Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Gabriele Preiss
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 26 (sequence 3)
- Language
- German
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— 26 — Nacht, bis er sich nach Mitternacht auf einen Baumstumpf setzte, pessimistischen Reflexionen sich hingebend. Jetzt hatte er es heraus; sie wollte von seiner Liebe nichts wissen, weil er ein Jude war. Und wenn er ihr erzählen würde von jener grossen Sehnsucht nach einem Heiligen, Hohen ünd Hehren, dann würde sie einfach »agen; „Dann könnte ich Sie erst recht nicht achten." . . . . Ismael wird trüb gestimmt. Er denkt an die Vergänglichkeit alles Irdischen, wie ihr blühender, junger Leib gerade in dieselbe Mutter Erde hinabsinken wird, in der auch er erst Ruhe und Frieden finden wird. Und das tröstet ihn dann ein wenig. „Smaili, mein Kind, wenn ich es vermöchte, ich würde dich in Seide und Gold hüllen . . Dieser Satz geht ihm nicht aus dem Sinn. Und unter dem Summen dieses Refrains bewegt er sieh fast instinktiv, spät nach Mitternacht, seiner Wohnung zu. * Ismael ist schwer erkrankt. Ein heftiges Nervenfieber hält ihn ans Bett gefesselt. Am Lager sitzt das junge Fräulein; Rosa Porges und pflegt den Studenten mit aller Hingebung, deren sie fähig ist. So ging?s viele Wochen. Als der Frühling ins J^nd kam," da hatten die kostbare Pflege, sowie Ismaels starke Natur den Sieg davongetragen. Das Studium aber freut u ihn nicht mehr. Er ist ein Schw.lchlin?, zu feige, den Kampf noch anderthalb Jahre fortzusetzen. Er ist ein Schwärmer. Und dieses Sehwärmertum ist für ihn „das Opium'', wie Professor Leon Kellner in einem Feuilleton von einem ähnlichen Jungen, einem Penäler, erzählte. Er wünscht sich nur eine kleine Stube mit einer kleinen Lampe. Da würde er schaffen, da würde er sieh ausleben können, er mit »einen Gedanken. Dort würde er seinen kleinen Sehreibfisch zur Sonnenseite postieren und darüber seine liebe Sixtinisehe Madonna hängen .... Er wendet sich an den Rabbiner (sie!) seiner Heimatsgemeinde mit der Bitte, ihm eine Stelle als Volksschullehrer zu verschaffen. In kurzer Zeit erhält er vom Rabbiner die Antwort, dass er sich um die erledigte Stelle in H. bewerben solle, der Protektion seitens seiner Glaubensgenossen sei er sicher. Ismael berührte das Wort „Protektion" äusserst peinlich. % Wir sehen Bald Ismael als Lehrer in H. wirken. Aber auch hier ist er melancholisch. Er fühlt sich einsam. Und dieser inneren Unruhe schafft; er ein Ventil. Er legt sieh ein Tagebuch an. In diesen Blättern offenbart sieh sein ganzer echter Charakter. Anfangs denkt er noch au seine liebe Olga und die Ablehnung seines Antrages. „Isem odehy lenu haluzka z rodneßo kmene<f — („Ich bin ein abgebogener Zweig vom väterlichen Stamm") — so klagt er im Stillen. Er findet keinen, der ihn versteht, und sein menschliches Herz wendet sich den Slaven zu. „Wenn mich jetzt jemand fragen würde nach meiner Nation, so müsste icH ihm sagen (nicht ohne eine gewisse Aengstliehkeit, dass er mich" aus meinen süssen Träumen reissen würde), dass ich ein Slave sein will und zwar deshalb, weil ich meine Heimat, wo ich geboren bin, schon von klein auf in mein Herz scRloss und aus ihr alles nahm, was mich, belebte. Alle Völker werfen uns vor, dass unser Stamm in alle Weltgegenden zerstreut ist, niemand bietet uns die Bruderschaft an — aber dem Herzen und dem Gewissen kann man doch nicht verbieten, zu dem sich zu bekennen, was sie lieben, darum habe auch ich es gewagt, mich als unterstützendes Mitglied der hiesigen tschechischen Vereine anzumelden, und ohne eigennützige Wägung meine Stimme in die tschechische Wagschale geworfen/* Jetzt also 5er ausgesprochene Enthusiast für die tschechische Nation. Doch auch hier folgt die Reaktion. Zehn Zeilen später: ,,Das einzige, das mich, wurmt und schmerzt, ist das Gefühl, dass ich von niemandem und niemals geliebt werde/' Er scTiliesst sich an den tschechischen, ihm sehr sympathischen Pfarrer an, der in seiner Klasse unterrichtet. Als er einmal mit ihm durchs Dorf ging und seinen Arm in den des Kaplans legen wollte, löste letzterer leise denselben los uacl sagte stotternd: „Entschuldigt — nehmt mir's nicht übel, aber ieh darf mit Euch öffentliche Freundschaft nicht schliessen; ein Kaplan ein freundschaftliches Verhältnis mit einem Israeliten — Ihr werdet begreifen, dass das wunderlich wäre, vielleicht sogar schlecht ausgelegt werden würde." Und die anderen Lehrer benehmen sich gerade so. Jetzt erst fühlt er den konkreten Antisemitismus. „Kdybych jen nebyl zidem . . /' („Wienn ich nur kein Jude wäre . . ,<£), so klagt er.--- Monate sind seit diesen Aufzeichnungen ins Land gegangen. Ismael hat sich auf Zureden seiner Mutter und in dankbarer Erinnerung an Rosa Porgei, die ihn gehegt und gepflegt,. mit ihr vermählt. Uoch diese Ehe bringt kein Glück* Die bescheidene Ilosa wird jetzt eine putzsüchtige parvenühafte Frau. „Meine Frau scheint jenen frühzeitig klugen Wesen anzugehören,^ schreibt er in sein Tagebuch nach langer Zeit wieder ein. Ihr ganzes Wesen widerstrebt ihm. Sie, die früher so orthodox gewesen, redet ihm sogar zu, sich taufen zu lassen, um eine bessere Karriere zu machen. In seiner Seele stürmt es grauenschwer. Er eilt hinaus aufs Feld, erklimmt dort die drei Stufen zum Marienbilde und verrichtet hier inbrünstig sein Gebet, Wohl gibt er Lektionen und plagt sich, doch sein Ideal, den Frieden, den heimlichen Herd, das Judentum hat er nicht gefunden. Er ist ein Mensch mit einer Zwitterseelenstimmung. Zudem wird er bedenklich krank. Sein leises Hüsteln, ein Ueberbleibsel von seiner schweren Krankheit, verstärkt sich von Tag zu Tag. Er konsultiert einen Arzt. Dieser rät ihm nach Arco» oder Gries zu gehen. Doch seine Mittel reichten hie zu nicht. Er hat sie Geld gesammelt, ist immer Idealist geblieben und geht daran in der Folge zugrunde. Wohl bringt seine Mutter ihm ihren letzten Sparpfennig zum Opfer dar, doch umsonst. Aber im letzten Augenblicke, am Totenbette, da kehrt er freiwillig zu seinem Stamme zurück: „Saget mir, Mütterchen, Euer Gebet vor, ich werde mit Euch beten," flüstert er. So leise flüsternd, lehnt er sein sterbensmücles Haupt, das so überaus voll von sehnsüchtigen Träumen war, an das Haupt seiner geliebten jüdischen Mutter und entschläft sanft .... Der abgebogene Zweig brach ohne Schmerz, Leid und Kampf und fiel in den Schoss der Mutter Erde .... Erde .... * Das ist der Iehalt eines ergreifenden und wahrhaften Seelengemäldes der jung-jüdischen Literatur. Ich glaube kaum, dass wir dem gleiches aus der Moderne gegenüberzustellen haben. Gabriele Freiss hat sich durch diese Novelle ein grosses Verdienst erworben. Wir sind ihr vom Herzen dafür dankbar. Ein weiteres Wort über die Dichterin Gabriele Preiss zu sagen, halte ich für überflüssig. Hat doch kein geringerer als Professor Kraus in der Nummer vom 1. November der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" ihr das beste und schönste gesagt, was man einer Schriftstellerin sagen kann. Sie hat durch ihre zahlreichen Novellen und Romane sich schon längst einen glänzenden Namen in der tschechischen Dichterwelt erworben, der durch diese neue Novelle nur eine Bereicherung erfahren hat. ^Fibäi>e. Jüdiacher Gesangverein „Scliir Zion". Jüdische Volksgenossen! Wo die schlummernde Kraft eines Volkes sich zu regen beginnt, wo alles, was stark und kühn ist, zu gemeinsamem Streben sich vereinigt, wo ein erhabener Gedanke die Seelen läutert und die Kräfte jedes einzelnen spannt, dort, in jener reinen Sphäre, in der alles Edle geweckt wiTd, was im Herzen des Menschen schlummert, dort erspriest ein kostbares Gut, dort blüht - die Kunst. Das jüdische Volk beginnt, sich seiner Kräfte bewusst zu werden* Nicht schlaff und willenlos, ein Spiel dar Launen seiner Feinde will es sein.