feiern. Es quält ihn, dieses Fest bei sich zu Hause nicht feiern zu können. Er m uss deshalb zu mir. Dieses Geständnis schärfte mir den Blick. Wo ich früher eine Idylle sah, begann ich ein Martyrium wahrzunehmen, ein Martyrium, hochdramatisch und zugleich hochkomisch. Eines Tages — es war eben „Passah im Lande" — wollte ich der Familie einen Besuch abstatten. Ich kam und erhielt von einem Kammerdiener die Aufklärung, die Herrschaften seien verreist. Nach einem Augenblicke fügte er hinzu: Herrschaften essenMazzes und Zwiebelchen bei der älteren Frau Cohn. Der Schalk blitzte ihm aus den Augen. Es war ein starkes Attentat auf meine Lachmuskeln, aber ich zog die Stirne kraus. Die arrogante Intimität des verschmitzten Judenknechtes behagte mir nicht. Augenscheinlich passierte mir das „Glück", von ihm als Christ betrachtet zu werden. Die Mutmassung lag mir nahe, dass er sämtlichen Christen dieses Familiengeheimnis entdeckt — der Bösewicht! Ich gehe hin — verkündete ich wichtig. Auf der Stirne des Kammerdieners legte sich eine leise Wolke des Unmutes. Er war unzufrieden und winselte: — Gnädiger Herr! Verraten Sie mich nicht, dass ich es Ihnen sagte. Ich erhielt strengen Befehl zu sagen, die Herrschaften seien verreist. Nur Ihnen habe ich dieses Geheimnis anvertraut. Er schaute mich bestürzt und ratlos an. Ich warf ihm einige Münzen hin und sagte: Ich bin kein „gnädiger Herr", sondern ein Jude, und gehe

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