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Die Welt · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Article
Franz Oppenheimer und der Zionismus
Date
1903-02-27
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Es war ein Vortrag, der die gespannteste Aufmerksamkeit erforderte und sie auch förmlich erzwang. Oppenheimer griff den orthodoxen Marxismus heftig an. Nicht heftig in der Form, aber heftig in merito. Die berühmte Mehrwert-Theorie wählte er als Ausgangspunkt seiner Angriffe, um schliesslich dem industriezentrischen System Marxens sein agrozentrisches System gegenüberzustellen; denn er betrachtet als den Grundfehler aller nationalökonomischen Theorie seit Adam Smith bis einschliesslich Marx eben diese industriezentrische Auffassung. Die städtischen Denker, denen sich die Probleme der Wirtschaft natürlich zuerst stellen mussten, hätten das städtische Wirtschaftsleben als den Mittelpunkt der Dinge betrachtet, als die Sonne, um die, wenn man sie überhaupt betrachtete, die Landwirtschaft als dienender Trabant kreiste. Das Verhältnis sei aber gerade umgekehrt. Die Landwirtschaft,die Urproduktion, sei das Primäre; die Industrie, die Stoffveredelung, das Sekundäre. Nur . vom Lande her sei die soziale Frage lösbar. Der einzige Ausweg, sie auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung zu lösen, sei die landwirtschaftliche Arbeiter - Produktivgenossenschaft. Für diejenigen, die Oppenheimers Theorie nicht kennen, wird es genügen, seine bekannte Hauptthese zu wiederholen. Sie lautet: „Das agrarische Grossgrundeigentum ist der einzige Störenfried der entwickelten Tauschwirtschaft, das einzige Hindernis der Gesellschaft der sozialen Gerechtigkeit." Die Diskussion, die dem Vortrage Oppenheimers folgte, war sehr lebhaft. Am Schlüsse hatte ich nach dem Resume Oppenheimers die Gewissheit, dass ihn in diesem Kreise niemand widerlegen konnte, und ich freute mich darüber; denn es waren ganz gewandte Kämpen, geschulte nationalökonomische Debatter, die gegen ihn aufgetreten waren. Es freute mich nicht etwa, weil ich in Oppenheimer einen Philozionisten sah, sondern weil ich mir sagte: „Er ist nicht der erste Jude, der auf diesem schwierigen Gebiete Grosses geleistet hat. Was an Marx zu verbessern ist, das finden am ehesten die Bernstein und die 0 p penh eimer. Wir können unbesorgt der Zukunft, der ^Tiederauferstehung unserer Volkes entgegensehen, wenn die tiefsten Probleme von Männern unseres Volkes ihrer Lösung entgegen geführt werden. Die der Zukunft der Menschheit neue Bahnen weisen, werden auch unser Volk nicht im Stiche lassen." Nun, heute weiss ich, dass Oppenheimer wenigstens den Zionismus nicht nur kennt, sondern ihn als Kulturfortschritl begreift, an seinem Wachsen interessiert und bereit ist, wo er mit seiner Wissenschaft es imstande ist, ihm zu dienen. Schon einmal hat er in der „Welt" über jüdische Kolonisation*) sich vernehmen lassen. Das Neudorf in „ Altneuland", wo David Littwak, der Held des Romanes,die Geschichte des irischen Gutes Ralahine erzählt, hat auck Oppenheimer bauen geholfen und es müsste mit wunderbaren Dingen zugehen, wenn es nicht einstens in Wirklichkeit diese Familienzüge aufweisen sollte. Das ist gsir nicht so schwärmerisch, wie es den Anschein hat Oppenheimer, der in seinen Schriften einer vernünftigen inneren Kolonisation in Deutschland das Wort redet, hat bereits bedeutende Mittel aufgebraucht, um auf einem grossen Besitze seine Ideen praktisch durchzuführen. Die Deutsche Landbank wird ebenfalls än grösserem Stile den Versuch mit der landwirtschaftlichen Arbeiter - Produktivgenossenschaft machen. Wir Zic nisten werden diese Versuche mit dem gespanntesten Interesse verfolgen. Die jüdischen Kolonisationsgesellschaften, die bisher keinen rechten Erfolg erzielenlonnten, trotzdem ihnen reiche materielle Mittel und eim ausgewähltes Menschenmaterial zur Verfügung standen, werden wohl oder übel seine Erfahrungen sich zunutze machen müssen. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr ferne, in der die Grossen der „Ica" z. B. finden weiden, dass ihre Art der Kolonisation nicht nur vom Anbeginne verfehlt war, sondern auch für die Zukunft den Kolonisten wenig Aussicht gewährl. Noch ist es mh deutlich in Erinnerung, welches Geschrei die „Ica4fi-Freunde erhoben, als von zionistischer *) Vide V- Jahrgang Nr. 50 („Jüdische Siedlungen*), Nr. 51, Nr. h% VT. Jahrgang Nr. 4.

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