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Die Welt · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Article
Berliner Judentum
Date
1903-03-20
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr, \% & Welt* Seite 5 ziehtet hätte. Diese Selbstüberwindung brachte er jedoch nicht über sich, und wie seiner Politik stets die grossen Züge gefehlt hatten, so klammert* sich der alte Mann mit greisenhaftem Starrsinn an sein Amt und setzte allen Neuerlingsversuchen eine systematischen Zauder- und Verschleppungspolitik als Damm entgeger Ich habe in den letzten Jahren — und viele dürften das gleiche empfunden haben — beim Anblick des um einen völlig verlorenen Posten kämpfenden Greises, der die neue Zeit nicht mehr verstand und nach dem Willen seiner Gegner am sein ureigenes Lebenswerk Hand anlegen sollte, häufig tiefes Mitleid mit dem alten Manne empfunden. Als er 70 Jahre alt wurde und bald darauf seinen Abschied nahm, hatte wohl jeder Teilnehmer das Gefühl, dass man einen*, längst Gestorbenen Lorbeerkränze darb; in ge. Nun haben sie ihn wirklich begraben. Ob auch sein System und seine Lebensarbeit, das wage ich nicht zu behaupten. Was viele Jahrzehnte mit feiner Berechnung und gewaltigen MacLtmitteln geschaffen, das dauert in seinen Wirkungen noch lange an, auch dann noch, wenn man seine Schädlichkeit und Verderblichkeit längst klar durchschaut und bekämpft Jiat. Es wird harter Arbeit bedürfen und d*r Zionismus ist auf dem besten Wege dazu, dem System Meyer das Grab zu schaufeln, in Berlin und noch an vielen anderen Orten. Berlin. Dr. R. W. Dimitre A. Stourdza. (Zu seinem'iJO Geburtstage.) Am 10. d. M. hat Herr Stourdza seinen 70. Geburtstag gefeiert. Herr Stourdza ist jetzt Ministerpräsident und so wurde dieser Tag überaus imposant gefeiert. Die regierende Partei, die National-Liberalen, veranstalteten zu Ehren ihrers Führers ein Monstre-Bankett, zu weichem Delegierte aus allen Landesteilen erschienen. Von Seite des Königs kam ein die Verdienste Stourdza's im höchsten Masse anerkennendes Schreiben an. Der deutsche Reichskanzler und Graf Goluchowski sandten ihre Glückwünsche, worin seine Verdienste mit den schmeichelhaftesten Worten anerkannt sind. Die rumänische Akademie gab zu Ehreii Stourdzas eine Festschrift, heraus und einige rumänische Schriftsteller widmeten dem Ministerpräsidenten Gelegenheitswerke. Und auch wir wollen ein Gelegenheitswö liehen sagen. Gewiss ist Herr Stourdza ein aufrichtiger rumänischer Patriot Er liebt sein Vaterland und alles, was er tut, denkt er zum Nutzen seines Vaterlandes zu tun. Seit 18952 ist Herr Stourdza der anerkannte Führer der liberalen Partei, aber schon seit 11857 nimmmt Herr Stourdza Anteil an der rumänischen Politik. Er hat wie König Carol von ihm in seinem Memoiren sagt, in Deutschland, wo er an verschiedenen Universitäten (Göttingen, Freiburg, Jena, München, Bonn un<l Berlin) seine Studien gemacht hat, deutschen Fleiss und Ausdauer bei der Arbeit sich angeeignet. Aber Herr Stourdza ist bei all seiner deutschen Bildung ein Fanatiker. M' ht in religiösen Dingen; als Christ ist er wie die meisten Rumänen in Giaubenssachen tolerant, aber er hat in p ol i t i c i s das Temperament eines Fanatikers. In seiner Liebe wie in seinem Hasse ist er fanatisch. In seinem Hassa' schon gar. Unter diesem seinem Fanatismus litt oft seinfr Partei und in der letzten Zeit auch sein Vaterland, darumter leiden die rumänischen Juden. Wie bekannt, ist Herr Stourdza ein Judenfeind. Zum Unterschiede aber von d &n meisten anderen rumänischen Antisemiten hasst er die Juden nicht aus persönlichen, geschäftlichen Gründen, eomdem weil er sie für eine Gefahr für Rumänien hält. Herr Stourdza ist privatim das, was man einen ehrlichen Menschen nennt. In seinem privaten Leben haben auch seine politischen Feinde ihm nichts Unehrenhaftes nacl weisen können und das will bei der Leidenschaft der politischen Kämpfe in Rumänien viel heissen. In seinem politischen Leben aber, ist er der Begründer der unmenschlichen rumänischen Judenpolitik. Wie es die Umstände mit sich gebracht haben, ist Herr Stourdza, der Führer dar liberalen Partei, der reaktionärste unter den rumänischen Politikern. Durch seine unermüdliche Tätigkeit, durch seinen „deutschen Fleiss*4 ist sein Einfluss in der ganzen rumänischen Gesetzgebung einsehr grosser. Man kann wohl sagen, dass Herr Stourdza am meisten zur jetzigen Lage der Juden in Rumänien beigetragen hat. Und dabei spricht Herr Stourdza immer von der Freiheit. Politiker genug, um die Macht der Worte zu kennen, vergisst Herr Stourdza nie von seinem Liberalismus zu sprechen)., und Philosoph genug, um zu wissen, wie wenig Wert 4er Name bei einer Sache eigentlich hat, lässt sich Heu S t o u r d z a bei seiner Gesetzgebung von seinen Skribenten im Auslande einen Philosemiten nennen. „Dem Staate dienen" und nur „edlen Zielen nachfolgen", so definierte Herr St o ur d z a seine Lebensprinzipien in seiner Rede beim Bankett. Ob er mit seiner Judenpolitik seinem Staate gedient hat, daran zweifelt wohl jetzt Herr Stourdza selbst, aber er hat es wahrscheinlich geglaubt. Dass aber die Vernichtung der 250.000 rumänischen Juden ein „edles Ziel" sei, hat Herr Stourdza das wirklich geglaubt? Einem theoretisderenden Fanatiker stehen aber die lebenden Menschen so unendlich fern! Herr Stourd z a ist gewiss ein aufrichtiger rumänischer Patriot. Ob spiri Können ihm eine Ehrenstelle in der Geschischte des rumänischen Volkes verschaffen wird, das wird der künftige Geschichtsschreiber zu entscheiden haben. Für die Juden aber war er ein grimmiger Feind, der vor keinem Mitt.-l zurückschreckte. In der Geschichte gebührt «lern Ministerpräsidenten von Rumänien die Seite neben jenen fanatischen Judenverfolgern <ier vergangenen, dunkelsten Zeiten. Th. P 1 e b e. Gemeindebericht aus Jassy. Die Emigration dauert fort. Hunderte belagern täglich die„Samoil-LogeB der „Bnei-Brith" in der Herr A.S. Goldenthäl als Vertrauensmann der „J. C. A." die geregelte und öffentliche Emigration leitet. Da kommen Personen, welche von ihren Verwandten nach Amerika gerufen werden, andere, die mit löOFrcs. befördert werden, Frauen, für die ihre Männer noch nicht sorgen können und die deshalb in Rabbiner Dr. Niemirower drängen, dass er für sie bei amerikanischen Rabbinern interveniere. Es erscheinen Handwerker, die infolge Arbeitslosigkeit und des sie bedrohenden Handwerkergesetzes zum Wander; tab greifen müssen, aber über gar keine Mittel verfügen. Für diese sorgt, so gut es möglich ist, ein Hilfsverein, welcher 20.000 Francs gesammelt hat, welche Summe der ehemalige kaufmännische Verein, die „Chewra Kadischa" und wohltätige Privatleute aufgebracht haben. Trotz der anhaltenden Auswanderung wurden die Bildung-Institute nicht vernachlässigt. Für die gegen 600 Schüler umfassende „Cultura-Schule" wurde eine Theater- Vorstellung veranstaltet; es wurde Viktor Hugos „Torquemada" gegeben, ins Rumänische übersetzt von unserem als Dichter gefeierten Stammesgenossen Dr. A. Steuermann. Diese Vorstellung brachte 1600 Frcs. ein. Die seit m^hr als einem Vierteljahrhundert bestehende „Juniinea-Schule* hat unter Leitung der „ Bnei-Brith Loge" einen mächtigen Aufschwung genommen. Die Armenschule in dem sehr bevölkerten Stadtteil der roten Brücke, „Junimea IL*4 genannt, hat eine grössere Spende von einem Privatmanne erhalten und daraufhin neue, hygienisch befriedigende Schulräume bekommen. Für die Mädchenschule wurde ebenfalls eine Theater- Vorstellung gegeben mit einem Reinerträgnis von Frcs. 1600. Nachdem Rabbiner Dr. Niemirower seit Jahr und Tag gegen das Uebel predigt, dass mau jüdische Töchter in die Nonnenschule schickt (!), haben sich jetzt jüdische Studentinnen gefunden, die eine höhere jüdische Töchterschule gründeten, und es wurden die dazu nötigen Mittel unter den wohlhabenden Juden gesammelt. Die von der „Bnei Brith"-Loge gegründeten, jetzt von der Kultur-Gesellschaft geleitete Handelsschule hat auch eine dritte Klasse eingerichtet. Die von Herrn A. S. Goldenthal ins Leben gerufene Ackerbauschule entwickelt sich und berechtigt zur Hoffnung, dass sie in Zukunft allen an sie gestellten Anforderungen entsprechen wird. Neben dem Kulturellen wurde auch an den Kultus gedacht. Die Jahrhunderte alte, grosse Synagoge, weiche baufällig war, wurde seitens der „Chewra Kadischau renoviert und unter grosser Feierlichkeit durch die Herren Rabbiner Dr. Niemiro wer und Taubes eingeweiht. Haben bloss gegen 300 Personen, welche in unserer unorganisierten Gemeinde, in der es keine Fleischgabella gibt und alles . (Krankenhaus, Schulen, Gotteshäuser* Kultusbeamte u. s. w.) auf dem Wege freiwilliger Beiträge erhalten werden, schon durch die genannten Veranstaltungen viel zu leisten gehabt, so hat der strenge Winter sie noch mehr belastet. Die Bekleidung der Schüler der Cultura, Junimea, der fünf Knabenschulen, einer Mädchenschule und der drei Talmud-Thora-Anstalten hat gegen 4000 Frcs. gekostet. Für Holz wurden in der Stadt durch die Herren Schnürer, Garfinkel und Salomonika mehr als F»xs. 4500 gesammelt, abgesehen davon, was duich das ..Comite d'assistance" verteiLt wurde. Für das AHenhaus) welches dweh einen Handwerker-

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