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Die Welt · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Article
Die Wiener Rabbinerwahl
Date
1903-03-27
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „DI* a£ WeMf Nr. 13 Wir fordern die Anstellung von Rabbinern, die nach altjüdischer Art Leid und Freud ihrer Brüder mitleben und mitfühlen, die Stube der Armen und Kranken nicht scheu fliehen, der nationalen Bewegung verständnisvolles und wohlwollendes Interesse entgegenbringen und, schöpfend aus dem tiefen Borne unserer Literatur und ausgerüstet mit der vollen Kenntnis unserer Sprache, die ihnen anvertraute Gemeinde zurückführen zu nationalem Selbstbewusstsein, sozial3m Empfinden und engen Zusammenschluss, auf dass wir werden ein einig Volk von Brüdern. Dr. Bernhardt beantragte die Annahme der Resolution und die Wahl einer Deputation, die die Aufgabe hätte, die Resolution am folgenden Tage dem Kultusvorstande zu überreichen. Beide Anträge wurden mit zirka 500 gegen 3 Stimmen angenommen. —n. Am nächstfolgendend Tage fand die vom Kultusvorstande ein berufene Vertrauensmänner-Versammlung statt. Sie gestaltete sich sehr stürmisch. Nicht am wenigsten Schuld daran trugen die Provokationen des Dr. Marcell Hofmann, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, die Vertreter der nationaten Parteien anzurempeln. Die Zionisten und Jüdisch-Nationalen, die für keinen bestimmten Kandidaten eintraten, verlangten gemäss den Beschlüssen der am Vorabend abgehaltenen Versammlung, dass, wer immer als Kandidat aufgestellt werde, die Gewähr bieten müsse, dass er in keiner Weise die Gefühle der national-zionistischen Gruppe verletze. Würde der Kultusvorstand, was übrigens hoffentlich nicht eintreten werde, diesem Wunsche nicht entsprechen, so lehnen diese Gruppen jede Verantwortung für die daraus erwachsenden Folgen ab. Arch. Oskar Marmorek brachte in seiner bekannten temperamentvollen und eindringlichen Weise die Forderungen der Zionisten vor und fand bis auf wenige verbohrte Gegner bei den Vertrauensmännern lebhaften Beifall. Die Sensation der Vertrauensmänner-Versammlung aber war die Erklärung des Experten Herrn Rektors Dr. Schwarz. Dr. Schwarz gab folgende Erklärung ab: „Ich habe den Mut, es hier rückhaltslos auszusprechen, dass es ein Unglück für die Wiener Gemeinde wäre, wenn, wie es hier propagiert werden soll, Herr Dr. Grunwald, der Schwiegersohn des Dr. Bloch, zum Rabbiner gewählt würde* Das erkläre ich nicht als Rektor Schwarz, sondern als Mitglied der Wiener Gemeinde. Diese Erklärung erachte ich als Notwendigkeit, um die Ehre der Wiener Gemeinde zu wahren." Nach Rektor Schwarz wendete sich auch noch Prof. A. B ü c h 1 e r gegen die Kandidatur des Dr. Grunwald, dessen wissenschaftliche Qualifikation er einer Kritik unterzog. Natürlich nahmen die Anhänger des Dr. Bloch alle gegen dessen Schwiegersohn gerichteten Erklärungen mit stürmischem Widerspruch auf. Trotzdem war es ersichtlich, dass die Mehrzahl der Vertrauensmänner diese Ausführungen freudig begrüsste* Unsere Delegierten verliessen bald darauf die Sitzung, weil sie den Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn kais. Rat Kling er von der Resolution und dem Standpunkte der zionistisch * nationalen Gruppen unterrichten wollten. Herr kais. Rat Kinger empfing die Deputation, bestehend aus Dn Leop. Kahn, Dr. L i f c z i s und Arch. Marmorek, auf das liebenswürdigste und erklärte, dass er es äls selbstverständlich erachte, dass kein Rabbiner gegen den Zionismus sprechen, agitieren und handeln dürfe. Er. berief den kais; Rat, Sekretär Dr. Lieben zu sich und erteilte ihm;den Auftrag, diesen Standpunkt den aufzustellenden Rabbinern als „Conditö sine qua nontf zur Kenntnis zu bringen. Kais; Rat Kling er fügte hinzu* er wünsche, dass das Verhältnis zwischen der Gemeinde und den Zionisten sich friedlich und freundlich gestalte und dass nichts geschehen möge, um den Frieden zu stören. fäovlz Räppeles b"i Am 20. März wurde in Wien ein Mann zu Grabe getragen, dessen Ansehen in der jüdischen Bevölkerung durch die grosse Teilnahme derselben an seinem Leichenbegängnisse zu imposantem Ausdrucke kam. Moriz Karpeles war in Tab (Ungarn) geboren. Er war der Enkel des hochgeachteten R.Mose Minz. In Wien hatte Karpeles anfangs schwer zu kämpfen. Seinem Fleiss, seiner Ausdauer und seinen besonderen Fähigkeiten verdankte er die hervorragende soziale Stellung, die er sich im Laufe der Zeit errang. Er war bekanntlich Gründer und Mitchef des Welthauses Schenkerfc Co. Was ihn aber der jüdischen Gemeinde wert machte, das war seine Bescheidenheit, die nie nach äusseren Ehren strebte. Dieser grosse Kaufmann hat sich nie nach einem Orden oder Titel gesehnt. Nur eines lag ihm sehr am Herzen : sich in der jüdischen Gemeinde, in jüdischen Institutionen zu betätigen. Es war sein Stolz und seine Ehre, das Präsidium der Chewra Kadischa und des Kuratoriums der israelitischtheologischen Lehranstalt zu bekleiden. Wir reproduzieren deshalb die Rede des Rektors dieser Anstalt, die Karpeles' Verdienste würdigt. Karpeles hat, trotzdem er kein Zionisfc war, es niemals versucht, in der bekannten Weise anderer Wiener Grossjuden und ihrer geistlichen Berater gegen den Zionismus aufzutreten. Im Gegenteil. Unter ihm alsPräsidenten des Kuratoriums der israelitischtheologischen Lehranstalt durfte sich die nationale Gesinnung der Hörer frei betätigen, ohne dass er die jungen Leute deswegen irgendwie hinderte. Leider hat Karpeles kein hohes Alter erreicht. Er starb im 67, Lebensjahre. Das Andenken an seine ehrenhafte, aufrechte, friedliebende Persönlichkeit wird lange in der Wiener Gemeinde fortleben, wie es die Trauerredner, Oberrabbiner Dr< Sc h m i edl, Dr. Güdemann und Dr, M. S p i t z e r mit Recht hervorhoben. * Rede an der Bahre des verewigten Herrn Moriz Karpeles am 20. März 1903, gehalten von Rektor Dr. A. Schwarz. nwi maß wrca pm wö.i ispö rms nbrn nn rom1) Und plötzlich kam ein gewaltiger Sturmwind von jenseits der Wüste herüber und erfasste das Haus in seinen vier Ecken. Das, du teurer Verklärter, war die Wirkung, welche die Hiobskunde von deinem Hintritt gestern morgens auf unser Haus, auf unser Lehrhaus, auf die israelitischtheologische Lehranstalt hervorgebracht hat. Der Schmerz, der unser Herz durchwühlte, der Sturm, der unsere Seele durchtobte, sie Hessen die Erde unter uns erzittern und erbeben, und es bedünkte uns, als hätten die Lehrkanzeln ihren Stützpunkt eingebüsst, als wären die Lehrräume ins Schwanken geraten, als hätte das ganze Haus, an all seinen Ecken vom Orkan erfasst, sein Gleichgewicht verloren. Und wie hätte es denn auch anders sein können in dem Augenblicke, da wir es uns zum klaren ßewusstsein brachten, dass mit dem hochverdienten Präsidenten unseres Kuratoriums eine starke Säule* ein mächtiger Stützpfeiler unserer Anstalt zusammengebrochen ist? Doch mächtiger als der Orkan ist das Gotteswort, und als die Vorlesungen mit einem deine Verdienste würdigenden Nachruf auf dich ') Hiob 1, 19.

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