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Die Welt · 1903-04-10 · 15 (10.4.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
15 (10.4.1903)
Article
Passah
Date
1903-04-10
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Sie sollen ihn nach Tische wenigstens reden hören, da ich ihn heute nicht anders als im Bilde zeigen kann/' „Da müssen wir wohl ans Telephon ran?" meinte Kingseourt. „Nicht nötig!" lächelte David. „Sie werden es bequemer haben. Und nicht nur Sie, auch spätere Zeiten werden seine Rede vernehmen. Ich dachte mir, dass es immerhin merkwürdig wäre, die Stimme des Befehlenden festzuhalten, der den neuen Auszug der Juden ordnete. Darum bat ich Joseph Levy, den Bericht über die Besiedlung unseres Landes in den Phonographen hineinzusprechen. Sie kannten ja diese sinnreiche Erfindung schon vor zwanzig Jahren, meine Herren. Ich Hess die Wachsrollen, auf die Joe seinen Berieht gesprochen hat, vervielfältigen. Einige hundert Exemplare schenkte ich jetzt zum Passahfeste den Schulen. Wir aber werden uns heute an der ersten Vorführung dieser Denkwürdigkeit erfreuen." Kingscourt fand es sehr ergötzlich: „Janz famos. Da haben Sie einen reichen Gedanken jehabt, vereintester Mann der Zukunft. Ohnehin fragte ich mich schon die ganze Zeit nach dem Ueberjang. Das Fertige sehn wir ja vor uns. Aber wie ist es jeworden? Da liegt schliesslich des Pudels Kern begraben. Dass es Eisenbahnen, Häfen, Fabriken, Automobile, Tele-, Phono-, Photo- und Gott weiss was für Grafen jibt, das wussten auch wir minderjebildeten Europäer schon, bevor wir den erstaunten Fuss auf Palästinas Erde setzten. Aber wie haben Sie das alles herüberverpflanzt? Darum wollt' ich Sie eben ooch jebeten haben." „Joe wird Ihnen den Anfang sagen, nachdem wir Ihnen das Ende gezeigt haben/' antwortete David. „Und dieser Sederabend schien mir dafür die weihevolle Zeit. Wir lesen heute in unserer alten Hagadah, wie die Weisen einst an einem solchen Abende zu Bene-Berak zusammenkamen, und sich die ganze Nacht hindurch über den Ausgang aus Mizrajim unterhielten. Wir sind die Nachfahren von Rabbi Elieser, Rabbi Jehoseh.ua, Rabbi Eleasar dem Sohne Asarias, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon. Und dies ist unser Abend von Bene-Berak. Altes will in Neues übergehen. Wir werden zuerst unseren Seder in der Weise unserer Vorfahren zu Ende führen. Dann möge sich die andere Zeit melden, wie sie gekommen ist. WLeder gab es ein Mzrajim und wieder einen glückhaften Auszug. Dieser wurde selbstverständlich auf eine Art gemacht, welche dem Kulturzustande und den technischen Mitteln zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entsprach. Es konnte nicht anders sein. Es konnte auch nicht früher sein. Das technische Zeitalter musste erschienen sein. Die Völker mussten die Reife zur Kolonialpolitik erlangt haben. Statt der Segelschiffe mussten die grossen Schraubendampfer mit zweiundzwanzig und mehr Seemeilen Geschwindigkeit existieren. Kurz, das Inventar, von 1900! Wir mussten neue Menschen geworden und doch auch dem alten Stamme nicht untreu sein. Und auch die wohlwollende Teilnahme der Völker und ihrer. Pürsten musste dabei sein, sonst wäre das ganze Werk nicht möglich gewesen." „Gott hat uns geholfen\" sagte der alte Littwak und murmelte hebräische Wiorte. Reverend Hopkins erinnerte seine geistlichen Kollegen von den anderen Kirchen an den Osterstreit des Altertums, und wie sich all der müssige Hader nun in Harmonien aufgelöst habe. Heute könnten sie als Christen friedlich im Hause eines Juden zur Passahfeier zusammenkommen, und nähme keiner Anstoss an den Anschauungen des anderen. Denn ein Frühling der Menschheit sei auferstanden. ^,Er ist wahrhaftig auf erstanden\" sagte den Pope voit Sepphoris. Dann ... ... Dann brechen verschüttete Quellen auf, Dann stürmt" vom Berge in eiligem Lauf Der Strom in ein Eden hernieder; Dann rauschen Cedern in alter Pracht, Dann leuchtet die Sonne nach langer Nacht Und Davids Harfe klingt wieder. Ernst Erdmann. « Die Tiefquellen des jüdischen Gesanges.*) Von Rektor Dr. Adolf Schwarz (Wien). Welche ergreifende und überwältigende Kraft, welche hinreissende und begeisternde Macht dem geschichtlichen Ereignis innnewohnt, das der heutige**) Tag verewigt, dies zeigt sich am deutlichsten an dem Hallel-Psalm, der viele Jahrhunderte nach dem Durchzug Israels durch das Rote Meer von einem gottbegnadeten Sahger gedichtet wurde. Dem hellsehenden Dichter erscheint die Befreiung Israels aus Egypten als eine die ganze Erde tief aufregende Offenbarung Gottes; es war ein Moment, dessen weltgeschichtliche, hohe Bedeutung sogar die fühllose Natur verspürte, nipaa d^m np-i nmn nin*A ao* pTn ori n*n dm *) jxjr Das Meer sah es un(* floh, der Jordan wollte rückwärts weichen, ßerge hüpften wie Widder, Hügel wie Lämmer. Vor der Majestät des die Welt regierenden Schöpfers, vor der Erhabenheit des seines Richteramtes waltenden Gottes gerät der Erdball in Furcht und Angst, bebt und zittert er, dass die Meere ans Ufer sich flüchten, die Ströme und Flüsse ihren Lauf wenden. Der über die Wogen des Schilfmeeres dahinbrausende Ostwind, er bedroht die Erde in ihrem Gleichgewicht, denn er bringt sie in solche Fieberglut, dass ihre Pulse hämmern, er schüttelt uud rüttelt sie, dass Berge in Ebenen, Hügel in Steppen sich verwandeln. Der Psalmist, er dehnt die Spaltung des Roten Meeres auch auf andere Gewässer aus, er überträgt die Furcht und Angst der Küstenbewohner des Mittelländischen Meeres auf die Erde selber, er macht die ganze irdische Welt zum Zeugen der in ihrer Grösse vereinzelt dastehenden Gottestat, aber was veranlasst den begeisterten Dichter, von dem sich offenbarenden Gotte gerade das eine besonders zu rühmen, (2Qiö wtbn d<ö djk mn *»wn dass er den Fels zum Wasserteich, den Kieselstein zum Wasserquell umwandelt? Der nDD *yyy der siebente Pessachtag erzählt uns bloss von dem einen Wunder, dass das Meer sich gespalten und das Trockene sichtbar geworden, aber von einem zweiten Wunder, dass die Erde sich gespalten und Wasser zum Vorschein gekommen wäre, davon weiss er nichts zu berichten. Oder sollte der heilige Sänger, indem er die Freiheit besingt, sich die poetische Freiheit gestattet haben, die Zeitgrenzen zu verrücken, um spätere Ereignisse zurückzuverlegen? Nun, wenn wir uns von der Weihe des heutigen Tages zu der Höhe emportragen lassen, auf welcher wir die Vorgänge am Roten Meere mit klarem Auge überschauen, so enthüllt sich uns neben dem einen Wunder, welches die *) Aus „Fest-Predigten* von Dr. Adolf Schwarz. Karlsruhe, J, Bielefelds Verlag. **) Passah. ») Ps. 114, 3. ») Ps. 114, 8.

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