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Die Welt · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Article
Der jüdische General
Date
1903-02-20
Page
17 (sequence 2)
Language
German
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„Öle *** Weit" Seite 17 Damals wurde Pinchas der richtige ^jüdische General". Seine eigene Wohnung mit ihren grossen Kammern bekam ein ganz neues Aussehen. Die grösste Kammer, wo sonst die Weberei vor sich ging, erinnerte an ein Bethaus (zwei lange Tische und mehrere Bänke standen hier)/an eine Apotheke (ein Glassehrank mit grossen und kleinen Maschen in allen Farben befand sich hier), oder auch an einen Weinschank (einige Schränke mit Flaschen voll-Wein, Kognak). Das Speisezimmer wurde zu einem Lazareth. ' Bings an den Wänden standen Betten, Tische, Flaschen, Gefässe mit heissem "Wasser, hölzerne Wannen und andere Geräte. Dieses sogenannte Spital wurde für solche Kranke zurechtgemacht, welche in Kabziniwka kein eigenes Obdach hatten und die plötzlich in der Gasse angefallen wurden. Die anderen Stuben waren angefüllt mit Mehlsäcken, Kartoffeln, Erbsen, Zucker, Tee und anderen Bsswaren. Diese Lebensmittel wurden zweimal in der Woche an die Armen von Kameniwka, Kabziniwka und Abjiniwka verteilt und der jüdische General ermutigte das "Volk mit den Worten: „Brüder! Esset, trinket und seid heiter. Denket daran, dass „s i e" Satten und Fröhlichen gegenüber machtlos ist. Merket es euch und sollte etwas nicht in Ordnung sein, dann lasst es mich bald wissen!" Auch die Küche in Pinchas5 Haus hatte sich verändert. Ein grosser kupferner Kessel war in einem Ofen eingemauert und dieser Kessel kochte Tag und Nacht wie eine Hölle. Heisses Wasser und Fleischbrühe für die Armen wurde stets bereit gehalten. Zwei Frauen waren beständig in der Küche beschäftigt. Sogar der Dachboden von Pinchas bekam Einquartierung. Eine grosse Anzahl Hühner und anderes Geflügel befand sich daselbst und in allen möglichen Stimmen und Sprachen gaben sie von ihrem Dasein Kunde . . . VI. In der Zeit der Cholera bekam das Haus des Generals einen neuen Namen. Man nannte es „Das Komitee". In dem „Komitee" befand sich der „General" und seine Armee, die sich zusammensetzte aus Reb Herscheie Chassid, dem Adjutanten und der rechten Hand des Generals, aus drei Badern, welche gegen Woehenlolm Dienste leisteten, ans Pinchas' Arbeitern und schliesslich aus einigen starken jungen Leuten, welche das Komitee aus den scharfen Krallen der Cholera bereits gerettet hatte. In dem Komitee herrschte Tag und Nacht reges Leben. Die munteren, lebhaften Töne, welche von ihm drangen, erwärmten die erstarrten Herzen des jüdischen Volkes. Man fühlte, dass dort eine starke, gewaltige Kraft war, Hilfe und Trost und man horchte weniger auf die schreckliehen Wundermären und wüsten Phantasien der alten Weiber. Wie der Leuchtturm in finsterer Nacht den Schiffen auf stürmischem Meer den richtigen Weg weist und sie vor Gefahr warnt, so leuchtete und beschützte der General und seine Armee alle Leidenden der Stadt, zeigte ihnen die Hilfe und bot ihnen in ihrer Not warmeHerzen, starkeHände und rasche Beine, um zu eilen, wo Gefahr war. Dieser jüdische General und seine Begleiter waren die einzige Hilfe, die die Stadt besass. Kaum erfuhr Pinchas, dass „s i e" in ein jüdisches Haus eingezogen war, eilte er rasch, zornerglüht und voll Tapferkeit, mit den nötigsten Geräten bewaffnet, in Begleitung eines Baders und einiger Soldaten, in jenes Haus. „Wie," so begann er, als er eintrat, „auch Ihr fürchtet euch vor „i h r"? Nur nicht fürchten, ein Mann, ein Ernährer von Weib und Kindern, wer ist notwendiger, „s i e" oder Ihr? Ein Jude, der so viel Bitteres und Schweres zu tragen hat, kann auch das überstehen. Es ist eine dumme Krankheit, eine lächerliche, nur Mut! Es ist mehr Einbildung als defahr! Seht, wie der Krampf schon naclilässt, es geht voriiber! Nehmt nur diesen Schluck, fürchtet euch nicht! Wir haben jemand drohen, der uns beschützt! Mehr als dreiviertel von euch gehört schon uns, dieses Viertel werden wir auch noch retten. Es geht schon besser. Nur Mut!" Und wenn „s i e" gleichzeitig in mehreren Häusern erschien, dann teilte der General sein Heer in gleiche Teile, beteilte jeden mit den nötigen „Waffen", während er selbst mit seinem Adjutanten sich dorthin begab, wo es am schwersten zu ringen galt. Besonders die kleinen Kinder vertraute er niemand an, nur Ecischele Chassid und einige Frauen (denn auch solche befinden sich in seinem Heer) nahm er mit. „Die Tliubchen, die armen Hühnchen," sagte er, „eure Hände sind zu grob für sie." VII. So kämpfte der jüdische General einige Wochen hindurch in lieisser, wütender Schlacht. Oft, sehr oft war er Sieger. Eine weit geringere Anzahl von Menschen fiel unter ihren scharfen Krallen als in anderen Städten. Ja, es verbreitete sich im Volke der Glaube, dass „s i e", wo sich Pinchas zeigte, keine Kraft besass, dass „s i eu seinen Atem fürchtete. Zwei Honate später trat „s i e" ganz zurück, man vernahm von ihr nichts mehr, doch plötzlich, ganz plötzlich machte sie wieder Kehrt ... Still, ganz unerwartet, wie ein Wegelagerer, überfiel sie in finsterem Nacht Kameniwka, Kabziniwka und Abjiniwka und als dar Tag zu grauen begann, hatte sie bereits einige Familien verwüstet . . . Wie aus Bache hatte sie sich diesmal eine besonders günstige Seit erwählt. Es war nach dem Laubhüttenfest und der Elungertyphus begann . . . Die Kotlachen reichten bis an die Knie, der Eegen floss fleisslg und beharrlich, so, als hätte ihn jemand bestellt und bezahlte ihn für jeden Tropfen . . . Die Kälte war schneidend und drang bis an die Knochen. Unglücklicherweise war Pinchas damals abwesend und weder das Komitee noch der General hatten sich für die neue Besclierimg gerüstet. Als Pinchas vom Unglück erfuhr, eilte er rasch nach Hause, alier die Cholera hielt bereits mit ihren Krallen fest umklammert Kameniwka, Kabziniwka und Abjiniwka . . . Der jüdische General zog unter den grössten Schwierigkeiten eiiit Heer zusammen und durcheilte die Krankenstuben. Aber es war keine Zeit mehr gewesen, das Nötige vorzubereiten (aus allen Häusern drang ein schreckliches Jammern und Weinen) und das Volk litt Hunger und Kälte, rann, als die kleine Armee sah, dass so viele bereits von ihr killten (und die übrigen fielen, wie die Halme unter denn Schnitter), da erstarb ihnen das Herz im Leibe und man zog wenig Nutzen mehr von ihnen. Das Heer verschwand, einige erkrankten, starben und die übrigen liefen dem General davon . . . Jetzt gab es einen General ohne Begleiter, nur sein treuer Adjutant lief neben ihm noch daher. Docli wie schrecklich war der Anblick dieses Generals und seines Adjutanten! Wie furchtbar hatten sie sich verändert! Spindeldürre, bleiche Gestalten, welche kaum ihre eigenen J<eine nachzogen und dennoch gingen sie, eilten sie. Jetzt stellte Pinchas das Witzeln ein, der Spass war ihm vergangen. Ein langer, dünner Schatten, das war vom General zurückgeblieben. Nur an den Augen konnte man ihn noch erkennen. Die Augen brannten und schössen feurige Pfeile. „Ich ergebe mich doch nicht/' schienen sie zu besagen . ( - «

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