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Die Welt · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Article
Die Frauen der Bibel
Date
1903-02-27
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 9 ,>Die & sprechen müssen, und so hätte vielleicht auch der eine oder der andere der in Verlegenheit gebrachten Professoren in Wirklichkeit gesprochen, wenn — ja wenn die Wahrheit vor Königen in jedem Augenblicke sieh zürn Worte melden dürfte. Nun., uns ist es um die Wahrheit und auch um die Wahrheit über die Bibel nicht bange. Wer sich einmal darüber klar geworden, dass es weniger die Juden sind, welche die Bibel erhalten, sondern vielmehr die Bibel mit ihrer Tradition es ist, welche die Juden als Volk erhält, der muss es als eine durch nichts zu widerlegende Geschichtswahrheit bezeichnen, dass der Monotheismus, wie er in unserer Bibel sich offenbart, die urwüchsigste und ureigenste Schöpfung Israels ist. Als die ersten Verkünder und unerschütterlichen Träger des wahrhaft monotheistischen Gedankens sind und bleiben wir, das auserwählte Volk von ehemals, und wenn wir wieder auf diese Auserwähltheit zu pochen anfangen, so hat man kein Hecht, über jüdische Anpassung sich zu beklagen, und am allerwenigsten in jenen Kreisen, welche sieh erdreisten, die Frau der Bibel mit aller Gewalt zu erniedrigen. Die Propheten, welche fort und fort das Bundesverhältnis des jüdischen Volkes zu seinem Gotte unter dem Bilde der Ehe schildern, hätten ja eine höchst sonderbare Vorstellung von ihrer eigenen Nation, wenn sie die Stellung des Weibes nicht als die einer Auserwählten betrachteten. .Ich sage geflissentlich des Weibes; denn dass die Frau nicht erst als Mutter, nicht erst durch ihre Söhne, sondern durch sich selbst gross dastehen konnte, beweist die einfache Tatsache, dass bie genau so wie der Mann, wenn auch nicht der zwei höchsten erblichen Würden, der Königs- und Priesterwürde, so doch der Auszeichnung teilhaftig werden konnte, welche in Israel als die allerhöchste galt, nämlich der Prophetie. An der Spitze jener Frauen, welche die zweite Gruppe in unserer Bibel bilden, stehen die Prophetinnen. Die Prophetie, insofern sie die höchste Blüte des altisraelitischen Geisteslebens darstellt, macht uns Juden zum Volke der Eeligion, zum Volke der Offenbarung. Gewiss haben auch andere Völker grosse Dichter, grosse Denker, grosse Eedner hervorgebracht, aber Dichtkunst, Denkerkraft und Rednergewalt in einer und derselben Person harmonisch vereint zu finden, ist eine Erscheinung, der wir nur in der israelitischen Geschichte begegnen. Und da kann die Tatsache, dass wir auch Prophetinnen aufzuweisen haben, als Massstab für die Würdigung der jüdischen Frau nicht hoch genug bewertet -werden. Freilich nennt man in der Eegel bloss die drei Prophetinnen Mirjam, Deborah und Huldah; aus dem Umstände jedoch, dass zur Zeit Nehemias eine Prophetin namens Noadjah gelebt und gewirkt hat, darf füglieh geschlossen werden, dass bis zum Erlöschen der Prophetie Männer und Frauen in gleicher Weise vom Gottesgeiste erweckt wurden, nur dass nicht die Namen aller auf uns gekommen sind. Mirjam, die Schwester Mosens und Aharons,. gehört zu jenen iiehtumflossenen Frauengestalten, bei denen da» echt Weibliche ewig jung bleibt, in deren weichen Zügen selbst in hohem Alter noch die Keuschheit so ausgeprägt erscheint, dass wir im Zweifel darüber verharren, ob sie jemals Liebesglück und Mutterfreuden genossen haben.. Mirjam hat nicht allein mit ihrem geistigen Seherauge in die weite Zukunft geblickt, sie hat auch mit ihrem den Himmel wiederspiegelnden Körperauge in die Ferne gesehen; aber diese Augen, deren flammenden Blick wir in der Tiefe unserer Seele verspüren, geben uns keinen Aufschluss darüber, ob sie jemals einen Mann durchsehauerten. Die Ueberlief erung freilich kann sich eine Mirjam nicht als unverheiratet vorstellen; sie gibt ihr einen berühmten Mann und einen ebenso berühmten Sohn, aber die heilige Schrift weiss weder von Welt66 Seite 3 dem einen, noch von dem anderen auch nur das allergeringste, unt sie hat, wenn auch die TJeberliefernng recht behält, durch ihr Stillschweigen erst recht zu erkennen gegeben, dass die Frau nicht erst als Gattin, nicht erst als Mutter, sondern als Frau für sich allein zu einer hervorragenden Grösse sich entwickeln könne. Mirjam hatte nach dem Zeugnis des Propheten Michah an der Erlösung und Erziehung ihres Volkes den gleichen Anteil wie ihre Brüder, denn sie entflammte mit ihrer prophetischen Eede und mit ihrem schmetternden Liede alle Frauen und Jungfrauen in Israel zur teilen Begeisterung. Doch sie war auch als Prophetin das Weib geblieben; sie hatte nicht bloss einen kleinen, süssen Liedermund, sondern auch ein kleines, bitteres Lästermäulchen. Mirjam hatte trotz aller streng demokratischen Gesinnung einen hocharistokratischen Zug in ihrem Wesen; daher kam es, dass sie sich im Hause ihres Bruders Ahaicn, der eine Fürstenschwester zur Gattin, hatte, sehr wohl fühlte, während sie für die andere Schwägerin, für die Frau Mose s, in ihrem Herzen nichts aufzubringen vermochte und in ihrer Abneigung sich dazu hinreissen liess, die unvergleichliche Grösse Mosens zu bemäkeln. Und doch hätte gerade Mirjam, die hervorragende Frau, die Kusehiterin als die Gattin des grossen Mose, und nicht Mose üb den Gatten der Kusehiterin beurteilen müssen. Dass sie das nicht getan, dass sie ihrer beredten Zunge zur Unzeit freien Lauf gelassen, dafür wurde sie sehr hart von Gott bestraft. Und gerade diese Strafe, welche ihre Tolkstümlichkeit nicht im geringsten verminderte, trug wesentlich dazu bei, dass ihr beredter Mund selbst heute noch nicht verstummt ist, denn er kündet uns die Wahrheit: die besten Frauen sind jene, von welchen andere nur .wenig und die selber über andere noch weniger reden. Das zweite Bild der zweiten Gruppe zeigt uns zwei Frauen; die eiaie im Vordergrunde, zu deren Füssen eine Wage auf der einen und eine Leier auf der anderen »Seite liegt, schaut mit ihren leuchtenden, von einer kleinen Hand überschatteten Augen geradeaus zum Himmel empor; die zweite, welche mehr im Hintergrunde sich hält, hat einen mächtigen Hannner in der sehnigen Hand und blickt siegestrunken tuif einen mit zerschmettertem Schädel hingestreckten Manm nieder. Diese zwei Frauen, Deborah, die Prophetin, und Jael, die Keniterin, gehören auis engste und innigste zueinander, nicht etwa, weil sie beide in den Sieg über den Xanaaniterkönig Jabin sich teilen, sonder n weil sie die zwei grössten und mutigsten Frauen ihrer Zeit gewesen. Deborah, die llickterin, ragte nicht bloss üüer den eigenen Mann, Lapidoth, sondern über alle ihre Zeitgenossen um eine ganze Kopfeslänge empor; doch was ihren eigentlichen Eiümi begründet, liegt nicht in dem, was sie von den grossen Männern, sondern von dem grössten Heldenweibe ilirer Zeit unterscheidet . In Jael verdrängt die Heldin das Weib, in Deborah tritt die Kiehterin, tritt die Prophetin vor dem Weibe zurück. Ob sie Kinder gehabt, wissen wir nickt, aber sie hat mit zarter Hand den Saitsü ihrer Leier Tön« entlockt, welche in die Herzen und m die Seelen ihrer Zuhörer sicli lüneinschmeichelten, Töne, wie nur eine Mutter sie anzuschlagen vermag, wenn sie ihre in Uneinigkeit ieknden Kinder versöhnen will; deshalb hat sie auch den ^Ehrennamen „Mutter in Israel"'"' erhalten. Jael bekundete selber ihren Mut, Deborah tlösste ihren Mut anderen ein; Jael war selbst eine Heidin, Deborah hat Jünglinge zu Helden begeistert; Jael hat mit eigener Hand einen Heerführer unschädlich gemacht, Deborah hat durch 10 000 Mann das ganze Heer, das ganze Volk deo Königs Jabin entwaffnet. Deborah^ die Sängerin, wurde durch einen' Gesang voewigt; das Siegeslied, welches ihrenNam^n trägt, ist das herrlichste Denkmal, das in unserer Uesehichie

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