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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Ma nischtano?
Date
1903-04-10
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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— 16 — Ma nischtano? Aus dem Jüdischen von Scholem Aleichem. Autorisierte Uebersetzung von M. B. Vater, ich frage dich jetzt vier Kaschjos (Fragen). Die erste Frage : Ma nischtano halailo haze raikol haleilos — wodurch zeichnet sich dieser Abend vor allen anderen Abenden aus? An allen Abenden des Jahres essen wir nach Belieben, sei es koscheren Braten oder trefe Wurst, sei es Fische mit Kren oder Krebse; in dieser Nacht jedoch isst alles Pesach und Mazzos. Mama warnte uns, dass wir ja nicht Chomez ins Haus brächten. Chomez mögen wir in Gottes Namen in irgend einer Delikatessenhandlung essen, nur nicht zu Hause. Hier sei bereits alles für Pesach hergerichtet. Alles ist rein gescheuert, es glänzt und funkelt in jedem Winkel; die Kochgeschirre sind neu eingekauft, die Möbel gesäubert, die Türen gewaschen, die Fenster geputzt. Von der Küche her dringt ein Duft von reichgepfefferten Fischen, von Gansfett und all den sonderbaren Speisen, die am Pessach üblich sind, und uns wurden plötzlieh die Mützen aufgesetzt, wir umringen deii Tisch und haben vor uns die Gebetbücher, in die wir verständnislos hineinblicken; wir sitzen da wie ein Puppenheer und schauen auf die Bücher, wie der Hahn in Bne odom?...•*) Was ist das für eine Komödie? Wie nennt man denn dieses Spiel?................... Dies, Vater, war die erste Frage. Die zweite Frage: Weshalb schickte Mama die Gouvernante für volle acht Tage aus dem Hause? Warum schämen wir uns so sehr unserer Feiertage?---. Schämen wir uns dessen, dass wir einst befreit wurden aus der Knechtschaft, dass wir aus Sklaven, aus Zigeunern ein freies Volk geworden? Schämen wir uns der Lehre Mösls, in der geschrieben steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.,„Wenn dein Feind hungrig ist, lass ihn sattessen an deinem Brote, und wenn er durstig ist, reiche ihm deinen Trunk"? Oder schämen wir uns unseres einstigen Tempels, der, wie* verlautet, ein Tempel war für alle Völker? . ♦ . Oder haben wir uns etwa unserer Könige zu schämen, unserer Könige, die nicht bloss grosse Kriege führten, sondern auch geistreiche Bücher geschrieben und herrliche Lieder gesungen haben sollen? . . . . Sollen wir uns unserer Propheten schämen, die im Volke Wahrheit, Sitte und Gerechtigkeit verbreitet, den Armen vor Bedrückung geschützt haben, die Witwen vor Gewalt und die Waisen vor Unrecht? .,. Der Propheten, die sich nicht gescheut haben, den Grössten und Mächtigsten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, selbst wenn es ein König war?... Oder sollten wir uns dessen schämen, dass unsere Vorfahren, wie erzählt wird, sich in Stücke schneiden, martern und foltern, ertränken und verbrennen liessen, zusehen und schweigen mussten, wenn man ihre Kinder abschlachtete, freiwillig in Feuer sprangen mit dem Siegesrufe : „Höre Israel"! — Sollten wir uns dessen zu schämen haben?.................- . . . Das ist die zweite Frage. Nun, Vater, die dritte Frage: Warum hast du uns in allen möglichen Sprachen unterrichten lassen, in alten und neuen — mit Ausnahme einer, der eigenen, jüdischen Sprache — der *) „Schauen wie ein Hahn in Bne odom" (Anspielung auf den Hahn beim Kaporesschlagen) bedeutet das verständnislose Dreinsehen. Sprache, in welcher die Thora geschrieben, in der die Propheten geredet, der Sprache, die eine grosse, schöne und reiche Litteratur haben soll? Warum kennen wir so gut die Geschichte aller Völker, der alten und der neuen — mit Ausnahme der eines einzigen Volkes, unseres eigenen jüdischen Volkes? Warum sind wir so heimisch in der Geographie aller Länder — mit Ausnahme eines Landes, des Landes Israel? Warum wissen wir so genau jede Einzelheit und noch so geringfügige Kleinigkeit aus dem Leben des Astiages und Arpad, des Kambyses, Darius und Iwan Kaiita und haben keine Ahnung von der Tätigkeit eines Ezra, eines Juda Makkabi? Weshalb wissen wir so genau, wer Puschkin war und Lermontow, Gogol, Gorki und Tolstoi, und haben keine Ahnung von Jehuda Halevy, Löwensohn, Lewanda, Gordon und Abramowicz? Warum weiss auch das Kleinste von uns Kindern, was für Feiertag „Weihnachten" ist, und von unserem „Chanukah" hat keines auch nur die geringste Idee? . . Dies war also die dritte Frage. Und endlich die vierte: Weshalb ist Iwan Iwanowicz dir so lieb und Reb Jankel bei uns im Hause von allen so gering geachtet? Weshalh läutet Iwan I w a n o w i c z laut an bei der vorderen Türe, während Reb Jankel verschämt und leise durch die Hintertür hereinzukommen pflegt? Weshalb entsteht bei einem Besuche Iwan Iwanowicz' eine solche lebhafte Bewegung bei uns, ein Hin- und Herrücken der Sessel? Warum eilt ihm alles zum Empfange entgegen; und warum weiss man kaum, wo ihm Platz anzubieten, während Reb Jankel verschämt beim Eingang stehen bleibt, sichtbar besorgt, nicht als überflüssiger, ungebetener Gast zu erscheinen. Weshalb amüsiert es uns so sehr, wenn Iwan Iwanowicz' einen Juden darstellt, der sich vor einem Gewehr fürchtet und ängstlich ruft: „Ai weh, me schiesst!" Weshalb lachen wir uns krank bei seinen „geistreichen"jWitzen> während Reb Jankel fürchtet, den Mund zu öffnen, und zuerst die Gesichter prüft, ob man ihn auch gerne anhört? Weshalb darf es Iwan Iwanowicz wagen, direkt auf meine Schwester Mathilde zuzugehen, ihr die Wange zu streicheln und ihr nach Belieben die Cour zu schneiden, und, als Reb Jankel es sich einmal einfallen Hess, Mathilde zu loben und eine „feine Bessule" (Jungfrau) zu nennen, weshalb rief ihm da Mama höchst empört die Worte zu: „Pfui, Jüdlein! was soll dieser Name Bessule bedeuten!* Und wenn der russische Lehrer zur Stunde kommt, weshalb begegnen wir ihm mit dem grössten Respekt und gehorchen auf den Wink, während wir, wenn der jüdische „Rebbe" einmal in der Woche zur hebräischen Stunde kommt, eine wahre „Hetz14 treiben, seinen Hut hinter einem Bett verstecken oder seine Galloschen auf den Dachboden tragen? . . .. Weshalb abonnieren wir alljährlich die „Niwa" und „Nowoja Wremja"*) um einen Monat früher als das Abonnement zu Ende ist, damit wir es ja nicht, behüte Gott, verspäten, und warum warst du so empört, als dich jemand vor kurzem fragte, weshalb du nicht eine jüdische Zeitung bestellst?... . Weshalb hört man bei uns so oft und so viel von anderen Literaturen, Werken und Schriftstellern sprechen, bei deren Ehrung du so gern und bereitwillig mitwirkst, *) Antisemitische^eitungen.

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