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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Gabriele Preiss
Date
1903-04-10
Page
25 (sequence 2)
Language
German
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~ 25 — Wurde doch Ms in die letzte Zeit der Dichterfürst Jaroslav Vrchlicky, tar böhmische Goethe, so ziemlich übersehen. Und welche Bewunderung verdient nicht der geniale, unlängst verstorbene böimische Heine — der Liebling der Tschechen — Jan Neruda! Gabriel* Preiss hat soeben bei Jan Otto in Prag und Wien ihr sechstes Novellenbuch verlegt.*) Die letzte, längste und beste Novelle dieser Sammlung heisst Ismael Lövit. Bie ist für uns Juden die wichtigste, und ich will den deutsch sprechenden "Lesern dieses Blattes eine ausführliche Inhaltsangabe im folgenden darbieten. Ismael Lövit ist der Typus des Bettelstudenten, wie Max Nordau trefitend sagte. Wir sehen ihn zunächst im Wartesaal dritter Klasse, wo er beim trüben Lichte lesend sich von Zeit zu Zeit Notizen macht. Er ist der einzige Sohn der Witwe Lövit, die sich dur«cli Hausieren mit Schnittwaren im südlichen slovakischen Mähien ernährt. Ismael ist Hörer des dritten Jahrganges der philosophischen Fakultät in Graz. Jetzt erwartet er eben seine Mutter zu Besuch. Dass Ismael gerade in Graz studiert, kam so: Zur Zelt seiner Matura übersiedelte die Familie des pensionierten Rates Dobner nach Graz. Der Oktavaner hatte den beiden junge» Dobner Lektionen erteilt und zwar mit so glänzendem Erfolg, (las man ihm das 15 fl. betragende Honorar und die sonntäglichen Mittagsmahle auch für die Zukunft beizubehalten versprach. „Gott liebt meinen Smaili", pflegte die streng orthodoxe Mutt&T zu sagen und schloss in ihr Gebet stets auch die christliche UTamilie ein. Wählend er so dasitzt, erinnert er sich, wie ihn als kleinen Burschen s-eine Mutter tröstete, wenn er von der slovakiscKen Jugend verMgt und beschimpft wurde, und er darob weinte: „Schäme di«!, Smaili, weinen! Du sollst dich darüber freuen, dass du unvergleichlich besser und weiser bist. Und wenn sie dich beleidigen, so denke nur daran, dass der unscheinbarste Jud', der auf der Landstrasse Federn aufliest, vor Gottes Antlitz besser ist, als der mächtigste und reichste Christ . . . . " Ismael kaufte siel* im Frühjahr auf Abzahlung eine gute Reproduktion der Sixt haschen Madonna und hängte sie in einem schwarzglänzenden Rahmen über seinen Schreibtisch. Dieses Bild verehrte er vte ein Heiligtum. Jedem, der sich darüber wunderte, dass ein «Jude gerade ein solches Bild ankaufe, sagte er ruKig, dass dies -las seltenste Kunstwerk sei, dass er je gesehen. Da er aber di« Mutter erwartete und er jener sicher gestellten peinlichen Fra-ge ausweichen wollte, und da sie ihn ja doch nicht verstehen könnte, so nahm er das Bild ganz sachte ab und legte es auf den" Boden seines Koffers, den er sodann fest versperrte. Dann betrachtete er traurig die leere Wand und fühlte, dass er den Kampf dieser beiden Gegensätze in seinem Innern nicht auf die Dauer werde ertragen können. Die Mutter kommt an und wird von ihrem Sohne in dessen Stube geleitet. Dort entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch über seinen kli» fügen Beruf. Die Mutter redet ihm zu, doch lieber Doktor zu werden. „Geld erwerben solche Doktoren — und ihre Frauen laben ein Leben wie Fürstinnen. Mädchen mit 20 ÖÖÖ bis 50 00(1 warten auf Doktoren . . . Doch Ismael entgegnet ihr, dass er zum Arzte keine Geduld habe, und Advokat niemals sein Ideal gewesen sei. Und als ihm Frau Lövit sagt, der Rabbiner sei auch der Meinung, dass nur derjenige, welcher zum Vergnügen studiert, die Philosophie wählen soll, da braust Ismael auf. „Ich habe den Rabbiner um keinerlei Rat gebeten!7* Das war *m Stich ins religiöse Mutterherz. Nur mühsam brachte sie die Worte heraus: „Vergisst du nicht auch manchmal auf den lieben Herrgott — vergisst du nicht zu beten?" „Jeder betet nach seiner Art!" antwortet der Student barsch. Und nun beginnt die Mutter vom Gotte Israels zu sprechen, wie er jedem, der ihn in Not und Gefahr anruft, hilfreich zur Seite steht. Ismael s^ilief bei diesen predigerhaften Trostworten sanft ein. *) Gabriela Preissovä: „Porosene* Pavueiny", sedmero povidek. nähl. J. Otto v. Praze, Karlovo nämesti. c. 34. Und während die Frau das Budget für den schwarzen PTomotionsanzug feststellt, zieht sie leise ihre Filzschuhe von (teil Füssen, löscht die Kerze aus und verrichtet, nach Osten gewendet, in Strümpfen stehend, ihr inbrünstiges Gebet zu dem Gotbe-, der sich ihrer in sturmbewegten Zeiten huldvoll angenommen. Ismael erwachte und beobachtete sie. Und in ihm stieg eine letenswarme Flut von Erinnerungen jener guten, alten Zeiten sdmer Kindheit auf, wo seine ganze, grenzenlose Liebe sich nur auf seine Mutter und den jüdischen Glauben konzentrierte.--— Eine Woche war seit der Abreise seiner Mutter ins Land gezogen. Ismael begleitete seine zwei Schüler und die ältere Schwester Olga Dobner nach dem Eisplatz. Die Eltern haben als Hauslehrer nur deshalb einen Juden genommen, damit die löbliche tratschsüchtige Mitwelt und Nachbarschaft nicht den traditionellen Zusammenhang zwischen Präzeptor and Haustochter konstruieren könne. Ismael ist ein Träumei- Während Olga sich seiner in liebenswürdiger Weise beim Lernen des Sportes annimmt, plaudert er von Schlössern, die koch in den Alpen liegen, wo glückliche Leute leben und Freiheit des Gedankens herrscht .... Auch in puncto Glauben. Es. entspinnt sich nun zwischen den beiden jungen Leuten ein Gespuach, dessen Mittelpunkt das künftige Domizil des Professors Dr. Lövit ist. In den Alpenländern, meinte er, würde ihm vielleicht das Schicksal die Lehrtätigkeit hemmen. Er ist eben ein willeriLSSchwaeher Mensch. Zu Anfang würde er noch alles durchkämpfen, aber er sieht, auf die Dauer würde seine Kraft erlahmen. „Dann liegt auch ein Klang meines Ursprunges schon in meinem Namen,"und den will er sich aus Pietät zu seinen ültern nicht ändern lassen. Ausserdem der Typus seines Gesiebtes. Nein! Deshalb will er lieber eine Lehrerstelle in den Su «d-etenländern suchen und annehmen. Olga Dobner antwortet niolit darauf. Sie erinnert sich des Wahlspruches ihres Vaters, „dass man in der gebildeten Gesellschaft, deren Mitglieder verscliie dener Konfession sind, von der Religion nicht spricht" und führt das Thema gewandt auf die Musik über. Ismael begleitet die kleine Gesellschaft nach Hause. Auf seinem Heimwege schwenkt er wie aus lieber, alter Gewohnheit in ein enges Gässchen, dann zur Rechten in ein kleines Kirchlein, wo dieser Tage der Abendgottesdienst verrichtet iFurde. Das eigentümliche Halbdunkel der Kirche, die von Weihrauch geschwängerte Atmosphäre, der ewige Sing-Sang de-.r verzückten Beter, dies alles,, sowie die Liebe zu etwas Holcm, Ueberirdischen erzeugen in ihm eine gewisse sentimentale- Stimmung. Er glaubt, in dem rohen Schnitzwerk der christinchen Mutter Gottes das Ebenild Olgas zu erkennen. * Unterdessen ist im Hause Dobner der Todes-engel eingezogen und hat den alten Rat ins Schattenland hinO-ergenomnien. — Die Familie steht vor dem Ruin; denn Geld hat der joviale Herr Rat nicht zurückgelassen. Man hatte ja „sfandesgemäss" gelebt. Olga will nun Klavierunterricht ^eben iniid hat sich entschlossen, im Auftrage der Mutter, Ismael in Bezug auf das weitere Erteilen von Lektionen reinen Wein einzuschenken. JSs fällt ihr herzlich schwer. Gehörte ja Ismael beinahe zur Familie! In "der diesbezüglichen Auseinandersetzung gesteht Dir Ismael seine Gebe und will von einer Bezahlung 'für künftighin nichts wissen. Olga schlägt das grossh'erzi^e Anerbieten aus und setzt einer lebenslänglichen Verbindung die Verschiedenheit der Religionen entgegen. Und als ihr Ismael sagt, er sei gerne bereit, sieh taufen zu lassen, Ja bricht clie Katastrophe aus. Ihre Augen glühen, sie empfindet einen eigentümlichen Schmerz, wie wenn ihr jemand rücklings einen haarscharfen Dolch in den blühenden Leib ^estossen hätte: „Ihr glaubet, dass jetzt, wo sich bei uns so viel geändert hat, Ihr mir schon alles sagen könnt," und ruhig, überlegen läcbfelnd, fahrt sie fort: „Ich habe Sie immerfort für einen klugen, s-cMtzenswerten Mann gehalten — doch wenn Sie das noch einmal sagen würden, könnte ich Sie nicht einmal achten." Das war eine deutliche Antwort, ein Zusammenklappen seines Kartenhiiitidiens, das er sich bereits so schön ausgemalt hatte. Er stürmte hinaus in die

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