Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-03-13
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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m w ff0I^'# Weü^ Seite fc7: einen mächtigen Herrn, einen Mann damit' in einem Augenblick der Aufregung zu versuchen. ■* . 3,Es war in der Nacht, da das grosse Feuer ausbrach. Die gan«e Synagoge stand in hellen Flammen. *Als wir jäh amrdem Schlafe erwachten, sahen wir unsere Mutter: kreidebleichen Antlitzes rufen:. . ,; , „Dein;V^ater ist in jenem brennenden Gebäude —^ er ging, hinein, seinen Sefer1) zu retten'* In solch einer Nacht, wo keiner wusste. was er tun sollte, war die Zeit, einen Mensehen zu versuchen? . „Wie Channele plötzlich tot mir stand, mit dicken Tränen, die ihr über die Wangen liefen,, und rief : „-Lauf, Jossef, meine Proches2;) verbrennen!" — Ichkonnte nichts, dafür* und hätte sie mir gesagt, ich sollte in das «Gcehinnam3), ich wäre hingelaufen. Es ist wahr — ich gesteh© es —> meine Mutter, schrie plötzlich: „Bleib", für einen Fetzen willst-«du dein Leben wagen?" , Aber Channele rief: „Ein Fetzen? Ich habe diese Vorhänge erst vorige Woche fertig, gemacht, zwei Jahre habe -ich nur an der. Spitze gearbeitet!c<. ,VWie konnte man sie tacHelii? Sie hat die Vorhänge der Schur zum Gesehenke gemacht, {tnlässlich des siebzigsten Geburtstages ihres Vaters. Sie hat es sieh vom Munde abgespart,1 um die Seide kaufen zu können. Und ianir faltete sie ihre kleinen Hände und rief : „Jossef, Jossef, meine Proehes!" „Meine Mutter, fasste mich mir Arm — das ist-wahr, und ich denke, ich wäre geblieben — a,T>er da schrie Channele: „Ah, ich weiss, wen ich nicht zweimal \rerde bitten müssen, der ist kein Feigling!" . - ... „Ein Feigling! So wahr mir G-ott helfe, "das war mehr/als ich ertragen konnte — ich war "teil eifersüchtig auf diesen'Narren, den langen Eisak, diesen grossen, schwerfälligen Dümmkopl mit dem* hübschen Gesicht. Wenn ich unrecht tat, war es nur für einen Augenblick — ich vergal> dem ungarischen Weber,-aber der Herr — kann ich glauben, dass nicht vergibt?" . ,. : Schimmele atmete schwer.- Er vergegenwärtigte sieh, dass das, was er jetzt gehört hatte, nicht wahrscheinlich, sondern sicher die geheimnisvolle Geschichte der. Blindheit seines Antlitzes war. „Von diesem Tage an warst du bljnd?" wagte er."zu, lispeln. „Ja. wie das Feuer zu Enrlle war, fanden sie uns zwischen den Trümmern, meinen Vater tot, (Un Sefer in seine Arme geschlossen, und ich — ich war, blind." .. „Und war Channele; vielleicht Iii cht gestraft?", begann. Jossef nach einer Pause, weicher. „Meine Mutter, die sonst ein Herz, hat, sanfter als ein Kind, trieb sie ^on unserer. Tür wie einen Hund. Dann weinte sie oft in der Facht unter meinem Fenster und flüsterte durch die Läden: „Icsli werde, dich trotz allem heiraten, Jossef, mein Herz. Ich werde für uns beide arbeiten. Ich werde Spitzen machen. Ich werde mir das Fleisch von den Fingern arbeiten. Ich werde meine Aussteuer verkaufen und einen, grossen Doktor bezahlen, damit, ich di&li wieder sehend mache. . leh w.er.de keinen, ausser dir, heiraten, JTosscf, meine Freude.". „Erst nach Jahren, als ihr Vater tot wfar und sie kein Brot hatte und ich ein lebender Lehmklumpen war, heiratete sie. schliesslich den langen Eisak. .Aber auch dieser Dummkopf hätte sie nicht erhalten können, weiin die Leute ihm nicht aus Mitleid Heb Jäinkefs . Stelle, gegeben liärtten . .. . . . ... . „Sein -7— nein — das VAr nicht dast Werk des Herrn. Er hatte nichts aamit zu tun. lüinnst du dich. erinnern, Schimmele, wie du gelesen hast, dass alle jene Tüpfelchen, am Himmel, die wie ein Fussboden voll Glassplitter aussehen, wie jedes einzelne, eine grosse Weit ist, grosser als diese? Ei, der Herr hat genug zu tun, nach ihnen allen zu sehen, leh glaube^ dass dann, wenn der Herr uns den Rücken kehrt, odn grosses. Unheil sieh auf der ..Erde x) Gesetzesrolle. -?) Vorhänge für die La«Le in der Svnagoge. ... 3) Hölle. r : , 4\ Ein Ort, an dem - Bücher und Blätter aufbewahrt werden. . ' " .. . . . B) Bei den ' orthodoixem. Juilen tragen verheiratete Frauen ihr Haar bedeckt. " ' ereignet. Wenn Gott auf die Erde gesehen Und bemerkt hätte, dass ich blind geboren war und dass mein Vater tot war, und dass Channele sieh die Augen ausweinte, Tag und Nacht, und meiner Mutter furchtbaren Schmerz erblickt hätte — ich glau7>e, er hätte selbst weinen müssen, es war ein zu grosser Jammer." Jossef sprach nicht weiter. Er schien in tiefe Träumerei versunken, die Schimmele mit Fragen über den langen Eisak und die schöne Channele zu stören fürchtete. „Es stand einst eine kleine' Bank im Synagogenhof, rechts, gegenüber dem Fenster von Schulklopfers Haus," begann Jossef nach einer Weile, „ist sie noch dort?" „Wer sollte sie weggenommen haben?'* lachte Schimmele. „WTeisst du," sagte Jossef zögernd, während plötzlich eine Blutwelle in sein Gesicht schoss^ „ich habe Lust, wieder einmal auf dieser kleinen, sonnigen Bank im Synagogenhofe zu sitzen. Eh war mir stets sehr angenehm, auf diesem Platze die Sabbat - Nachmittage zu verbringen." Schimmele nahm seine, Kräuter, Bücher, und Papiere zusammen, ergriff Jossefs/- Hand und führte, ihn, i^ raschem Gange hin, bis sie Seifee an. Seite, im Synagogenhofe, sassen. \ Jossef schien vor.' sonderbarer, niedergehaltener. Aufregung zu zittern. Er strengte seine Augen an, wie, um wenn, möglich, das Sonnenlicht <hirclirTrin$>en zu lassen. „Rechtsrwa,r. die-*Rückseite von Reb Gedaljes( Haus, links das Schemahhäusei4^ über sah man in. Öchulklopfers Fenster. An \V0che11tags-Nachmittagen pflegte sie da zu sitzen und Spitzen zu klöppeln und ihre Finger flogen wie weisse Tauben, über das Polster." .,Vetterl," rief Schimmele, „gewiss kannst du sehen! Es ist so, wie du sagst. Sie sitzt am Fenster, und klöppelt Spitzen, und ihre Finger fliegen wie kleine Vögel, ganz, so ..wie du sagst." Zwei helle Flecken glühten, auf- Jossefs Wangen. Er. bohrte seine lichtlosen Augen in das. gegenüberliegende,Haus; Schimmele hatte sich ihm genähert um. seine kaum hörbar, gelispelten Fragen zu verstellen, und er fühlte die heftigen Herzschläge, des blinden Mannes. ... .,Schau noch einmal hin,", hauchte, Jossef, „kannst du, ihre Wange sehen? rot und rund, und auf der linken, gerade wto sie am rötesten ist, sitzt ein winziges Muttermal, wie eine, kleine Linse." „Ich sehe es," flüsterte Schimmele aufgeregt, „das kleine, braune Mal." „Die Nase ist kurz — sie zieht die Oberlippe aufwärts •—•. ••. wie ein zusammengefaltetes Rosenblatt, und zwei kleine, weisse Mauszähne — wie Perlen — sehen, hervor." ,. „Tch sehe sie, ich sehe sie, die kleinen weissen Zähne." - „Und ihre Haare — Rotkopf nannte, man sie — aber sie sind braun, wie: reife Kastanien, und wenn, die, Sanne darauf leuchtet, glänzen sie wie poliertes Gold., aber das," sagte er miteinem Seufzer, „kannst du nicht sehen. r.ßie ist eine fromme Frau und' trägt, eine Haube."5); :• ■■. r „Warum kann, ieh es nicht sehen?" sagte . Schimmele, . „Es ist, wie du sagst. Die. Sonne scheint, auf ihre Zöpfe, und ,sie. glänzen wie poliertes Gold." . : : i. r-ä Schimmele fühlte sich plötzlich rauh, am Arme, gefassi und* Jossef schrie: . -t ■ ■, i;/ „Treibst du deinen Spass mit mir?— Oder diujjögstr Es wäre das erstemal in deinem Leben, Schimmele," (Fortsetzung folgt») Jakob Dienesohn; (Z u sein b m 25j ä h ri gejt'jj'ü b i 1 ä u rti.*) Fünfundzwanzig Jahrei, /hingebenden literarischen Schaffens -- das war .bis. -in die neueste Zeit d^s Müßdcstmass, das man von ^de^ Jargön-Sohrift- .•■ . *) Wir werden in einer der nächsten5"Nummern als Probe T> i en e s o h n\scher l$arstellungsa^'.eme> Erzählung aus seiner Feder bringenV -(Anm. der' Redaktion.)