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Die Welt · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-03-27
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die x£ Welt" Nr. 13 Eeb Sehlonue blickte abwesend auf Schimmele, stiess einen tiefen Schrei aus und sagte: „Warum sollte ich nicht weinen?" Schimmele stand vor einem neuen Geheimnis still. Es war die glückliche Zeit der grossen Feiertage. Beb Schlome war gekommen, einige Wochen im Städtchen zu verbringen, um den grossen Vorzug eines öffentlichen Gottesdienstes während der heiligen Tage zu gemessen. Es gab fast in jedem Hause gute Dinge zum essen. Die ganze Stadt war voll knarrender neuer Stiefel und steifer Frauenröcke. Alles war schön und festlich, und doch weinte Schlome. Schimmele fragte vergebens seine Grossmutter. „DeinVater hat ein weiches Herz/C war alles, was sie antwortete, aber das sagte nichts, und Schimmele wollte gerne wissen und sann nach und begann seinen Vater zu beobachten, als ob er eine neue Entdeckung wäre. Doch grösseres Wissen und grössere Macht als Schimmele besass, hätten versagt, um diese sonderbare Traurigkeit zu ergründen, lieb Schlome setzte sich nie zum Essen ohne vorher jenen düsteren Psalm zu sprechen, welcher mit den Worten beginnt: „An den Flüssen Babels sassen wir und weinten!" Und Schimmele wurde als Grund dieser Sonderbarkeit angegeben, „dass wir nicht vergessen mögen, dass wir in der Verbannung sind"! Die Kenntnis eines tiefen Kummers liess Eeb Schlome stumm und seine Augen trocken, aber der Anblick einer hungrigen Schwalbe, die ihre Jungen fütterte, füllte seine Augen schnell mit Tränen. Wenn er in den Zeiten nach den häufigen Ueberschwemmungen für die Betroffenen sammeln ging, so zuckte er bei der Abweisung eines reichen Mannes nur nachsichtig die Schultern, aber wenn ihm eine arme Witwe eine Handvoll Mehl gab, so flössen seine Tränen ganz offen. Eeb Schlomes Leben war ein immerwährender Kampf. Von einem Ende des Jahres bis zum anderen kämpfte er, seinem bisschen Acker, dass er nach dem Gesetze als Jude nicht besitzen durfte, den schweren Pachtzins abzuringen. AVenn der Samen in der Erde lag, sagte er: „Aber wird es genug Kegen geben, damit die Halme zu spriessen beginnen?u AVenn die Halme sprossen, frisch und grün, rief er: „ach, wir werden nicht genug Sonne für das Getreide haben AVenn das Getreide in Fülle nickte, liiess es: „Gott verhüte, dass kein Hagel kommt/' und weini endlich die Ernte sicher in der Scheune lag, konnte er aus Furcht vor Feuer nicht schlafen. „Soll ich leben/* sprach die leichtherzige Frau Ferl, „wenn er keine Sorgen iiat, macht er sieh welche." Diese sonderbare Natur hielt jetzt Schinmueles Aufmerksamkeit gefangen und, indem er sie beobachtete, machte er viele neue Entdeckungen; denn Eeb Schlome weinte nicht immer, nein, oft lachte er auch; in der Tat, er liebte einen guten Scherz, aber merkwürdig, so dicht lagen bei Eeb Schlome die (Quellen des Kummers und der Heiterkeit beieinander, dass, wenn er lachte, er Tränen lachte. Schimmele macht bald die Beobachtung, dass, obgleich man in der Gass" auch viel lachte, man auch viel weinte, und „bei Begräbnissen und Fasttagen weint man viel44, entschied er eines Tages, aber den nächsten Tag: „man weint auch über neugeborene Kinder und bei Hochzeiten." 0 wie merkwürdig, angesichts eines kleinen, schreienden Kindes zu weinen! Aber die einzige Erklärung, die sein Vater dafür bot, war: „Es ist wahr, was geschrieben steht, dass der Tag des Todes besser ist, als der Tag der Geburt." Schimmele fragte jeden, unter anderen Muhnie Sehmune, welche eigentlich eine vorzügliche Autorität für die Ursache der Tränen sein sollte, denn sie weinte beständig, und suchte mit melancholischem Vergnügen alle Orte und Gelegenheiten auf, die Tränen versprachen. „AVarum ich weine?" erwiderte sie Schimmele, indem sie ihre roten, geschwollenen Augen erhob. „Mögest du sie nie kennen, Jüngel — ich weine über meine Sorgen." Am Tage des Versöhnungsfestes dachte Schimmele für einen Augenblick, dass das grosse Eätsel sich enthüllen werde. In der Synagoge stand er zufällig in der Nähe von Simche Silberschmiedt, einem bekannt geizigen Menschen, der in einer Ecke sass und bitterlich weinte. Zu ihm kam Nossen, der AVeinhändler, ein böser Spassvogel und sagte: „AVas gibt's, Simche, warum weinst du so schrecklieh?" Schimmele spitzte die Ohren und -hielt den Atem an. „Siehst du nicht," lautete Simches weinende Antwort, „was hier geschrieben steht: „Staub bist du, zu Staub sollst du wieder werden?" „Nu," sagte Nossen, ist das ein Grund zu weinen? AVas verlierst du dabei? AVenn es heissen würde: Gold bist du, zu Staub wirst du werden, würdest du hundert Perzent verlieren. Aber so —" Nossen grinste, und Schimmele dachte: „Der Mann hat recht, das ist kein Grund zu weinen." Nein, er konnte es nicht ergründen. Der arme Schimmele! Es war nicht lange darnach, dass ihm das Leben sehr ernst antwortete und er nicht länger fragte: „Warum weinen die Leute?" Das Jahr war ein schlechtes; Erühlingsüberschwemmungen hatten die Herbstaussaat fortgeschwemmt, der Sommer war kalt und nass, und elende Hungersnot schien dem Lande beschieden. Was AVind und Wetter übrig gelassen hatten, das entriss mitleidlos böser Unfug. Wenn der Landmann kein G eld hat, kann der Jude kein Geschäft machen, und die armen Hausierer und kleinen Händler kehrten abgehärmt und ermüdet von ihren nutzlosen Kelsen zurück. Aber die Leute in der Gass' sind haushälterisch; da gibt es die Mitgift und das Jiegräbnisgeld, die man aufzehrt, und jene, die etwas besitzen, teilen mit den ärmeren Brüdern. .j Nicht so die andersgläubigen Bauern und Arbeiter in der Provinz. Sie sitzen m den Wirtshäusern und erörtern die Natur der schweren Zeiten und spülen ihre Sorgen mit einer Menge schlechten Brantwems herunter. Erst war es das schlechte Wetter, dann der Zorn Gottes, dann die Kegierung; aber schnell, geheimnisvoll, wie durch Zauber erschienen. Agitatoren im Lande, die öffentliche Ansprachen an die Jienge hielten. Sie waren es, die dem Volke erzählten, was die eigentliche Ursache des Uebeis war; sie hatten den Sündenoock für Mahtz gefunden, den nämlichen, der zu jeder Zeit und an jedem Orte, in jedem Jahrhundert gefunden war, und wie ehedem, so war auch jetzt sein Name — der Jude. „Wo ist das Geld?" schrien sie, „ist es wie Schnee zerschmolzen oder wie AVasser verlaufen? Nein, es ist noch in der Welt; und zu wem ist es gekommen? Zu den Juden! AVarum hungern die Bauern? Warum beklagen sich die Kaufleute? Weil die Juden alles Geld haben. Sie bringen euch schlechte W^aren ins Haus und nehmen euch euer gutes Geld dafür ab, und jetzt könnte ihr vor Hunger dafür zugrunde gehen, und sie sitzen warm auf ihren vollen Geldsäcken. Hat einer von euch je schon einen jüdischen Bettler an seiner Türe klopfen gesehen?"

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