Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Ueber die Judenfrage in Galizien
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« 8 „Die 4 Welt* Was nun die allerneueste Zeit anbelangt, so muss ich bedauerlicherweise konstatieren, dass für die galizischen Juden wirklich schwere Zeiten heranbrechen. Sie sehen, geehrte Versammlung, dass die Zahl der jüdischen Emigranten aus Galizien nach Amerika und anderen Weltteilen von Jahr zu Jahr zunimmt. Natürlich ist dies eine Folgeerscheinung der allgemeinen wirtschaftlichen Depression und des allgemeinen Elends und der Not, die in Galizien herrschen. Aber es ist noch eine andere Ursache, welche die galizischen Juden aus ihrer zweiten Heimat zur Emigration zwingt. Dies ist ihre planmässige und systematische Entziehung des Gewerbes und ihre Verdrängung aus den Gebieten des Handels und der Industrie. Dieser Feldzug gegen die Juden auf ihre wirtsaftiiche Existenz wird von zwei Seiten unternommen. Einerseits von den 'gesetzgebenden Körperschaften, andererseits von dem a 11 - polnischen Lager. Unser Parlament steht vollends unter dem Einflüsse von christlichsozialen, klerikalen und reaktionären Elementen. Alle gewerblichen Gesetze, welche in den letzten Zeiten beschlossen wurden, richten ihre Spitze hauptsächlich gegen die ärmeren Klassen des galizischen Judentums, ich sage absichtlich hauptsächlich „gegen das galizische Judentum", weil nirgends eine grössere Masse jüdischen Proletariats existiert als in Galizien. Zum Beispiel die Abänderung der Paragraphen 59 und 60 der Gewerbeordnung. Aber noch empfindlicher als diese Gesetzesänderung ist die Schaffung des neuen Hausiergesetzes, welches hunderte und hunderte galizischer Juden um ihr tägliches Brot bringt. — Auch das im Werden begriffene Gesetz gegen die Trunksucht hat seine Ursache nicht im Kampfe gegen die Trunksucht, sondern in der Vernichtung der kleinen Krämer, von denen die Mehrzahl bei uns in Galizien die Juden sind. Unter dem Deckmantel der Arbeit für das Wohl des Volkes will man hunderte und hunderte Kleinkrämer und Likör-Fabrikanten zugrunde richten und weiss dabei sehr genau, dass dadurch die Trunksucht nicht abgeschafft werden kann. Gerade das Gegenteil wird erzielt, denn ein jeder, welcher geistige Getränke nach dem neuen Gesetze kaufen will, muss in das Propinationshaus gehen und dort seinen Bedarf kaufen., aber bei dieser Gelegenheit wird er mehr trinken und, was selbstverständlich ist, der Schlachzize wird als Propinationspächter mehr verdienen als er heute verdient. Parallel mit der antijüdischen Tätigkeit des Parlamentes geht auch die Tätigkeit, die das allpolnische Lager entwickelt. Die Parole: die Juden von Handel und Gewerbe zu verdrängen, wird selbstverständlich nicht allzu offen verkündet, aber umso gefährlicher ist sie, weil sie auf Schleichwegen konsequent propagiert wird und tatsächlich grosse Fortschritte macht. Meiner Ansicht nach ist nicht der offene, viel Lärm machende Antisemitismus gefährlich, sondern jener, der still und unbemerkt zu uns herübertransportiert wurde. Dieser Antisemitismus muss mit allen Mitteln bekämpft werden, nicht allein von den Juden selbst, sondern von allen polnischen freiheitlichen, radikalen Elementen. Aber leider sieht man gerade das Gegenteil. In den jüdischen Häusern in Lemberg, Stanislau,Przemysl,Tarnopol usw. sind die allpolnischen Organe die tägliche Lieblingslektüre. In den Kreisen der jüdischen Intelligenz weiss man ganz genau, dass das allpolnische Programm seine Spitze gegen sie richtet, aber ihr Indifferentismus lässfc sie nicht einen stillen, aber energischen Kampf anfangen. Die galizischen intelligenten Juden wären imstande, den reaktionären Allpolen erheblichen Abbruch zu tun, wenn nur der gute Wille da wäre. Zu einem erfolgreichen Kampfe ist es aber notwendig, dass sich die jüdische Intelligenz und Bourgoisie wirklich jüdisch fühlt und nicht die Rolle eines internationalen Bürgers spielt. Doch will ich heute meinen Vortrag nicht schliessen, ohne Sie noch aufgefordert zu haben, ihre galizischen Glaubensgenossen in diesen schweren Zeiten zu unterstützen, ihnen in allen Angelegenheiten mit Rat und Tat zu helfen. Ich hingegen verspreche Ihnen, dass ich, wie bisher, stets bereit sein werde, die armen und unterdrückten Juden in meinem Vaterlande zu unterstützen und jederzeit ein warmer Verteidiger ihrer Menschen- und Bürgerrechte bleiben werde! (Allgemeiner Beifall. Der Redner wird beglückwünscht.) {ffibäne. Grossen in Israel, der unlängst nach einem entbehrungsvollen und dennoch tatenreichen Leben ins Grab gesenkt wurde. Es sind die Kinder des berühmten Schriftstellers Rubin Ascher B r a u d e s. Wer kannte nicht diesen Mann, der mit seiner unvergleichlichen Feder siegreiche Schlachten lieferte im Namen des Fortschritts und der Aufklärung? Wer ergötzte sich nicht an den unvergesslichen Werken dieses Schriftstellers, an den grossangelegten Romanen, den klassischen Gebilden, mit welchen er in seiner 35jährigen Tätigkeit die hebräische .Literatur bereicherte. Unermüdlich, mit dem Aufgebote seiner ganzen Kraft, mit Wort und Schrift, setzte er sich für die nationale Sache ein, sein ganzes Leben voll Leid und Kummer widmete er seinem Volke. Und nun sollen wir, seine Schuldner, die hinterlassenen Waisen, die unschuldigen Kleinen, die Hungernden und Schwachen, dem Schicksale vogelfrei überlassen? Denn schon beginnt die Zukunft ihre Schatten über das Leben dieser Armen auszubreiten. Unsere heilige Pflicht ist es, uns dieser armen Waisen anzunehmen! Und so gehen wir daran, einen Fonds zu schaffen zwecks Versorgung der Hinterbliebenen, um sie im Geiste ihres Vaters zu erziehen und zu versorgen. Braucht es hier vieler Worte, um jeden Juden an seine Pflicht zu gemahnen? Nehmet Anteil an unserer Aktion, denn es handelt sich um die Kinder von Rubin Ascher B r a u d e s! Dr. Theodor Herzl Rabb. Dr. AdolfSchmiedl Rektor Prof. Dr. A d o 1 f Schwarz Prof, Dr. Leon Kellner Lektor Mai.er Friedmann Für das leitende Komitee: David Rothblum, IL, Herminengasse 18. Spenden sind zu richten an die Redaktion der „Welt*, Wien, IX., Türkenstrasse 9, wo dieselben ausgewiesen werden.* Aufruf! Der jüdisch-nationale Verein BAchwahtf in Lemberg hat in Gemässheit seiner statutarischen Bestimmungen ein Bureau für unentgeltliche Arbeitsvermittlung ins Leben gerufen. Indem wir uns mit dieser Mitteilung an die breite OÖffentlichkeit der zunächst Interessierten wenden, erachten wir uns der Pflicht enthoben, die Aufmerksamkeit auf die Tragweite dieses Unternehmens zu lenken. Die in der tatsächlichen Entwicklung der Verhältnisse begründete isolierte Stellung der Juden, die in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und in der jüdischen speziell begründete mangelnde Arbeitsgelegenheit, bringen eine Proletarisierung der jüdischen Arbeitsuchenden mit sich, die jeden Unvoreingenommenen den totalen Ruin, den völligen Niedergang des jüdischen Erwerbes in absehbarer Zukunft sehen lassen. — Diesen Uebelständen wollen wir abhelfen, die Arbeiter- und Arbeitsuchenden vor der Misere der gewerbsmässigen Vermittlung, der das Interesse der Klienten wohl am letzten Platze steht, bewahren. Unentgeltlich bieten wir unsere Hilfe an. Nicht schnöde Profitsucht, aber ein warmes herzliches Mitempfinden mit unseren Stammesgenossen sind unsere Beweggründe. Wir wenden uns an alle Interessierten mit der höflichen Bitte, uns vertrauensvoll zu begegnen, denn unser Ziel ist das Wohl des jüdischen Volkes und unser Lohn soll seine Zufriedenheit werden. Für das Bureau: A. Fischler Dr. Pordes Sekretär* prov. Vorsitzender Das Bureau ist geöffnet täglich von 12—1 und von 8—9 abends im Lokale, Ringplatz Nr. 12, II. St. Aufruf! An die P. T. Gesinnungsgenossen! Das Komitee zur Schaffung eines Fonds zwecks Ver- Einem langempfundenen Bedürfnisse entsprechend» sorgung der unmündigen Kinder Rubin A. Brandes* hat der Verlag der „Jüdischen V o lks s t i mm ewversendet folgenden Aufruf, den wir aufs wärmste der Brünn ein e Zentral-Versandts eile für sämt- Berücksichtigung seitens aller jüdisch Fühlenden empfehlen: liehe zionistischjüdischen Bücher, 'Zeit- Euer Wohlgeboren! Schriften, Lieder u. s. w. errichtet und sind sämtliche Drei Waisen sind es, denen wir das Wort reden, drei Bücher und- Zeitschriften zu Originalpreisen durch ob- Kinder, im zartesten Alter stehend, von denen das älteste S^fanten Verlag zu beziehen. (Adresse: Verlag der «Judischen noch nicht das fünfte Lebensjahr erreicht hat. Diese hilf- Volksstimme , Brunn.) losen, jeder Stütze beraubten Kleinen sind die Kinder eines —-—5-