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Die Welt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Article
Die Frauen der Bibel
Date
1903-03-06
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 10 JDifc $ Ich soll aber auch den überlebenden Sohn nicht behalten, denn meine ganze Familie fordert den Mörder heraus, um die Blutrache an ihm zu vollstrecken." David, der aDen Grund hatte, gerade diese Audienz abzukürzen, verspricht der Frau Abhilfe und gibt ihr die Zusicherung, dass ihr Sohn aller Blutrache zum Trotz am Leben bleiben soll. Eso-cli wenn er meinte, damit fertig zu sein, so hatte er sich gewaltig getäuscht. Die Frau hatte ihm bloss den ersten Teil ihtrer Eede gehalten; jetzt kam der zweite. Um diese klassische Probe weiblicherBeredtsamkeit ganz zu verstehen, muss im.a,]i wissen; dass wir hier eigentlich eine überarbeitete Rede nikitanhören. Die Grundzüge der Rede stammen von dem PeeMherrn Joab, aber welche Frau, die reden kann, könnte sich darauf beschränken, die Rede eines anderen auswendigzu. lernen; und dieselbe ohne jedwede Zutat, ohne jedwede Ergänzung, ohne jedwede Ausschmückung herzusagen. Eine solche Frau gibt es nicht, und da dürfen wir uns gaT "nicht wundern, dass die von Joab abgesendete Frau im zweiten Teil ihrer Rede noch viel ausführlicher ist; sie entfailtet geradezu eine die Geduld des Königs fast erschöpfende Beredtsamkeit, sie hat ihm bereits gesagt, dass er, David, ssich selber das Urteil gesprochen, aber sie kehrt doch ixnaner wieder zu dem Märchen zurück, damit der König ihr Itecht spreche und dann selber in eigener Sache danach handle. Wie diese kluge Frau aus Thekoah geheissen, wissen wir nicht, und gerade der Umstand, dass ihr ISTame nicht aufgezeichnet wurde, ist ein Beweis dafür, dass solche Fraiuen in Israel keineswegs zu den Seltenheiten gehörten. Das siebente Bild der zweiten Gruppe führt den Namen „Die Frau von Sunem". Diese Frau "bringt heute noch jeden, der sie ganz genau betrachtet, in eine nicht geringe Verlegenheit; wir wissen tatsächlich nicht, was wir zuerst an ihr bewundern sollen, ob ihr bezauberndes Wesen, ob ihre Menschenkenntnis, ob ihren Scharf blick, ob ihre Gastfreundschaft, ob ihre Vornehmheit, ob ihre hoheitsvolle Fränieiiwürde, ob ihre heldenhafte Selbstbeherrschung. Diese kinderlose Frau, welche.' mit ihrem Gatten in guten Verhältnissen lebte, benützte die Gelegenheit, den öfters cluirch Sunem ziehenden Propheten Elisa als Gast in ihr Hau.& zu bitten. Da es nun dem ängstlich zurückgezogenen Manne nicht ganz angenehm war, mit seinen Gastgebern einen und denselben Flur zu benützen, veranlasste die Frau ihren Gatten, dem Propheten ein besonderes Gemach als oberes Stockwerk zu erbauen und einzurichten. Aber je aufmerksamer die Frau gegen den heiligen Mann ist, umso mehr glanfct er seine Heiligkeit durch ein unhöf lichesBenehmen der scMönen Frau gegenüber an den Tag legen zu müssen. Er hält seinen Einzug in das für ihn erbaute Gemach und lässt sie durch seinen Diener Gechasi zu sich bitten. Dass er sie in Gegenwart des Dieners empfängt, ist selbstverständlich, aber nichts weniger als selbstverständlich erscheint es uns, dass er nicht mit ihr reden will, sondern seines Dieners als eines Sprachrohres sich belltent. Durch Gechasi lässt er also ihr, die vor ihm steht, sugen: Du hast dir unsertwegen so viel Unruhe bereitet; was koöraile man für dich tun, etwa mit dem König oder mit dem Feldhauptmann deinetwegen reden? Betroffen sowohl vom, der Art als auch von dem Inhalt dieser Anrede, antwortet sie kurz: „ich wohne inmitten meines Volkes", und vcnlässt das Gemach. Gechasi meint nun, der Prophet könnte doch für die kinderlose Frau beten, damit ihr Kindersegem l>esehieden werde; das leuchtet denn auch dem Propheten ein, und er lässt die Frau nochmals zu sich bitten. Und diese vornehme Frau, obgleich in ihrer Würde verletzt, karnii es nicht über sich gewinnen, gegen den unhöflichen Geo-ttesmann unhöflich zu sein; sie leistet seiner Einladung nnoclinials Folge, bleibt jedoch an der Türe wie festgenagelt stehen. Dort ist sie von dem Propheten weit genug; ent¬ Welt66 Seite iS» fernt, dass er jetzt, wenn es ihm wieder so belieben sollte, in unauffälliger Weise mittels seines Dieners zu ihr reden kann. Indes der Prophet hatte sich selbst bald wiedergdfunden und es eingesehen, dass sein Benehmen ein verletzendes gewesen; er bringt es zwar nicht fertig, die Frau zum Eintreten aufzufordern, aber er redet doch unmittelbar zu ihr, und das will umso mehr bedeuten, als er ihr Mutterfreuden in Aussicht stellt. Wir können uns lebhaft vorstellen, dass bei diesen Worten eine mächtige Blutwelle das Antliü der schönen Frau in dunkle Glut tauchte, aber sie hatte doch so viel Besinnung, um zu antworten: „Nicht doch, mein Herr, göttlicher Mann, erwecke keine trügerischen Hoffnungen in deiner Magd." Die Verheissung des Propheten geht aber wohl in Erfüllung; nach Jahresfrist schenkt die Frau einem Knaben das Leben; der Knabe wächst heran; er ist bereits so gross, dass er seinen bei den Schnittern weilenden fater auf dem Felde aufsucht. Dort wird er eines Tages von heftigen Kopfschmerzen befallen; er muss nach Hause getragen werden, wo er schon nach einigen Stunden auf den Knieen der Mutter sein Leben aushaucht. Kann es frtwas Schrecklicheres geben als den Schmerz einer solchen Mutter? Doch sie meistert ihren Schmerz; sie verheimlicht das geschehene Unglück selbst dem ängstlich besorgten "Vater; sie reitet eiligst zum Propheten und ruht nicht und tastet nicht, bis ej: in eigener Person das Kind aufsucht, nin es wieder ins Leben zurückzurufen. Die totenerweefcende Kraft des Propheten ist ein Wunder, das wir nicht verstehen und gläubig hinnehmen; die hoheitsvolle Frauenwürdc und die von einem unbegrenzten Gottvertrauen getragene Selbstbeherrschung der Frau von Sunem sind Tatsachen, die wir anstaunen und bewundern, Tatsachen, die wir versteuern und begreifen, aber nur dann, wenn wir uns klar machen, dass die wahre Grösse einer jeden Frau in ihrer Weiblichkeit wurzelt. Das achte Bild, auf welchem wir im Vordergründe ein blühend junges Weib mit grossen, treuen Eehaugern gewahren, ist eine Zeichnung, so einfach in den Grrundstriehen und so vollendet in der Ausführung, dass wi* uns daran nicht satt sehen können. TJeber dem Bilde schwebt ein Zauber, der alle anderen, bisher betrachteten Bilde r der zweiten Gruppe zu verklären scheint. Und so ist es in Wirklichkeit, denn dieses Bild führt den Namen Euth. Diese Ruth durfte in der Frauen-Galerie unserer Bibel nicht fehlen. Denn die Wertschätzung, deren die Frau als solche, nicht als Gattin und nicht als Mutter, sondern infolge ihrer weiblichen Tugenden in der Bibel sich erfreut, käme nicht voll zur Geltung, wenn die hervorragenden Frauengestialten ausschliesslich Jüdinnen wären, wenn unter den Heidinnen nicht wenigstens eine sich fände, die an und für sich hervorragt und in dieser Grösse als Vor- und Musterbild hingestellt werden kann. Und diese eine, ja in ihren1 Art einzige, ist Euth, die geborene Moabiterin. Sie tritl uns nicht als die verkörperte Schönheit, sondern als die Verkörperung von Liebe und Treue entgegen; sie gemähint uns daran, dass Liebe und Treue an keine Konfession, an keine Nationalität, an keinerlei Klassen- und Basse n-Eigeintümlichkeitcn geknüpft sind. Euth ist eine Proselytin, etile das Wesen des Judentums tiefer und reiner erfasst hat, als gar manche im Judentum geborene Frau. Als ihre Schwiegermutter Naemi sie auffordert, dem Beispiele ihrer ScLwägerin Orpah zu folgen und gleich dieser umzukehren, antwortet sie ihr: „Dringe nicht in mich, dass ich dich verlassen! und umkehren soll, denn wohin du gehst, geh' auch ich, wo du weilst, weil, auch ich, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, will ich sterben und begraben sein. Der Ewige tue mir an, was er will, nni der Tod soll mich und dich scheiden." Euth weiss wohl, dass der Ewige, wie sie den Gott Israels nennt, der Schöpfer des

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