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Die Welt · 1903-03-13 · 11 (13.3.1903) · p. 18

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
11 (13.3.1903)
Article
Jakob Dienesohn
Date
1903-03-13
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 >fDfe Welt" $t. m stellern Terl^njgte, ehe man von ihnen in West-Europa Notiz nahm. Selbst ein Perez konnte für die westlichen Juden nicht anders entdeckt werde» als durch ein Jubiläum. Für manche kam selbst dieser Umweg über fünfundzwanzig Jahre zu spät. Den guten Brau des musste erst die Erde decken, ehe man sich seiner erinnerte. Die allerletzten Jahre haben, wie in vielem anderen im Judentum auch in der Einschätzung der jüdischen Literatur und ihrer Schriftsteller eine bedeutsame Umwälzung hervorgebracht. Wenn es auch nur wenige westeuropäische Juden sind, die sich die Erschliessung der jüdischen Literatur nach ihrer Kraft angelegen sein lassen — man weiss und spricht doch schon selbst in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen von unseren Hebräisten und Jargon-Schriftstellern, selbst von den jungen und jüngsten. Ja, das beste Symptom dafür, dass etwas in unserem heutigen armen und schwachen Judentum erkannt und bewertet wird, ist auch schon da : Wir treffen schon hie und da Ueberschätzungen und Übertreibungen an, denen die jüdische Literatur ebensowenig entgehen konnte, wie etwa die jüdische Kunst und manche andere neu erschlossene Werte des modernen Judentums. Doch wie immer— die kleine, aber hervorragende Schar jüdischer, wahrhaft jüdischer Schriftsteller beginnt sich ein grösseres Stück Judenheit und die Judenheit damit ein grosses Stück wertvollen Judentums zu erobern. So feiern wir jetzt die Jubiläen unserer Besten mit anderen Gefühlen. Waren es früher stille und fast melancholische Feste einiger Freunde, die mit dem Dichter zusammen noch einmal auf lauge Jahre hingebungsvoller Arbeit, grosser Träume und kleiner Triumphe zurückblickten, so sind es heute, wo ein lebendiger Zusammenhang zwischen Kunst, Volk und Künstler zu erblühen beginnt, Feiertage voll schöner Zukunftsfreudigkeit, der sich beide hingeben dürfen, der Gefeierte und die Feiernden. Zwei solcher Festtage wird uns dieses Jahr bringen, das Jubiläum N. Sokolows und das Dienesohns. Sokolow wird noch ein Berufener würdigen. Unser Festgruss gilt heute Jakob Dienesolin. Jakob D ie.nesohn fing als Jargon-Schriftsteiler an, wurde später Mitarbeiter des hebräischen »Haschächar', um sich dann abwechselnd in der Literatur beider Sprachen zu betätigen. Es kann hier keine umfassende Würdigung seines Schaffens gegeben werden. Dienesohn hat vieles und viel Gutes geschrieben. Wenn man sein Wirken charakterisieren soll, so werden zwei Attribute es am besten kennzeichnen: schlicht und liebenswürdig. So hat er geschrieben und so ist er auch. Er hat nicht an die tiefste Tragik und die ungeheuer komplizierte Psychologie des Ghetto und seiner Menschen gerührt. Mit gütigem Bück, mit klugem Sinn und reinem Herzen hat er sich an das kleine Leben kleiner Leute gemacht. Nicht wie die meisten anderen mit Schmerz, mit Sarkasmus, mit Eifer, mit Satire — mit treuer Güte und weicher Liebe hat er sich seinen Juden zugewandt. Wenn wir ihn recht verstehen, so ist es eben das, was er geben und lehren will: Güte und Liebe. Er hat noch immer ein Stückchen Trost für das Elend, ein kleines ewiges Lichtlein für das Dunkel. Immer, selbst in Tränen, noch einen schönen Optimismus, selbst in der grpssten Bitternis noch eine liebe, versöhnende Hoffnung. Atij; fieser mütterlich-mild eil Art, mit seinem vor wiegend lyrischen Temperament, dem sich oft ein Stückchen durchaus nicht unsympathischer Sentimentalität zugesellt, hat er in der jüdischen Literatur eine eigene Nuance geschaffen, der man sich gerne wieder zuwendet, wenn einen die starken, aus den Tiefen des Lebens geholten Akzente der anderen erschüttert und aufgerührt haben. Es ist keine Zufälligkeit, dass er der Dichter der jüdischen Frau und des jüdischen Kindes ist. Viel Gutes und Feines hat er aus dem mütterlichen und kindlichen Herzeh hervorgeholt, an dem auch Männer oft nicht ohne Rührung vorübergehen können. Das Haupfcgebiet seines Schaffens sind der Roman, die Erzählung und die Novelle. Sein erstes, wenn auch nicht sein bedeutendstes Werk: „Der schwarzer junger Mantschik* hat eine ungeheure Verbreitung in den Massen gefunden. Der Held ist im Volksmund sprichwörtlich geworden. „Schwarzer junger Mantschik" und „Frömmelnder Heuchler* sind seither Synonyme geworden. Dem Erstlingswerk schlössen sich Romane und grössere Erzählungen an: „Ewen Negeph", „Herschele" und „ Jossele", „ Jossele* ist bei weitem das Reste. Die Geschichte eines armseligen Judenjungen, der durch die verzerrte Anschauungsweise und die Verständnislosigkeit seiner Umgebung allmählich zugrunde gerichtet wird. Josseie und manche andere Gestalten, wie die der echt jüdischen Mutter Chjene, Jone's des Wasserträgers und Schoels des Schächters, sind mit ganz hervorragender Lebendigkeit gezeichnet und tragen zugleich den Stempel jener Lebensanschauung, die Dienesohn auszeichnet In seinen vielen Novellen und Skizzen schildert er unter anderem die fromm-religiöse Stimmung des Ghetto- Millieus (»Jomkipur* im „Hausfreund"), holt er verschollene Gestalten wieder aus dem Dunkel hervor (»Aus meine Erinnerungen*) und sucht insbesondere den künstlerischen Regungen nachzuspüren, die in der Volksseele wach werden („Jossei Algebranik", „Boruch* u. s. w.). Wenn man Dienesohns reiches Schaffen richtig würdigen will, muss man wissen, dass er sich erst nach mühevollem Tage an seinen Schreibtisch setzen kann und dass er darum noch lange nicht alles gesagt hat, was er sagen kann und auch will. In einem seiner letzten Briefe schreibt er: „Mein gesund is wie tomid. A bissei köpfwehtig, a bissei fiehlt men sich — dacht-sich —■ nischkoschedig. Nor schreiben, schreib ich mehr wie a bissei. Un es weren geboiren neie theniaten, vun die quellen wieder neie arois. Es dacht-sich mir amol, as ich well erst onhejben zu schreiben ..."

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