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Die Welt · 1903-03-06 · 10 (6.3.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
10 (6.3.1903)
Article
Die kommerzielle Stellung der Juden
Date
1903-03-06
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Nachdem Zangwill dem Interviewer erklärt hatte, dass er über die kommerzielle Lage der Juden im allgemeinen und nicht gerade über die der englischen Judenschaft sprechen wolle, antwortete er auf den Vorhalt des Interviewers, dass die Haute finance stark jüdisch sei: „Diese volkstümliche Vorstellung hat wie gewöhnlich mit der Wahrheit nichts zu tun. Es gibt zwar sehr reiche jüdische Financiers, deren Stellung und Geschicklichkeit ihnen Geltung in den öffentlichen Angelegenheiten verschafft, aber sie tun alles auf ihre eigene Faust und repräsentieren nie eine jüdische Po litik; die Juden als Volk dürfen nicht mit dem Massstabe einer glücklichen Minorität gemessen werden. Es wäre ungefähr dasselbe, wie wenn man behauptete, alle Amerikaner wären Millionäre, weil Pierpont Morgan, Rockefeiler und Andrew Carnegie amerikanische Bürger sind. Lange Jahre hindurch haben die Juden der Welt ihre leitenden Finanzmänner geliefert: in der Gegenwart aber finden sich die Reichsten gerade unter den Nicht¬ Juden, obwohl die Aermsten auch jetzt wie immer die Juden sind." „Welche ist Ihrer Meinung nach die kommerzielle Lage der Juden? Wie hat sie sich entwickelt und in welcher Richtung?" „Der Judelebtfort",sagteMr. Zangwill, „kraft der unendlichen Verfolgung, die ihm seit der Zerstörung Jerusalems zuteil geworden. Durch unaufhörliche Beschränkungen in die engsten Grenzen des sozialen und kommerziellen Lebens gezwungen, suchte er Trost in dem starken Innenleben, das ihn davon abgehalten hat, den niedersten Gesellschaftsschichten seiner Verfolger gleich zu werden und natürlicherweise arbeitete er sich in den wenigen Zweigen, die ihm zugänglich blieben, empor. Er konnte in die Handelszünffce des Mittelalters nicht eintreten — ihr Glaubensbekenntnis verbot es. Er musste sich das Recht zu leben erkaufen, ein schweres Lösegeld dafür entrichten. Kirche und Staat gebrauchten ihn dazu, um das Volk zu drücken, und lenkten den ganzen Volkshass auf ihn; die Vorteile, die daraus gezogen wurden, fielen nur in sehr geringem Masse den Juden zu. Der Jude zog sich den Hass der Massen zu, um diesen seinen Herren zu willfahren, und es war diesen Mächten nicht genehm, dass der Jude auch den Widerwillen der Massen besänftige. Heutzutage gemessen die Juden in Grossbritannien Freiheit; es stellt ihnen frei., ihren Neigungen zu Kunst und Handel zu folgen, Rasse und Religion sind nicht mehr Steine des Anstosses. Sie ernten natürlich nur die Früchte der Disziplin, der Untere drückung und Ausdauer der vergangenen Generationen; die Kräfte, die ihre Ahnen pflegten, werden jetzt tätig und sie führen zu einem gewissen Erfolg. Es ist nichts Abnormes darün. Ich glaube, dass es kaum irgendwelches Aufsehen erregen würde, wären die Juden selber nicht interessant als ein Ueberbleibsel, eine tragische Erbschaft vergangener Zeilen." „Dies istwohlkeine entmutigende Lage,K sagte der Interviewer, „Es gibt keinen Grund, um sich darüber zu freuen/ sagle Mr. Zangwill, „auf einen günstiggestellten Juden in London fallen jetzt zehn, die nur durch die langen Lehrjabie des Leidens, die sie dort zu leben gelehrt haben, wo aniere nur stehen können, sich zu erhalten imstande sind. Im Eastend von London gibt es mehr Armut, als der ganze jüddaehe Reichtum im Westend aufwiegen könnte, aber selbst noch in den Bezirken von Mite End, Slepney und Wtaitechapel ist das Leben der Juden ungemein günstig gestaltet im Vergleich mit den Lebensbedingungen in anderen Ländern." „Die kommerzielle Lage der Juden!" fuhr er fort „Aber wahrlich, es gibt gar keine. Die Juden Ii abenkeine kommerzielle Stellung. Der eigentliche Gesichtspunkt, von dem aus die Frage betrachtet wenden sollte, ist,von der grossen Masse der Juden, die in der Zahl von zehn bis zwölf Millionen über die ganze Welt aerüreut sind, auszugehen. Nur in Grossbritannien allein, und auch nur momentan, gibt es keinen Antisemitismus aber die Fremdeneinwanderungsbill wird bald den Weg für ihn bahnen. In den meisten Ländern aber wird der Jude noch verfolgt, in ein Ghetto, soziales oder wirkliches, eingesperrt, verhindert, seine Anlagen zu entwickeln, die der Welt Glück und Reichtum bringen könnten, er ist ein Paiia und ein Verstossener sein Leben lang. Wir dürfen nicht die Behandlung der Juden in den Ländern, wo sie in grossen Massen leben und leiden, aus dem Grunde übergefcten, weil sie in Grossbritannien, Italien und teilweise in Deutschland, Frankreich und Amerika Freiheit gemessen,

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