Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 15 (10.4.1903)
- Article
- Passah
- Date
- 1903-04-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316036-3331214--39280-3331338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Dieses ist das Brot des Leidens, das unsere! Vorfahren im Lande Miznrjim gegessen haben . . ." Wieder half Mrs. G-othland dem Verständnisse Kingscourts nach, indem sie mit dem Finger die Stelle in der vor .ihm liegenden Hagadah wies, wo neben dem M>räischen Urtexte die deutsche LTebersetzung zu lesen war. Dann w urde der zweite Becher Weines eingeschenkt, und David, welchem es als dem jüngsten Manne in der TiscLgesellschaft zukam, erhob dch zu der überlieferten Frage: „Ma nisektaneh halajloh haseh? ..." Wodurch ist bliese Nacht ausgezeichnet vor allen übrigen Natten? denn in allen anderen Nächten können wir essen Gesäuertes und Ungesäuertes — in dieser Nacht nur Ungesiuertes. In allen anderen Nächten können wir essen allerlei Kräuter — in dieser Nacht nur bittere Kräuter . . ." Dann winden die flachen Passahbrote der Seder- ^(•liüssel aufgeckekt, und alle zusammen antworteten auf die Frage des Jüngsten: „Einst wu^n wir Knechte des Pharao ia Mizrajim, <ia zog uns der Ewige unser Gott heraus von dort, mit starker Hand und ausgestrecktem Arme . . Und so nahm die Feier, halb Gottesdienst und halb Familienschrnaiis, ihren Fortgang, ergreifend iiir jeden, dessen Herz von Ehrwürdigem gerührt weiden konnte. Denn dieses jldiseheste aller Feste reicht weiter hinauf in die VergangenLeit der Mensehen, als irgend eine lebende rebung der Kulturwelt. So wie jetzt wurde dies alles «»•(»übt vor viel&m, vielen Jahrhunderten, und dies Welt hatte sich seither verwandelt, Völker waren untergegangen, andere waren in der Geschichte erschienen, der Erdkreis hatte sich erweitert, unbekannte Kontinente tauchteü aus den Meeren,, ungeahnte Naturkräfte erleichterten, und verschönten das Leben — und nur dieses eine Volk war noch da, wie ehemaLs, hegte noch die unveränderten Gebräuche, treu sich selkt und eingedenk der Leiden seiner Altvorderen. Es betete noch immer mit tausendjährigen Wor- K'ii zum Ewigen seinem Gotte, das Volk der Knechtschaft und Freiheit — Israel! Einer war an dem Sedertische, der sprach die hebräischen Worte der Hagadah mit der Inbrunst eines Heimgekehrten. Ihnii war es ein Wiederfinden und manchmal < lmürte ihm Kührung die Kehle zu, dass er sick susammen- 'Innen musste, um nicht laut aufzuschlucken. Bald usvissig Jahre waren es her, dass er selbst als Knabe das „...Mali nisehtaiLeh" gefragt hatte. Dann war die „Aufklärung" gekommen, die Loslösung von allen* Jüdischen niid endlich logisch der Sprung ins Leere, da er gar keinen J liilt mehr im Leben besass. An diesem Seder kam er sich >'>r wie der verlorene Sohn. Als der erste Teil der Feier vorüber war und die Reisen aufgetiagen wurden, rief ihm Kingsconrt über den Tisch zu: „Fritz, ich wusste gar nicht, dass Sie ein so perfekter Hebräer sind/ „Offen gestanden, ich wusste es selbst nicht \<c war seine Antwort. „Al>er es scheint, dass man das aus der Jugend her nicht vergdsst." In den Tischgesprächen kehrte öfters der N~ame eines Herrn wieder, den Kingscourt und Friedrich noch nicht kannten: Mister Joseph Levy. Die beiden Steuieeks nannten ihn nur „Joe", in der englischen Abkürzung, Es klang in ihrem Munde wie „Tschoh". „Es ist doch ein furchtbares TJnreeht; dass Xsehoh nicht <to ist!" sagte 4er Architekt laut. „Ja," ergänzte sein Bruder; „dass Joe heute fehlt, ist nicht in der Ordnung. Die Feier ist nicht vollständig* Sie verstehen?" ,,Eee, janz und jar nicht," erklärte Kingscourt. „Es intrigiert mich schon die ganze Zeit, was Sie eigentlich von diesem unbekanntem Joe wollen." „Er kennt Joe nicht!" schrie der Architekt und hielt sich die Seiten vor Lachen. „Das ist eine Lücke in Ihrer Bildung, meine Herren I" sagte der Professor. „Joe muss man kennen. Ohne Joe sässe mancher heute nidit, wo er sitzt. Joe hat die merkwürdigsten Dinge mit den geringsten Mitteln vollbracht. Joe ist ein wunderbarer Kerl. Er besitzt nämlich eine Eigenschaft, die seltener ist als Gold, seltener als Platin, seltener als Uran, seltener als das Seltenste, was es gibt."' „Deibel, Sie spannen mich, Professor! Und diese Eigenschaft wäre?" „Einfacher, gesinuler Menschenverstand! Sie verstehen?" „Ich fange an. . , Nun möchte ich aber den wundervollen Mann auch sehen!" Der Architekt maclite ein Sprachrohr aus seinen Händen und rief lustig: „Tschoh, Tschoh!« Mrs. Gothland winkte dem Schreihals zu, er möge schweigen. Dann sagte; sie: „Lieber Freund, so la ut können nicht einmal -Sie sprechen, dass er Sie hört. Es wäre denn, dass Sie sich an das Telephon bemühen. Dann ist es freilich, leicht. Sie brauchen nur den x\nschluss an Marseille zu verlangen. Unser guter Joe ist heute Nachmittag in Marseille angekommen. Er lässt alle grüssen. Ich habe vorhin mit ihm telephoniert." „Wa—as?" schrie der Architekt. „So plötzlich? Ohne ein Wort zu sagen?" „Ja, er hat sich vor einigen Tagen plötzlich entschlossen," berichtete Mrs. Gothland weiter. „Sie kennen ja unseren Joe. Es wurde ihm gemeldet, dass ein Fabrikant in Lyon eine neuartige Maschine hergestellt habe. „Das muss man sich ansehen^ sagte Joe und fuhr noch am selben Tage nach Europa hinüber. Da die Blätter dort von seiner bevorstehenden AnkunB telegraphisch verständigt wurden, so hat er zur Stunde wahrscheinlich eine Belagerung von Fabrikanten, Maschino.agenten und Ingenieuren auszuhärten. So ist es immeff? wenn Joe nach Europa geht."' Beschid Bey bemerkte: „Es erwarten ihn gewöhnlich schon die Vertreter aller möglichen Industrien. Er arbeitet mit England, Deutschland, Frankreich und ksonders mit Amerika. Morgen wird er vielleicht auf dem "Wege nach Amerika sein, wenn er nicht nach London gellt oder hierher zurückreist. Man weiss bei Joseph Levy nie vorher, was er tun. wird. Nur das eine weiss man: es ist das Eichtige. Er schliesst schneller einen Handel über füif Millionen Dollars ab, als. ein anderer sich einen Rock kauft. Die Amerikaner sind von ihm entzückt. Er bestellt rasch, zahlt gut und irrt sich nie." „Donnerwetter, der Mann jefällt mir!" brummte Kingscourt. „Was ist er denn hier?" „Generaldirektor des Industrieamtes," sagte David. „Es gibt freilich kein Amt, das Joseph Levy nicht bekleide» könnte. Das ist einmal ein Mensch, der alles versteht, was sich einem gesunden E-lick und einem eisernen Willen erschliesst. Er hat eine blitzartige Intelligenz und klärt Ihnen im Nu die verworrenst« Situation auf. Und wenn Joe Levy, sich etwas vornimmt, dann können Sie gleich einen Eid ablegen, dass er es auch durchsetzt. Ich dachte mir, dass dieser \ ollmensch Sie interessieren würde, meine Herren.