Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Article
- Die kommerzielle Stellung der Juden
- Date
- 1903-03-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt?« Nr, 10 die auch in den letztgenannten Ländern durch die gesellschaftlichen Vorurteile geschmälert wird." Nachdem Zangwill nun die Lage der russischen und rumänischen Juden erörtert hat, fährt er fort: Von den östlichen Staaten gewährt nur die Türkei den Juden Freiheit. In Marokko sind die Juden heutzutage eingeschlossen in ihrer Mellah und dürfen mit bekleideten Füssen vor keiner Moschee vorübergehen. Dort, wie auch in Persien und Palästina sind die Juden erbärmlich arm, verurteilt, durch minderwertige Beschäftigungen ein notdürftiges Leben zu fristen und erregen deswegen die Verachtung der anderen. Elf Millionen Menschen, die nur durch das Band des Glaubens zusammengehalten werden, deren Sabbat und andere Bräuche ihnen nur ein Hindernis in ihren Wohnländern sind, Menschen ohne bestimmte Politik, ohne einen Ort, wo ihre Rasseninteressen geschützt wären, das bildet eine der grössten Welttragödien. Keine Stellung, weder in der Gesellschaft, noch im Handel haben sie erlangt; nur wenige Individuen haben sich emporgerungen, die äusseren und die inneren Fesseln zersprengt und brachten ihre Botschaft und vollbrachten ihre Tat. Die Masse, die langen Reihen, die so vieles leisten könnten, sind hoffnungslos eingekerkert. Die emanzipierten Juden, deren Namen Sie auf den Gedanken führen, dass die Juden eine hervorragende Stellung einnehmen, sehen keine jüdische Frage oder sehen keine Lösung der Frage." „Gibt's eine Lösung? Können die Juden eine soziale und kommerzielle Stellung, die ihren Kräften angemessen wäre, je erlangen?Ä „Ich glaube es," antwortete Mr. Zangwill, „noch mehr als dies, ich bin sicher, dass sie es können, und ich teile den Glauben mit einigen der eifrigsten Arbeiter und glänzendsten Denker des jüdischen Volkes. Eine sehr grosse Bewegung ist im Zuge und wenn sie glücklich ausgehen wird, dann wird die jüdische Frage endgiltig gelöst werden und Israel eine nationale und kommerzielle Stellung ersten Ranges einnehmen. Die zionistische Bewegung wird wohl schon Ihren Lesern bekannt sein. Praktische Geschäftsleute, wie sie vermutlich grösstenteils sind, werden sie die enorme Entwicklung des Handels, die die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Errichtung eines Mittelpunktes, der den Markt des Ostens mit den Völkern des Westens verbinden wird, nach sich ziehen würde, einsehen/ Die zionistische Bewegung sucht die grosse Judenfrage sowohl für Juden als für Nichtjuden zu lösen." „Und diese Frage, diese Bewegung, hat sie eine starke kommerzielle Grundlage?* „Es ist ein kommerzielles Zeitalter" — war die Antwort — „eine Bewegung, gleich der des Zionismus kann ohne diese Grundlage nicht existieren. Wenn wir die Juden nach Palästina zurückführen wollen, müssen sie dort etwas zu tun haben. Eine Weltkarte kann die kommerziellen Möglichkeiten des Landes in fünf Minuten besser erklären, als ich in einer Stunde. Die Lage des Landes, die einzige in ihrer Art, ist schon längst gewürdigt worden. Es ist gar nicht so extravagant, zu glauben, dass das zwanzigste Jahrhundert seine Entwicklung erleben wird. Der Gang des Fortschrittes kann nicht aufgehalten werden. Durch wen könnten die Möglichkeiten Palästinas so gut entwickelt werden, als durch die Juden, deren Erinnerungen und Hoffnungen in diesem Lande konzentriert sind? Der „Magazine of Commerce" kann mit vollem Rechte sich für die romantischeste der Handelsunternehmungen lebhaft interessieren. Ihr Erfolg wird dem östlichen Mittelmeere das zurückgeben, was es zur Zeit der Phönizier genoss, und wird eine friedliche Lösung des Problems vom „Nächsten Osten" herbeiführen. In Palästina werden die Juden rasch eine kommerzielle Stellung erlangen. Der Boden hat sehi viel gemeinsam mit ihnen; anstatt in das heilige Land zu gehen, um dort zu sterben, werden sie hingehen, „um dort zu leben"." Zangwill erklärte darauf dem Interviewer die Organisation der zionistischen Bewegung und besprach die Schwierigkeiten und Aussichten derselben. Im grossen und ganzen bewegte sich der Gedankengang Zangwills in den bereits im „Englishlllustrated Magazine" von ihm gezeichneten Bahnen. Zangwill schloss mit folgenden Sätzen: „Wenn die Juden oder vielmehr die bedrückten Juden nach Palästina zurückgehen werden, werden sie bald ein starkes Gemeinwesen gründen. Als ich zum erstenmale „Cottars Saturday Night" („Des Bauern Samstagsnacht" von Burns) gelesen hatte, meinte ich, der „Bauer* müsste ein Jude gewesen sein, obwohl Burns nichts davon wusste. Arbeitsamkeit, Nüchternheit und liebevolles Familienleben sind jüdische Eigenschaften, die sogar Antisemiten ihnen nicht absprechen können, und diese Eigenschaften sind unschätzbar für einen Staat und seine kommerzielle Entwicklung. Der Jude besitzt dazu eine grosse Portion Gemeinsinn. In der Jurisprudenz, der Medizin, der Kunst und Musik können Juden selbständig arbeiten, wenn sie nicht gefesselt sind. Sie sind Jünger der Wissenschaft in allen Ländern der Welt und das verflossene Jahrhundert schuldet ihnen viel. Folglich muss man vernünftigerweise schliessen, dass die Juden alles zur Gründung einerblühenden Gemeinschaft Erforderliche besitzen. In dem Momente aber, wo sie genügend an Zahl sein werden, um das Land zu entwickeln und einen gewissen Erfolg ernten werden, wird auch der Druck in den übrigen Ländern nachlassen, infolge der unvermeidlichen Gravitation zum glücklichen Mittelpunkte. Da Sie mich nur über die kommerzielle Seite des Zionismus gefragt haben, glaube ich vielleicht den Vorwurf verdient zu haben, eine so erhabene Bewegung von solchem materialistischen Standpunkte aus zu betrachten. Aber wenn ich von der geistigen Seite der Bewegung sprechen wollte, würden die Leute sagen, ich wäre ein Träumer, der von der Wirklichkeit und dem Handel nichts versteht." Einschränkung der jüdischen Einwanderung in Amerika. Nachrichten aus Amerika, welche russische Journale in den letzten zwei Wochen publiziert haben, lassen keinen Zweifel mehr übrig, dass der Einwanderung unserer Volksgenossen in Amerika nunmehr unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt werden, welche* diese Einwanderung weitestgehend einschränken. Die „Administration of Immigration", welche auf Ellis Island, der in einer Entfernung von zehn Minuten von New-York liegenden Insel, tätig ist, um die nach den Vereinigten Staaten von Amerika kommenden Einwanderer einem Verhöre und einer ärztlichen Untersuchung zu unterziehen, hat in letzter Zeit, wie die russische Zeitschrift „Wjestnik Juga" meldet, von dem Zentral-Einwanderer- Departement zu Washington Instruktionen erhalten, welche speziell die jüdische Einwanderung in Amerika einschränken. Während in den früheren Jahren die jüdischen Eingewanderten von der „Administration of Immigration" niemals zurückgewiesen wurden, sogar dann nicht, wenn die Einwanderer sich nicht als Bemittelte ausweisen konnten, werden sie jetzt unter jedem nichtigen Vorwande zurückgeschickt. Diese Lage, welche also für unsere nach Amerika wandernden Volksgenossen sehr ungünstig ist, hat mit der jüngst erfolgten Ernennung des neuen Kommissärs in Ellis Island eine Verschärfung erfahren . , . Der neue Kommissär Mr. Wi 11 i a m s hat vor seiner Entsendung insZentral-Einwanderungs-Departement das Versprechen gegeben, dass er auch ohne Schaffung eines Gesetzes die Zahl der Einwanderer nach Amerika beträchtlich