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Die Welt · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Article
Franz Oppenheimer und der Zionismus
Date
1903-02-27
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die Welt4? Nr. 9 Seite ihre Kolonisationsarbeit in Argentinien und Nordamerika und später ihr Auftreten in Palästina einer herben Kritik unterzogen wurde. Gewiss, wir werden aus ihren Fehlern lernen, aber mehr noch, wie wir hoffen, dadurch reüssieren, dass wir den Fortschritten der Wissenschaft nicht unsere Aufmerksamkeit versagen. Uns bedeutet daher die Anerkennung der Richtigkeit der zionistischen Prinzipien durch Oppenheimer mehr als die Zustimmung eines bedeutenden Menschen. Wir sehen in ihm einen direkten Mitarbeiter, der vielleicht jetzt schon durch seinen Einfluss, durch die Anerkennung seiner Prinzipien von Seiten der Berufensten imstande sein wird, der unglückseligen, planlosen Ansiedlung unserer wandernden Brüder eine Wendung zum Besseren zu geben. In dem Momente, wo sein Interesse an dem Schicksal seines Volkes fraglos geworden ist, wirderauch bei diesem die Autorität gemessen, die ihm zukommt, das Vertrauen, das unser Volk nun einmal nur dem entgegenbringt, der es in seinem Gegenwartsleid und seinem Zukunftshoffen begreift. Mich hat schon, als ich zum erstenmale sein Buch über das Grossgrundeigentum las, ein kurzer Abschnitt gleich am Anfange desselben eigentümlich frappiert. Es heisst dort: „Gesellschaft upd Einzelmensch sind also inkommensurabel. Und darum, ist namentlich die sehr gebräuchliche Sitte, historische und wirtschaftliche Veränderungen der Gesellschaft mittelst der Phasen des individuellen Lebens zu erklären, schlechthin Missbrauch. Dass ein Mensch altern und sterben muss, wissen wir rein empirisch, als eine Regel, die unter Milliarden von Fällen keine Ausnahme litt; dass ein Volk sterben kann, wissen wir ebenfalls . . . .; dass aber ein Volk sterben muss, ist weder durch unser kleines empirisches Material zu beweisen, noch geht es aus dem Begriffe des Organismus hervor.....Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass ein Volk überhaupt altern kann; aber ganz unzulässig anzunehmen, dass es altern muss4* etc. Wer so denkt, so sagte ich mir, der kann unmöglich auf dem öden Standpunkte unserer Assimilanten stehen, der muss früher oder später begreifen, dass diejenigen, die an die Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes glauben, die ihm die Möglichkeit schaffen wollen, sich zu entwickeln und auszuleben, sicherlich nicht die rückständigen Elemente sein können, als die man sie von gegnerischer Seite verschreit. Wir sehen keineswegs in mittelalterlichen Zuständen etwas Anstrebenswertes. Nicht wir sind die Jobber und ihre Gefolgschaft. Wir sehen kein Glück darin, dass einzeln e Juden Millionen aufhäufen und andere elend verkommen. Wenn uns Oppenheimer von den Juden des XIII. und XIV. Jahrhunderts erzählt, dass sie die Grosshändler der ganzen Welt waren, den Geldhandel, die Agiotage betrieben, ja dass sogar eine Zeitlang jüdische Finanzminister die Einkünfte des Erzbisthums Trier verwalteten, so sind das Verhältnisse, die wir historisch begreifen, die wir aber für ebenso gefährlich halten, wie die Anhäufung riesiger Vermögen überhaupt, in wessen Händen immer sie seien. Und wenn sich diese Vorgänge im Rahmen des »Nomadenrechtes" abspielten, so meinen wir ebenso wie er, dass alle Schöpfungen dieses Rechtes verschwinden müssen. Wenn aber zugleich mit dem Nomadenrechte auch die gezwungenen Nomaden, die wandernden Juden, endlich aufhören werden, dann wird der Soziologe Oppenheimer dem Zionisten Oppenheim er und seinem Volke unsterbliche Dienste geleistet haben. Dann wollen wir als Volk eintreten in den grossen Friedensbund, den schon unsere Propheten vorausgeahnt haben und den auch Oppenheime r' anstrebt, in den Friedensbund der Völker, „die dann erst den Namen Kulturvölker werden führen dürfen". Dr. Sieg. Werne r. Die Frauen der Bibel.*) IL Vortrag, gehalten in der „Jüdischen Toynbee-Halle" am 22. Februar 1903. Von Kektor Dr. Adolf Schwarz. Meine Damen und Herren! Bevor ich daran gehe, Ihnen heute die zweite Frauengruppe der Bibel vorzuführen, kann ich nicht umbin, Ihnen ein Geschichtchen zu. erzählen. In einer kleinen Landgemeinde, deren Einwohner fast niemals über die Grenzen ihrer Gemarkung hinauskamen, war vor Jahren ein Yortrag angekündigt. Ein Eingeborener, der nach langer Abwesenheit aus Amerika zurückgekommen war, wollte seine Landsleute über die Zustände und Verhältnisse in den Vereinigten Staaten belehren und aufklären. Alle lauschten andächtig in dem dichtgefüllten Saale den Worten des Redners, und als dieser nach einer Stunde zu Ende war, lohnte rauschender Beifall seine Ausführungen. Nur ein altes Schneiderlein brach, anstatt in den Beifall miteinzustimmen, in schallendes Gelächter aus. „Was ist dir, Jochem?" fragte der den Vorsitz führende Ortsgeistliche den noch immer lachenden Schneider. „Hochwürden," so antwortete dieser, „der Vortragende hat uns alle zum Besten gehalten; was der uns von Amerika erzählt hat, ist einfach nicht wahr." „Aber Jochem, warst du denn jemals in Amerika., dass du so etwas zu behaupten wagst?"' „Das nicht, Hochwürden, nein, Amerika kenne ich nicht, dafür aber kenne ich unser eigenes Land, das »ich in meiner Jugend kreuz und quer durchwandert habe, ganz genau, und da der Vortragende in seinem Vergleiche zwischen Amerika und unserem Lande in Bezug auf letzteres eine schreckliche Unkenntnis an den Tag legte, muss ich ihm geradezu ins Gesicht lachen. Was er von Amerika erzählt, kann ich nicht widerlegen, das vermag nur derjenige, welcher Amerika gründlich kennt. Aber auslachen muss ich ihn, weil er, der im eigenen Heimatslande niemals zu Hause gewesen, in der Fremde so heimisch tut." An dieses alte Schneiderlein musste ich unwillkürlich denken, als ich den ersten Bericht über jenen Vortrag las, welchen ein deutscher Professor vor kurzem wieder über Babel und Bibel in Gegenwart des deutschen Kaisers gehalten. Es ist gewiss ungebührlich, in Gegenwart eines gekrönten Haupte^ hell aufzulachen, aber jenes alte Sehneiderlein hätte sicherlich, ohne aufzulachen, den Mut gehabt, dem deutschen Kaiser ehrfurchtsvoll zuzurufen: „Majestät, dieser Professor Delitzsch hält uns alle zum Besten; was er uns da über Babel erzählt hat, klingt völlig unglaublich, weil, was er uns über die Bibel gesagt hat, einfach unwahr ist. Und doch sollte gerade er, dessen Vater ein gründlicher Bibelforscher war, als Theologe die heilige Schrift besser kennen, oder doch, da seine Grossmutter eine Jüdin gewesen, zum mindesten so viel wissen, dass die Frau der Bibel alles eher als eine untergeordnete Stellung eingenommen. Wie will der Mann in Babel sich zurechtfinden, wenn er so wenig in der Bibel sich auskennt. Mögen diesen deutschen Professor alle jene widerlegen, welche als Assyriologen Babel ganz genau kennen; die Bibelkundigen dürfen sich darauf beschränken, ihn gehörig auszulachen." So, meine ich, hätte jenes alte Schneiderlein in Berlin *) Vide „Die Welt", VL Jahrg., Nr. 52.

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