Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · p. 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-03-27
Page
17 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316034-3330750--39060-3330847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 jDle Welt- Seite 17 „Beim Himmel, nein!" schrie das törichte Volk., dem das einleuchtete. „Die Juden gehen nde betteln/* Und das war wahr. Es war kein jüdischer Bettler in Maritz zu sehen.. Wenn die Armen am. Ende ihrer Mittel waren, so war der Sammel-ArmenfoncU da, welchen Heb Noach, Frau Malke und andere während der schweren Zeit sehr vergrössert hatten, von dem ihnen Seid gewährt wurde. Keiner sank so tief, um einen Goj anzubetteln, und wenn er es getan hätte, wäre es vergebens gewesen, denn die Religion verbot ihm, das Brot vom christlichen Tische zu essen. Eines Tages in der Weihnachtswoche erschien ein Jesuit in Maritz, der in der Kirche beredt von den Leiden und dem Tode Christi predigte. Am folgenden Samstage, als die: Sabbat-Goje1) mit ihrem Sohne wie gewöhnlich in Mirjams Hause erschien, gab Schimmele dem Bomul, den er zu seinen Freunden zählte, ein Stück von seinem Barchcsr wie es immer seine Gewohnheit, war. Bomul nahm es, kehrte aber Schimmele schroff den Rücken und wollte mit ihm nicht sprechen. „Was hast du, Bomul?" rief ScMmunele. „Geh, du hast unseren Gott gekreuzigt!" Schimmele sah den älteren Knaben ernst an. „Man hat dich zum Narren gehabt/' sagte er. „Es gibt nur einen Gott. Er war immer mncl wird immer sein, frag nur meine Babe, niemand kann ilm töten." „0 du Lügner. Der Geistliche hat es in der Kirche gesagt. Ich glaube, der muss es wissend (Fortsetzung folgt.) Dreyfus in Kassrieliwke. A u s cl e m Z y k 1 u s „K leine Menschlei n". Von Scholem Aleiclimn. Ich weiss nicht-, ob die „Aifäre" irgendwo eine solche Bewegung hervorgerufen hat, wie in unserem Kassrieliwke. In Paris, erzählt man, hat es zu jener Zeit gekocht, wie in einem Kessel. Die Zeitungen schrieben und schrieben, Generale griffen zum Eevolver, Gassenjungen johlten wie Besessene in den Strassen bald: „Yhyo Dreyfus!", bald: „Vive Esterhazy!" rufend, und Juden wurden, wie es bei solcher Gelegenheit schon zu sein pflegt, beschimpft und besudelt . . . Allein so viel Kummei und Aergernis und Schmach wie die „Affäre" in Kassrieliwke erweckte, wird Paris nicht erleben bis ans Ende der Tage. Wieso man in Kassrieliwke von der Dreyfus-Affäre erfuhr — das ist kedne ernste Frage, Wieso wusste man denn dort von dem Kriege Englands mit den Buren? Und von den Vorgängen in China? In -welchen Beziehungen steht Kassrieliwke zu China? Etwa durch den grossen Weltverkehr? Ihren Tee beziehen die Kassrieliwker aus Moskau und den gelben Sommerstoff,. den man Tse-sehuntschan nennt, braucht man in Kassrie-liwke nicht. Erstens ist er für die Kassrieliwker zu fein, zweitens ist er zu kostspielig und man kann sich im Sommer mit viel billigerem Zeug begnügen, wenn man schon nicht &uf jedes Obergewand verzichten will; man leidet ja. ohnehin genug durch die Hitze. Wie erfuhr man also doch von Dreyfus? Durch Seidel. Seidel Beb Schajes ist der einzige Abonnent der „H a z e f i r a h" in Kassrieliwke und alle Neuigkeiten, die sich irgendwo in der Welt zutragen, erfährt man von ihm. Eigentlich nicht von ihm, sondern durch ihn. E r liest vor und sie kommentieren; er erzählt und sie er- *) Die christliche Frau, die am Samstag Feuer und Licht macht, da es den Juden nicht erlaubt ist, dieses am Samstag zu berühren. klären das Gehörte. Er sagt ihnen, was in der „Hazefirali" steht und sie bekommen oft das Gegenteil heraus, denn s i e verstehen es besser. Bines Tages kam Seidel in den. Bethamidrasch und erzählte eine Geschichte: In Paris wurde ein jüdischer Kapitän namens Dreyfus wegen Hochverrates verurteilt. Die Geschichte interessierte sie gar wenig. Höchstens nieinte einer im Torbeigehen: — Was tut nicht ein Jude ailes dem Brot zuliebe? Wahrscheinlich wurde ihm ein guier Verdienst in Aussicht gestellt. Ein anderer meinte sogar, nicht ohne Gefühl von Radio und Befriedigung: — Recht ist ihm geschehen! Ein Jude darf nicht oben hinauf kriechen, sich nicht in Angelegenheiten von Königen mischen! Als aber, nach einiger Zeit, Seidel wiederkam und die Neuigkeit brachte, dass die ganz& Geschichte nicht wahr sei, dass der jüdische Kapitän, der deportierte Dreyfus, unschuldig und das Opfer einer Intrige war, da erst erwachte das Interesse, und Dreyfus ward mit einenimale ein Kassnicliwker; wo zwei beisanmieji waren, dort fehlte auch Drejins nicht. — Gehört? — Gehört. — Verschickt für immer. — „Lebenslänglich deportiert/' — Für nichts und wieder nickits! — Ein wahres Scheker-bilbul! Und als Seidel wieder einmal kam und die Mitteilung machte, dass es verlaute, der Piozess würde wieder aufgenommen und revidiert werden, iass sich ehrliche Männer zusammengefunden hätten, die beweisen wollten, dass ein Justizirrtum vorliege, da schlug in Kassrieliwke die Stimmung' plötzlich um. Erstens ist doch Dreyfus „unser"; zweitens, wie kommt es, dass in Paris ein solcher Irrtum geschehe, eine so hässliche Geschichte? Pfui, sehr nicht schein für die Franzosen! ... Es begann ein heftiges Streiten und Disputieren. Der eine meinte, es werde eine Kevision stattfinden, der andere widersprach: „Abgeurteilt und verfallen!" . . . Allmählich hörte man auf zu warten, bis Seidel in den BetLunidrasch kommen und vom Kapitän Dreyfus erzählen würde; man begann ihn aufzusuchen. Später verlor man auci die Geduld, Seidel zu Hause aufzusuchen; man begleitete ihn zum Postamt und er musste ihnen dort „das Jilatt" vorlesen. An Ort und Stelle wurde jeder Bericht erwogen, erklärt und erläutert und es. schrien und lärmten und stritten alle zusammen, wie es schon so zu sein pflegt. Oft musste sie der Herr Postmeister liäiliek ermalmen, dass ein Postiunt keine „Schul" sei, wie etwa: — Hier ist keine Judensehul,, schäbige J uden, liier ist kein .Kanal, Schacherniacher! .... Seine Ermahnungen hatten nur ganz geringen Erfolg. Er mochte schimpfen so viel er Tollte, sie lasen unbekümmert die ,Hazefirah" und sprachen so laut sie konnten von Dreyfus. J . Und nicht allein von Dreyfus. Jedesmal tauchte eine neue Persönlichkeit auf. Esterliazy, dann Piquart, dann General Merci, Peli, Üonzi (ek französischer Generalsnani-en musste doch auf „iu endigern!). Hatte aber jemand den Einwand: — Nun, und was ist's mit BoLsdeffre? Da gab es nur eine Antwoit: — Ja, deshalb nahm der auch ein so klägliches Ende! Zwei rTamen waren es hauptsächlich, denen in Kassrieliwfee grosses Interesse und grosse Liebe entgegengebracht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.