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Die Welt · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Article
Berliner Judentum
Date
1903-03-20
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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Seite 4 ,;üie # Welt64 Nr. 13 Berliner Judentum. Mit grossem Gepränge wurde dieser Tage der Mann zu Grabe getragen, den ich am besten Justizrat Mörenu- Meyer nenne, der Jahrzehnte hindurch im Rate der Berliner jüdischen Gemeinde sass als ihr Vorsteher und Lenker, den in dieser Eigenschaft jedes jüdische Kind in der Gemeinde kannte, der er den Stempel seines Geistes aufgedrückt hatte. Zur letzten Ruhe gebettet hat man ihn, wie gesagt, erst jetzt, obwohl er eigentlich schon seit Jahren gestorben war. Er hat seinen Ruhm überlebt und sein Lebenswerk schon bei seinen Lebzeiten langsam hinsinken sehen. In dar grössten und prächtigsten Synagoge Berlins war seine sterbliche Hüiie aufgebahrt, eine Ehre, die im alten Israel nur Fürsten der Thora vorbehalten blieb. Rabbiner und Laien haben den Dahingeschiedenen gepriesen mit Schwung und Begeisterung und sein Wirken im Dienste des Judentums hingestellt als einen Segen für das Judentum und als höchstes Ziel für die Berliner Gemeinde. Was offizielle Kirchenredner sprechen, ist ja leider nicht immer die volle und ganze Wahrheit. So soll denn in diesen Blättern die volle und ganze Wahrheit ausgesprochen werden, nicht um der Person des Dahingeschiedenen willen, der als Mensch .viele Hebens- und schätzenswerte Eigenschaften an sich hatte, sondern um der Sache, der Ueberzeugung willen, die er vertrat mit starkem Selbstbewusstsein und rücksichtsloser Energie. Denn Justizrat Meyer als Vertreter der grössten jüdischen Gemeinde Deutschlands war und bedeutete mehr als ein Mensch und Beamter, er repräsentierte in seiner Person und Wirksamkeit die Verkörperung des Berliner Judentums, jenes fleisch- und später steingewordene, nicht nur in der Reichshauptstadt allein zur Herrschaft gekommene System, das man mit seinem Namen zu nennen gewohnt ist, das teils unbewusste, teils bewusete Streben nach Anpassung, nach Assimilation durch öde Flachheit und Gleichmacherei, durch Aufgeben alles dem Judentum Angeborenen und ihm Eigentümlichen, der Jüdischen Konfession*, des „jüdischen Liberalismus", wie des Verstorbenen Partei die Assimilation ebenso wohlklingen t wie unpassend bezeichnet. Er hat dieses System freilich nicht ausgedacht und erfunden, wie er überhaupt kein Mann war der schöpferischen Ideen und der kräftigen Initiative, rur von seinen Vorgängern übernommen und in das Leben der Berliner Judenheit hat e es hinübei geleitet. So hat denn auch der Zionismus Grund, des Toten zu gedenken in Hinblick auf das Schaffen seines Lebens. Wenn wir dem verstorbenen Justizrat und Gemeindevorsteher das Prädikat „Morenuu zuerteilten, so liegt darin nicht etwa ein schlechter Witz. Nein, dieser'Ehrentitel, durch dessen Besitz einst in Israel d e grössten Schriftgelehrten sich hochgeehrt fühlten, kam ihm mit Recht zu. Er wurde ihm einst erteilt bei einer festlichen Gelegenheit von eben derselben religiösen Körperschaft innerhalb der jüdischen Gemeinde Berlins, vor der der Verstorbene * inmal ebenso liebenswürdig wie offenherzig ausgesprochen hatte, er kenne kein Berliner Rabbinat, sondern nur angestellte Beamte. Und die Titelverleihung, die, wie bereits erwähnt, bei ihrem Träger tiefe und allseitige Kenntnis des jüdischen Schrifttums voraussetzt, war bei diesem Vorsteher der Gemeinde ganz am richtigen Platze. „Morenu", das heisst ja unser Lehrer, unser Führer und Wegweiser! Justizrat Meyer, der, wie notorisch bekannt, von jüdischer Schriftgelehrsamkeit nicht viel mehr sein eigen nannte als die Kenntnis des hebräischen Alphabets, war in Wahrheit der geborene Lehrer, Führer und Pfad weiser der in seinen Schaffensspuren ihm nachwandelnden Gemeinde. In sein Amt brachte der nunmehr Verewigte unter anderen Eigenschaften auch die des Juristen. In mancher Beziehung mag das ein Vorzug sein, dass damit auch viele Nachteile verbunden sind, hat die jüdische Gemeinde erfahren müssen. Der bureaukratische Formalismus, der in Paragraphen und Schematen das frische Leben einschnürte, die bureaukratische Aengstlichkeit, diehint*r toten Formen sich verschanzt, die ängstliche Scheu vor jedem frischen Luftzug, vor jeder noch so unbedeutenden Aenderungr, waren hervorstechende Züge seines Wesens und Regiments. Auf der anderen Seite erfordert es freilich die Gerechtigkeit, an dem frischen Grabe des Toten auch seinen Vorzügen und seinen guten Seiten diejenige Würdigung zukommen zulassen, auf die er mit Recht Anspruch erheben darf. Unerreicht und darum von Freunden wie Feinden angestaunt und bewundert war Justizrat Meyer in seiner Pflichttreue, in seiner Arbeitskraft und Arbeitslust Was er als einzelner Mann gearbeitet und geleistet hat, schien gar oft die Kräfte eines einzelnen Mannes zu übersteigen, war aber in seinen Augen so selbstverständlich, dass man eigentlich erst jetzt zu begreifen beginnt, da«s man hinsichtlich dieser Tugenden schwerlich jemanden finden wird der es ihm darin gleichtut. Käme es nur auf diese Eigenschaften an, so hätte die Berliner jüdische Gemeinde niemals einen würdigeren Vorsteher besessen und würde sie ihn niemals besitzen. Aber Justizrat Meyer brachte noch eine Eigenschaft ins Amt mit, die verhängnisvollste, die an ihm zu finden war. Das war seine politische Weltanschauung, der politisch* Liberalismus, den er auch auf das Gemeindeleben üb^rtiug. Sein Liberalismus war freilich nicht jen*» grobschlächtige, urwüchsige Demokratie von anno 1848, sondern die spezielle Spielart des Berliner Philistertums, das die R publik mit dem König an der Spitz* wünscht, jener Liberalismus veraltetster Art, der in Sankt Manch^st-r seinen Schutzpatron verehrt. Das alte Schlagwort vom Sichgehenlassen, Sichselbstüberlassen, vom freien Spiel der Kräfte war so recht sein Geschmack. Die jüdische Gemeinde hat das in Bezug auf ihr inneres Leben überreichlich erfahren müssen. Das religiöse Leben, insbesondere die Untet Weisung der Jugend liess er gehen und treiben, wohin sie,gehen und treiben wollte. Die Gemeinde solle und dürfe hier gar nichts tun oder doch so wenig als möglich, alles müsse den Eitern überlassen bleiben, das war sein Stan dpunkt. Die Folgen blieben nicht aus. Tausende von jüdischen Kindern wuchsen ohne Religionsunterricht auf und was als solcher geboten wurde, war das unentbehrlichste Mindestmass, spottschlecht und in dem Geiste erteilt, den Justizraj; Meyer und seine Mannen liebten. Der Abfall vom Judentum wuchs ins Ungeheuerliche, die Gleichgiltigkeit, die Abneigung und der Haes gegen alles Jüdische ging: ins Ungemessene, stets aber und so oft er in den letzten Jahren über diesen heiklen Punkt interpelliert wurde, zeigte er, dass seine Auffassung sich nicht um ein Jota geändert hatte, immer klagte er andere an, niemals ist er wohl auf den Gedanken gekommen, dass er und sein System die Schuld trügen an solch unleidlichen Zuständen. Mit göttergleicher Ruhe und mit eiseskühler Unbefangenheit wehrte er in diesem Gefühle die unbequemen Dränger und Mahner von sich ab, so lange es eben gehen wollte. Aber schliesslich ging es nicht mehr und dann musste er selber gehen. Die letzten Jahre seines amtlichen Wirkens brachten ihm nur noch wenig Freuden. Die Zeiten änderten sich, man begann an dem Alten zu mäkein und es zu kritisieren und selbst ein mit dem Morenu-Tittel geschmückter Justizrat als Gemeindevorsteher imponierte den Nerglern nicht mehr. In der Gemeinde nahm die Unzufriedenheit immer grössere Dimensionen an und führte schliesslich zum Sturze der Meyer'schen Partei durch eine „konservative" Mehreit. Man hatte aber allerseits das Gefühl, dass es so nicht länger weitergehen dürfe, wenn nicht das Judentum dabei über kurz oder lang gänzlich zugrunde gehen sollte. Aus dieser allgemeinen Stimmung und Verstimmung ging die noch heute am Ruder befindliche „konservative" Partei hervor, von den .Liberalen" je nach Bedürfnis als die Orthodoxie schwärzester Observanz verschrien oder als »Schinken- Orthodoxie" mild verspottet. Es lässt sich nicht leugnen, dass in dieser Parteibildung, wi« das am Ende bei jeder Neuerscheinung der Fall ist, vieles noch ungeklärt, unfasslich verschwommen und verworren ist. Als Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem bisherigen Zustande der Dinge trägt sie aber ihre Berechtigung in sich selbst, in ihrem Kampfe mit dem Liberalismus oder richtiger der Assimilationswut berührte sie sich auf das engste mit dem Zionismus, mit dem sie sich bei der letzten Wahl freilich noch nicht verständigen konnte. Dass dies bei der nächsten Gelegenheit anders werden soll und muss, ist heute schon ziemlich allgemeine Ueberzeugung» Jedenfalls wird der Zionismus gut tun, diese Erscheinung ständig im Auge zu behalten. Doch das nur nebenher. Mit dem Einzüge der neuen Männer in die Gemeindeverwaltung wurde die Position des Justizrats Meyer täglich unbequemer und unhaltbarer. Er besass nicht — und das ehrt ihn —,die Geschmeidigkeit mancher seiner Kollegen, die dem neuen Regimente ihre Reverenz zu erweisen pflichtschuldigst nicht ermangelten, seine Anschauungsweise wurde mit den Jahren immer starrer und herber, sein Reden und Tun immer verbitterter und zu zähem, beharrlichem Widerstand hinneigend. Man besass nicht das Herz, von seiner Macht Gebrauch zu machen, indem man den im Dienste der Gemeinde zum Greise gewordenen Mann nicht wiederwählte. Aber man bekämpfte ihn und sein System mit rücksichtsloser Schärfe. Für ihn und seinen Ruhm wäre pb vielleicht besser gewessen, wenn er rechtzeitig auf sein Amt ver-

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