Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Article
- Ueber die Judenfrage in Galizien
- Date
- 1903-02-27
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 „Die $ We!tw Seite 7 150 000 sind Propinatioiispächter und nahem 400 000 widmen sich dem Handel und Gewerbe. Nach diesen Zahlen zu urteilen, müsstc man annehmen, dass die Juden infolge ihrer Erwerbsbetätigung und der damit verbundenen teilweisen wirtschaftlichen Unabhängigkeit freiheitlich gesinnte Elemente sind. Leider Lst das Gegenteil der Fall. Die Juden, im grossen und ganzen genommen, bilden eine Stütze der Paschawirtsehaft der polnischen Schlachzizen und der galizisehen Bezirkshauptleute, was am deutlichsten bei den Wahlen zum Ausdruck gelangt. Die Ursache dieser Erscheinung liegt darin, dass der grösste Teil der Juden politisch unreif ist und dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Juden nur eine scheinbare ist. Der kleinstädtische galizische Jude empfindet, wenn er von irgend einer im Gesetze vorhergesehenen Bestimmung Gebrauch machen will, nicht,, dass er nicht mehr verlangt, als sein Recht ist, sondern er glaubt, dass ihm der Bezirkshauptmann ein Gnadengeschenk gemacht hat, für das er sich ihm für ewig verpflichtet fühlt. Dieser Mangel an Erkenntnis seiner bürgerlichen Rechte, und andererseits die feindliche, oftmals antisemitische Stellung der Behörden, namentlich der autonomen, machen den Juden, der verhältnismässig noch auf einer niedrigen Kulturstufe steht, zu einem demütigen, willenlosen Menschen. Er glaubt oftmals, dass sein Leben nur von der Gnade der hohen Obrigkeit abhängt. So ist die Mehrzahl der Juden in Galizien. Allerdings ist seit kurzer Zeit infolge des Eindringens der zionistischen und sozialistischen Agitationen eine merkwürdige Veränderung eingetreten, namentlich in den grösseren Städten. Natürlich ist dieser Prozess erst im Werden begriffen, und es ist die berechtigte Hoffnung vorhanden, dass die Zustände dadurch mit der Zeit eine Besserung erfahren werden. Die Ursache, warum sich die Juden in den letzten Dezennien zu einer. Aktion aufgerafft haben, liegt hauptsächlich in der Haltung der christlichen Bevölkerung gegenüber den Juden. Obwohl es viele unter den Juden gab, die sich um ihr Vaterland Polen gewisse Verdienste, sogar auf dem Schlachtfelde während der polnischen Aufstände erworben haben, wie z. B. Jossei Berkowiez und im Jahre 1863 Dr. Bernhard Goldmann, Karlsbad und andere; obwohl die schönsten Typen des Judentums, wie z. B. der bekannte Jankel in Mickiewicz' Epos .,Herr Thadeusz,,; verherrlicht wurden, obwohl viele von den Juden in der polnischen Literatur einen bedeutenden Namen sich erworben haben, z. B. Julian Klaczko, Kraushar usw., obwohl endlich viele Juden die Vorkämpfer der Assimilation waren, hat sich ihre Lage gegenüber der christlichen Bevölkerimg im wesentlichen fast gar nicht geändert, sie wurden immer als ein fremder Volksstamm, als Eindringlinge behandelt. Mit der Assimilation der Juden in Galizien wurde eigentlich ein grosser Schwindel getrieben. Der Höhepunkt dieser Agitation fällt in die Jahre von 1875 bis 1890. Die Juden, namentlich die intelligenten, glaubten damals, wenn sie sich ihren Stammesgenossen ganz entfremdeten, würden sie mit offenen Armen seitens der arischen Bevölkerung aufgenommen werden. Sie erhielten selbst während dieser Zeit ein Agitationsblatt, um der Assimilationsbewegung rascher zum Durchbruch zu verhelfen. Sie gründeten Agitationsvereine, schrieben Zeitungsartikel, schwärmten überall. ABer vergebens! Alle Hoffnungen, welche sie daran gesetzt hatten, erwiesen sich als eitler Trug. Ihre Lage hat sich bis heute in nichts geändert, selbst der primitivste, aber sehr ersehnte Wunsch auf Erlangung von Stellen hei den autonomen Behörden, blieb erfolglos. Zum Beispiel ist beim ganzen Landesausschuss in Galizien bis heute kein einziger Jude,angestellt und die Statuten fast aller Gemeinden (mit wenigen Ausnahmen) besitzen eine ausdrückliche Bestimmung, nach welcher es verboten ist, Juden als Beamte anzustellen. An der Spitze dieser Städte steht natürlich die Hauptstadt Lemberg! — Ja selbst in den privaten Anstalten, z. B. Versicherungsgesellschaften, wie Krakauer „Elorianka", dann in der Galizisehen Sparkasse oder Galizischen Bodenkreditanstalt und in vielen anderen Instituten werden die Juden trotz ihrer Assimilierung nicht angestellt. Als ich seinerzeit mich für die Annahme eines jüdischen Jünglings zum Postdienst verwendet habe, hat man mir ganz klipp und klar erklärt, dass dies unmöglich sei, denn es bestehe ein Wunsch von Oben, dass nicht mehr als ein Perzent Juden von der Gesamtzahl der Beamten angestellt werden dürfen. Unter solchen Umständen mussten endlich die Assimilationsbestrebungen — die selbstverständlich in den breiteren Massen nicht durchgedrungen sind — für bankerott erklärt werden. Und das ist ganz natürlich. Die Assimilation, ohne vorherige wirkliche und wahre Gleichberechtigung für die Juden, ist und bleibt eine Utopie. Man verlangte von den Juden, dass sie ihrer Nationalität, ihrer Religion, ja sogar ihren herrlichen Traditionen entsagen, und bot ihnen als Ersatz — nichts! Und endlich frage ich, ist die Assimilation wirklich mit dem Geiste des Fortschrittes vereinbar? Der wahre Fortschritt garantiert nicht nur jedem Volke, einer jeden Nation, sondern jedem einzelnen eine volle Freiheit seiner Entwicklung, Aus dieser Assimilationswut ist aber den galizisehen Juden eine Lehre geblieben — nämlich; eine kolossale Enttäuschung. Die Juden sind zu der Ueberzeugumg gekommen, dass trotz der Rechte, die in der Verfassung enthalten sind, trotz ihrer Assimilationswut, sie immer von dem Christen gesellschaftlich als Menschen anderer und niederer Gattung betrachtet werden, dass die christliche Bevölkerung mit den Tuden fast gar nicht verkehrt, dass überhaupt ihre verfassungsmässigen Rechte vielleicht einen theoretischen, aber gar keinen praktischen Wert besitzen können. Trotz dieser theoretischen Gleichberechtigung ist doch der Unterschied zwischen den arischen mehrwertigen und den jüdischen minderwertigen Bürgern gebliebenl Als die Juden in Galizien von diesem Assimilationsfieber geheilt waren, kam die Zeit des Nationalismus und der Sozial-, demokratie. Der beste Förderer der Entwicklung des Nationalismus war erstens die Enttäuschung, die nach der Assimilationsbewegung geblieben ist, dann der plumpe galizische Antisemitismus und endlich in den letzten Jahren das Auftreten der allpolnischen Idee. Ich werde nur ganz kurz über die zuletzt genannte Idee sprechen. Die allpolnische Idee strebt mach dem Ziele der Wiederherstellung des alten schlachzizischen «Grosspolen vom Baltischen bis zum Schwarzen Meer und nach der Entnationalisierung aller anderen in diesen Ländern wohnenden Völker, hauptsächlich der Ruthenen und Juden. Die Parole der Vertreter dieser Idee ist: Entweder ein All pole oder — hiiuuis! Die Parole mir de zwar nicht offen propagiert, aber sie wind zwischen den Zeilen in allpolnischen Blättern verbreitet. Die Paithenen werden dort als Feinde und die Juden als ein fremdes Element bezeichnet. Davon können Sie sich jeden Tag überzeugen, wenn Sie z. B. „Slowo Polskie" oder „Przeglad Wszechpolski" lesen. Für das Judentum in Galizien ist diese chauvinistische allpolnische Propaganda einerseits zum grossen Nachteil, andererseits hat sie doch gewisse Vorteile an sich. In der arischen Bevölkerung nimmt zwar der Antagonismus gegen die Juden immer zu, daraus ergibt sich jedoch für die Juden eine andere Konsequenz, nämlich es beginnt bei ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit mehr rege zu werden, s-ie schliessen sich enger aneinander und bekennen sich schon lichte als eine vollständig selbststän-dige Nation. Die zionistischen Vereine wurden in den letzten Jahren fast in allen Städten und Städtchen gegründet und haben sofort eine intensiv rege Agitation entwickelt. Die sowohl im Inlande wie im Auslande geschriebenen jiidisdhnationalen Broschüren und Zeitschriften wurden in grosser Zahl verbreitet und auch stark gelesen. An der Spitze dieser Bewefnmg standen meist junge, aber energische Leute, wie z. B. Dr. Mab,. Gerschon Zipper, Dr. Gabel, Dr. Schreiber, Gebrüder Stand. Dr. Bieier und viele andere, und das Organ .,Przyszlosc", d. h. „Die Zukunft", welches sie in Lemberg herausgaben, hatte sehr viele I>ser. nicht mir unter der Intelligenz, sondern auch unter den Volksmassen, und war oft Gegenstand einer heftigen Zeitungs polemik. Heute gibt die zionistische Partei in Galizien ein neues Wochenblatt, „Wschod." genannt, d. h. „Osten", heraus, welches aber — meiner Ansicht nach — in einem zu akademisch gehaltenen Stil geschrieben ist, wodurch auch die Wirkung des Blattes ein wnig geschwächt wird. Ausserdem fehlt es heute der zionistischen Partei in Galizien an tüchtigen Wander-Agitatoren, die die kleinen Städte bereisen würden, um neue Kräfte und neues Material der Partei zuzuführen. Das eine aber muss ich konstatieren,, dass die nationale Jdee in der letzten Zeit mehr in die Massen eingedrungen ist. Gewissermassen als Konkurrenz der zionistischen Partei tritt bei uns die sozialdemokratische Partei ziemlich st<irk auf und findet auch unter den Juden in den kleineren Städten ihre Anhänger, und es kam auch deshall) zwischen den "beiden Parteien, namentlich in früheren Zeiten, ftftoTS zu Reibereien und zu heftigem Mein ungsau st ausch. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass diese beiden Parteien gegenseitig auf ihre Anhängn* einen bedeutenden Kinfluss geübt haben uncl noch heute ausüben. So haben wir z. B. früher viele jüdische Sozialdemokraten geh abt, die aber keine Zionisten waren, heute jedoch sind die meisten jüdischen Sozialdemokraten auch gleichzeitig Zionisten. Die Zionisten dagegen haben ihr politisches Schiff in ein mehr radikales, oft sozialdemokratisches Wasser gelenkt. Es klingt zwar sehr parodox, aber doch sprechen die Tatsachen für die Richtigkeit meiner Behauptungen. Charakteristisch ist es zum Beispiel, dass, während noch vor einigen Jahren die jüdische Jugend fttst durchwegs, namentlicii in den Hauptstädten, sozialdemokratisch gesinnt war und in allen Vereinen den Verkehr mit anderen Sozialdemokraten pflegte, sich jetzt in jüngster Zeit eine Bewegung bemerkbar gemacht hat, die darauf abzielt, eine vollständige Trennung zwischen den jüdischen und arischen Sozialdemokraten hertaizuführen, und waren es die jüdischen Sozialdemokraten, die das Verlangen gestellt haben, eine gesonderte ausschliesslich jüdische sozialdemokratische Organisation zu bilden.