Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-03-13
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 16 ^öie m^m Nr, 11 Idyllen aus der Gass'. Von Martha WjöMenstein (Autorisierte feeberSetzung aus dem Englischen.) X. Das Ende eines Korn ans. Vetter Jossef verbrachte einige Wochen im Städtchen, um noch eine der zahllosen „sicheren Kuren" zu versuchen, die man für seine Blindheit vorgeschlagen hatte. Diesmal kam das Mittel von einer Bauersfrau und ein wichtiger Teil desselben bestand darin., dass der blinde Mann seine liehtlosen Augen auf wimmelnde Ameisenhaufen gerichtet halten sollte. So streiften Jossef und Schimmele, der den Gehilfen bei der Kur abgab, zusammen durch die Felder und Hügel, Schimmele auf den Schultern reitend, während seine scharfen Augen eifrig den Boden absuchten. Jossef lag dann stundenlang auf der Erde, sein Gesicht geduldig über einen Ameisenhügel geneigt, dessen Bewohner sie mit ein bissehen Zuckerstaub vollzählig zusammengebracht hatten.Währendde&senschwärinte Schimmele auf der Suche nach Kräutern für seine Grossmutter durch die Felder, oder er las laut eine rührende Geschichte vor, bei welcher Jossef, seine Kur vergessend, vor Aufregung aufrecht sass: oder sie plauderten müssig und Schimmele fragte dann und wann, sehr gespannt, auf die Wirkung der Kur: „Siehst du schon ein wenig, Vetterl?" Als sie eines Tages durch die Gass' aufs Feld gingen, spielte sich folgendes Gespräch ab: „Hi,Rd)be!" quietschte eine spöttelnde Stimme. Schweig still," brummte Schimmele. „Hi, schaut ihn an, ein ganzer Chochem! Er weiss schon alles. Darum hat er es nicht nötig, in die Schule zu gehen," höhnte der andere. „Halt's Maul, Rotkopf!" brüllte Schimmele; darauf folgte Stillschweigen, nur dass der Spötter eine beredte Pantomime ausführte, dass er seine ausgestreckten Finger aufreizend an der Nase schnell herumdrehte und vergnügt ein Bein dazu schwang. „Das ist derselbe Spitzbub', der mir ein Trenderl ausfoppen wollte/' lachte Jossef. „Ich erkenne die Stimme, wie heisst er?" „Jainkele Eisak Schulklopfers." Josse! blieb mit offenem Munde stehen, als ob er eine erstaunliche Neuigkeit gehört hätte. „Jainkele Eisak Schulklopfers," sprach er nach, „du kennst ihn also gut — was?" „Warum sollte ich ihn nicht kennen?" sagte Schimmele. „Er ist der grösste Dummkopf in der Schule." An diesem Tage war Jossef merkwürdig zerstreut und missgestimmt und interessierte sich für nichts, was Schimmele tat. Dieser las eine reizende Geschichte über die kostbaren Juwelen der Kaiserin vor und Jossef bemerkte mit geringer Beziehung darauf: „Er hat wohl rote Haare?" „Wer?" rief Schimmele, „der Kaiser?" „Nein, Jainkele," Schimmele versuchte es mit der nächsten Novelle, und . . . „mit einem Freudenschrei schloss Graf Rudolf die Prinzessin in seine Arme —" las er, aber Jossef sagte bloss: „Die Dummköpfigkeit hat er von seinem Vater." „Wer, der Graf?" „Nein, Jainkele." Schimmele schwieg nun und band still kleine Bündel von wildern Salbei und Gräsern zusammen. Es war peinlich. Aber eine der ersten Lehren, die er empfangen hatte, war die, mit Jossefs Launen Geduld zu haben, „er ist leider ein vom Geschick geschlagener Mensch". Jossef war auch still, wie es Schimmele schien, sehr lange, aber plötzlich brach er beinahe leidenschaftlich los: „Gerechtigkeit, was ist das, was sie so Gerechtigkeit nennen! Pfui! Ein menschliches Wesen würde auf eine solche Gerechtigkeit spucken, und ich sollte es von Gott glauben?" Schimmele war verwundert. iiber;: seines Onkels unerklärlichen Zorn.; „Ei, Vetterl!" sagte er, denn man konnte wohl nichts anderes dazu sagen. „Ist es nicht so?" sprach Jossef, „die Leute sagen, mit meiner Blindheit sei ich dafür gestraft, dass ich Gottes Befehl vergessen habe, wie es geschrieben steht, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!" „Sie sind eine Bande Narren. Warum lassen sie Gott nicht in Buh? Für alles machen sie ihn verantwortlieh. Soll, ich glauben, dass, weil ich mich in einem zügellosen Augenblick vergass — für einen Augenblick — mich Gott eine ganze, lange .Lebenszeit strafen wollte? Ist das Gerechtigkeit? Das niedrigste menschliche Geschöpf würde nicht so grausam sein, und ich sollte es von Gott glauben? Als ich Werkführer in der Spinnerei war, war dort ein Mann, ein Ungar, der unsere Sprache nicht verstand, und die anderen hänselten ihn immer. Einmal begann er mit ihnen zu raufen und zerbrach dabei ein Rad und verdarb eine ganze Spindel voll Flachs. „Das. geht nicht an," sagte ich zu mir selbst, „ich muss diesen Mann entlassen," aber wie ich bedachte, dass es nur in einem augenblicklichen Zorn geschehen war, und dass er Weib und Kinder zu Hause hatte, sagte ich mir: „Nein, das geht auch nicht an. Weil er für einen Augenblick den Kopf verloren hat, sollen deshalb seine Kinder hungern?" Ich behielt ihn also, wie es jeder getan hätte, der ein Herz in der Brust hat. Soll ich vielleicht besser sein als der Ewige! Und wenn schon meine Sünde, ein lebenslängliches Leid verdient hätte, warum sollte er auch meine Mutter bestrafen, die in ihrem ganzen Leben keiner Fliege etwas zuleide getan hat? Wenn ich an sie denke, wie sie Winter und Sommer bei ihrem Ofen arbeitet, wie sie sich nie beklagt hat, nicht in jenem Augenblicke, als sie ihr Leinen, ihr Silber, ihre Federbettchen verkauft hat, eines nach dem andern, und sich mit mir durch die Welt geschleppt hat, von einem grossen Doktor zum andern. Die einen sagten, das Uebel würde so — und die anderen, es würde so enden, und alle steckten das Geld in, ihre Taschen, aber keiner half mir. Und das, sollte ich glauben, wäre das Werk eines gerechten Gpttes» „Wer kann sagen, dass es meine Schuld war? Nein, das war sie nicht, wenigstens nicht ganz. Habe ich Ilm vielleicht gebeten, das Gefühl für Channele in meine Brust zu legen? Dieses Gefühl, dass ich ins Wasser und Feuer für sie gegangen wäre? Es war so klein, als es anfing, dass ich mich nicht einmal erinnern kann, wann das war. Sie war noch ein winziges Ding, dem die Strümpfe über die Schuhe hingen, als ich schon die Rosinen aus meinem Barehes für sie herauszunehmen pflegte. „Ich war ein Bursch mit achtzehn Jahren und sie ein Jahr jünger, als wir uns verlobten. Eines Abends holte sie drei grosse Laibe aus dem Backhaus. Ich trug sie für sie und wie wir an ihre Tür kamen, sagte sie: „Die Brote sind schrecklich schwer, nicht wahr?" „Nichts ist schwer, wenn du neben mir bist," sagte ich. Da leimte sie für einen Augenblick ihren Kopf an meine Brust und sagte: ", „Ich will immer neben dir gehen, Jossef" — so waren wir verlobt. Sie war eine grosse Schönheit und obgleich sie ein armes Mädchen war — ihr Vater hatte kaum genug zum Leben, wer hätte ihr eine Mitgift geben sollen?— so hätten sie doeh viele gerne zum Weibe genommen, aber sie wollte keinen, nur mich/' Jossefs Stimme war sehr ernst geworden; er hielt hier inne und legte den Kopf in die Hände; Schimmele wagte kaum zu atmen. Das war eine sonderbare und gänzlich neue Erzählung seines blinden Onkels, eine Geschichte, die er nie gehört hatte und die grosse Dinge versprach, wenn Jossef sie nur gut erzählen würde. Die Fragen zitterten ihm ordentlich auf den Lippen, aber diese Stimmung Jossefs war noch nicht ausprobiert und Schimmele wagte nicht zu sprechen, damit — wenn er auch nur „ei" am unrechten Platze sagte — Jossef nicht verstummen sollte. „Eine List!" begann Jossef wieder, „eine schöne List für