Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Article
- Die Wiener Rabbinerwahl
- Date
- 1903-03-27
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 weit** Seite 5 Herr Marcus begrüsste die Versammlung und setzte den Zweck derselben auseinander, worauf Herr Direktor Weber das Referat erstattete. Von einem Ausspruche des Dr. Joel, Rabbiners in Breslau : „Der alte Rabbiner ist untergegangen" ausgehend, zog er eine Parallele zwischen dem alkn und modernen Rabbinertum, die keineswegs zugunsten des letzteren ausfiel. Der alte Rabbiner war der wahrhafte Vater seiner Gemeinde. Ein Muster von Frömmigkeit und Herzensgüte. Er war der Richter in der Gemeinde- Er tröstete die Leidenden,, richtete die Gebeugten auf, flösste den Kranken Mut ein und erwarb durch seine so-ziale Betätigung das Vertrauen aller. Die modernen Rabbiner hingegen tun von all dem nichts; dafür entlehnten sie anderen Konfessionen den Talar und sonstige Aeusserlichkeiten. Redner wendet sich hierauf gegen den Abusus bezüglich der Einteilung der Gemeindemitglieder in KUssen sowohl bei feierlichen als auch bei traurigen Anlässen und macht den Rabbinern speziell den Vorwurf, dass sie die Jugenderziehung vernachlässigen. Schuld an diessen Missständen trage die Form der Besetzung der Rabbiner posten, wobei nicht die Tüchtigkeit und Befähigung, sondern einzig und allein die Protektion das Ausschlaggebende sei. Aber auch sonst sei das System der Probepredigt nicht das Richtige. An Ort und Stelle müsse man das Wirken «Les Rabbiners beobachten und unter den Tüchtigen den bewährtesten anstellen. (Bravorufe und Händeklatschen. Re iner wird beglückwünscht.) Hierauf ergriff Herr RedakUur Krausz das Wort. Kaum halte er jedoch die Berechtigung der nationalen Parteien, die Versammlung einzuberu.fei), zu begründen versucht, als der längst vorbereitete Skandal seitens der Offiziellen losbrach, die im Worte „Natio-nal" eine Herausforderung und eine Verletzung sahen, da der Vorsitzende erklärt hatte, man werde die Rabbi neriiage nur vom rein jüdischen Standpunkte beleuchten. Minutenlang hielt der Lärm an, der von einigen Krakehlern inszeniert wurde, und fast wollte es scheinen, als ob die Opposition die Versammlung sprengen werde. Nur mit Mühe gelang es, die Herren zur Ruhe zu bringen. Hm* Krausz führte nun aus: „Nach dem Statute der israelitischen Kultusgemeinde hätten wir eigentlich kein Recht zur A bhaltung der heutigen Versammlung, da wir weder Experten noch Vertrauensmänner sind. Aber Experten und Vertrauensmänner werden vom Kultusvorstande ernannt und rekrutieren sich demzufolge zu allerletzt aus denjenigen, die ein Interesse an der Besetzung der RabbinerposHen haben. Wrären wirklich Interessenten dazu berufen worden, warum denn nicht die Zionisten und die sonstigen nationalen Gruppen, die doch ein lebhaftes Interesse an der Besetzung haben? Die Rabbinerfrage sei schon ror zwei Jahren akut gewesen. Da damals aber nur ein Posten zu besetzen war und sowohl Dr. Güdemann als Dr, Bloch ihre Proteges unterbringen wollten, kam es zu keiner Einigung. Jetzt sei ein Kompromiss geschlossen umd es werde kein Protest mehr helfen. Aber dieses Vorgeh«2i müsse bekannt werden. Und doch besitze dasVViener Rabbiner-Seminar Zöglinge, die jeder Gemeinde zur Zierde gereictoen könnten. Wozu also in die Ferne schweifen? Wozu sich mit einer so kompakten Masse, wie es die nationalen Gruppen sind, in Gegensatz setzen?u Der nächste Redner Herr F1 e i s c h m a n n ist ein Vertreter der Wiener Orthodoxie. Er nimmt Dr. Güdemann in Schutz, erklärt, man könne ein guter Jude und dabei nicht national sein, und beantragt eine Resolution, es werde dem Kultusvorstanie nahegelegt, bei der Entscheidung der Rabbinerfraga das Jüdische im Auge zu behalten. Professor Ehrm ann ergreift das Wort und erklärt, man möge wohl Kritik üben, aber nicht die bona fides des Kultusvorstantäes in Zweifel ziehen. Jeder .der Bewerber setze alle HebeL in Bewegung, um durchzukommen; aber niemand könne behaupten, dass Protektionswirtschaft und Voreingenommenheit herrsche. Der Rabbiner sei ein Funktionär der Religion. Nationale Gesinnung werde nicht gefordert, bilde aber auch keinen Ausschliessungsgrund. Hierauf fcielt Dr. L. Kahn eine seiner gelungensten und glänzendst e-n Agitationsreden, der nicht zum geringsten Teile der ErfoLg der Versammlung zuzuschreiben ist. Er wendet sich sg-eziell gegen die Orthodoxen und führt aus, dass beim Judentum nie ein Unterschied zwischen Religion und Nationalgefzühl geherrscht habe. Hatte heute die Religion die Nation vom Untergange gerettet (Jochanan ben Sakkai), so leustete das Nationalgefühl ein anderesmal der Religion denselben Dienst (Makkabäer). Was niemand gelang, vollbracbrte der Zionismus. Er gab der jüdischen Jugend ein Ideal und führte sie zum Judentum zurück. Aus diesem Grunde müssen aber auch die Erzieher der Jugend fromm, religiös, national sein, sie müssen Zionislen sein, Nach einer Berichtigung des Direktors Heller, der die Zionisten seiner Sympathien versicherte und durch eine Erzählung aus der Düsseldorfer Amtstätigkeit die Entschuldigung des Dr. David versuchte, begründete Dr. Bernhar it mit kurzen Worten die folgende Resolution : In Erwägung der Tatsache, dass seit Jahrzehnten in immer steigendem Masse sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung Wi«e:ns und vor allem in den Kreisen der akademischen Intelligenz und des begüterten Bürgertums der Prozess des religiösen Abfalles und Volksverrates vollzieht, in Erwägmag der Tatsache, dass die Kenntnis unserer herrlichen Kulturgeschichte und unserer religiösen und nationalen Tradition immer mehr abnimmt, in Erwägung der Tatsache, dass wir fast überall starrer und unbezwingbarer Indolenz gegenüber öffentlichen jüdischen Angelegenheiten begegnen, in Erwägung der Tatsache, dass die Verelendung der breiten jüdischen Massen, insbesondere des Gewerbestandes* einen erschreckenden Umfang annimmt, in Erwägumg der Tatsache, dass all diese beklagenswerten Erscheinungen nicht hätten zutage treten können} wenn die Rabbber durch den ihnen gebührenden Einfluss es verhindert li.iltten, dass man der Geldaristokratie servil schmeichelt, dagegen die minder bemittelten Volksschichten hintansetzt und aniss achtet, dass man die jüdische Erziehung der Jugend in unverzeihlicher Weise vernachlässigt oder gar auf germanisierende Entjudung systematisch hinarbeitet, in Erwägung der Tatsache, dass die gewaltige, in jüngster Zeit inunier mächtiger einsetzende und den ganzen Erdball umfassende nationale Bewegung, die für Millionen unserer Brüder die lang ersehnte Heimstätte und für das westeuropäisch« Judentum die Rückkehr zum fremd gewordenen jüdischen Volkstum anstrebt, von keinem ehrlichen Juden feindliche Bekämpfung erfahren darf, protestiert die heutige Versammlung gegen die unwürdige Form der Besetzung des Wiener Rabbineramtes und gegen die bei dieser Gelegenheit sich geltend machende Hintertreppenpollitik und Protektionswirtschaft un# erhebt in letzter Stunde ihre Stimme, um alle kompetenten Faktoren dafür verantwortlich zu machen, wenn das Amt eines Rabbiners Personen anvertraut würde, die, im Gegensatze zu den Worschriften der jüdischen Religion, den Zionismus in zelotischer Weise bekämpfen, die Kanzel zu unjüdischer Propaganda, sogar angesichts kindlicher Zuhörer, missbrauchen und den mühsam bewahrten Frieden in unserer Gemeinde stören,