Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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»l16. „Die $ Welt" UM moralische Betrachtungen ujod Mirjam jiatte eine Arjfc, sie, mit Geberden und Ausrufen zu erzählen, dass Sehimm.eje nie müde wurde, sie zu hören und die Schauer, die er dabei empfand, waren nicht weniger köstlich, weil er genau wusste, wann sie kamen. Es war gewöhnlich am Abend, wenn Mirjam den Becher mit der Schürze abwischte; ehe sie ihn in den Kasten stellte, kam es immer dass sie begann : „Fünfundvierzig Jahre nächsten Purim —a „Die Franzosen waren damals im Land," ermutigte sie Schimmele rasch. „Das waren sie,* sagte Mirjam, es war eine schreckliche Zeit, die Zeit der Franzosen, als ein einziger Mann — seine Name war Napoleon — sich die ganze Welt zu eigen machen wollte und nichts für andere übrig liess. In jenen Tagen war manch einer, der einst gut und sicher in seinem ererbten Besitz sass, den nächsten Tag ein Bettler mit Weib und Kind, und dein Dede,2) er ruht im Paradies, verlor alles, was er besass, und obgleich er ein gelehrter Mann war, ein grosser. Talmud-Chocham, musste er mit einem grossen Sack Flachs auf seinem Bücken durch das Land wandern. Von einem Bauernhof zum andern schleppte er sich, kaufte Flachs und brachte es in die Stadt zum Verkaufe. Es war ein hartes, bitteres Brot, das er verdiente, denn er war, nebbich, ein armseliger Geschäftsmann — möge er mir vergeben, dass ich es sage, aber es ist wahr — und wenn er an ein Geschäft denken sollte, war sein Kopf voll von gelehrten Dingen. „Nun, eines Tages — die Franzosen hatten das ganze Land in Besitz genommen und waren vor Wien — ging dein Grossvater mit dem Sack auf dem Rücken grade auf einem Seitenweg, als plötzlich sechs Männer aus dem Gebüsche stürzten. Sie hatten weder Hüte noch Schuhe und Gesicht und Hände waren zerkratzt und blutig." „Rette uns um Christi willen!!!" riefen sie — (hier sah Schimmele mit atemloser Bewunderung auf Mirjam, denn wenige in der Gass* wagten den Namen des christlichen Messias auszusprechen, aber Mirjam war eine unerschrockene Seele.) „Wir sind österreichische Soldaten, Gefangene des Feindes. Sie sind uns auf den Fersen!' riefen sie. „Du kannst dir deines Grossvaters Schrecken denken, Schimmele. Was war zu tun? Er war gerade von der Pachtung seines Freundes Salme Randar gekommen und zu Salme wies er sie. »Sagt ihm, Chaim Prager schickt euch/ sagte er, „und Salme wird euch verstecken und sich eurer annehmen.'* Und zum Zeichen, dass sie nicht logen, sollten sie seinen Teffiiim-3) Sack, den er ihnen mitgab, Salme übergeben. Bei dieser Stelle streiften Schimmeies Augen verständnisvoll die Kiste und Mirjam sagte, „Ja, es ist derselbe, aus Velvet mit dem eingestickten Mögen Dovid4j, der dort bei meinen Grabkleidern liegt — ich hab' ihn für meinen David gemacht, wie wir verlobt waren." „Die Soldaten sind schnell davon und als sie kaum im Gebüsche verschwunden waren, hörte dein Dede Hufschläge auf der Landstrasse, Er zog rasch sein Gebetbuch heraus, denn er war in grosser Seelenangst und eine grosse Schar, zwanzig berittene Männer, kam auf ihn zu. „Vor ihnen teilte sich die Strasse wie eine dreizackige Gabel und da sie nicht wussten, welchen Weg sie nehmen sollten, hielten sie an. Da erst sah dein Dede, was er Schreckliches getan hatte. Er hatte seinen Freund Salme Randar samt Weib und Kind dem Verderben preisgegeben, denn der französische Hauptmann würde gewiss, wenn er ein wenig SecheP) hatte, seine Schar in drei Abteilungen verteilen und jede der Strassen weiter verfolgen. „Weh, geschrien, was war zu tun? Mit seiner ganzen Seele betete dein Dede zu Gott, ihn, wenn es sein müsste, 2) Grossvater3) Gebetriemen. *) Schild Davids. •) Verstand. »stqjfbegi. zu ^fi^j.aberv^il^pe^^nd seine Familie zu reiten; aber jährenxj|esjsjen war s^in Geist nicht müssig, denn er wusste, wenn er nicht helfen würde, wie sollte es Gott? War er Moses, dass Gott ein Wunder für ihn tun sollte? „Dein Dede war auf seinen Reisen bis an die französische Grenze gekommen und er kannte ein wenig diese Sprache, aber in diesem Augenblicke hatte die Furcht jedes Wort aus seinem Kopfe genommen — es war das Werk Gottes, doch dein Dede begriff es damals nicht, „Er ging auf sie zu und fragte auf deutsch, was sie suchten. „Es war einer unter ihnen, der deutsch sprechen konnte, und er übersetzte dem Hauptmann, was dein Dede gesagt hatte. (Fortsetzung folgt.) Der jüdische General. Von J. Lern er. (Uebertragung aus dem Jüdischen von M. H.) (Schluss.) IV. Kaum erfuhr der „jüdische General", dass die Cholera in die Nähe seines Gebietes heranrücke-, stellte er die Arbeit in seiner Werkstatt ein, sperrte sein Weib und seine Kinder in die beiden Stuben neben seinem Laden und wurde der Vater und Gebieter über die jüdisehe Welt. „Bürger!" donnerte seine starke Stimme in den Versammlungen, die er zusammentrommelte. „Der Feind ist vor unseren Toren und ihr rührt euch nicht?! Juden, Helden, öffnet eure Taschen! Kein Almosen begehre ich, 'aber Mitleid, Mitleid mit euch selbst, mit euren Kindern, Weibern, Müttern, Schwestern, Brüdern! Denket daran, dass, wenn der Feind schon in eurer Mitte ist, er keinen Unterschied macht zwischen Eeieh und Arm, Jung und Alt. Brüder, hütet eure Knochen! Ein jeder gebe-, wieviel und was er kann. Geld ist notwendig, Kleider, Speise, Getränke . . . gesunde Hände, rasche Beine und kluge Köpfe sind auch vonnöten und das eine wisset, dass „s i e" gegen Satte und Heitere ohne Macht ist ... ' Pinchas versammelte die Leute und hielt feurige Ansprachen. Er batj schrie, befahl, weinte., aber das Volk gehorchte nicht ... Einfach darum: Ein Jude lebt im Glauben, im Hoffen, so lange das Messer seinen Hals nicht berührt, glaubt er, dass nicht von ihm die Rede sei . . . Die Tage und die Nächte lief der „jüdische General" umher, weckte die jüdischen Herzen, aber niemand glaubte ihm. Plötzlieh durehschwirrten furchtbare Gerüchte die Stadt: „Er ging über die Brücke, dort bei der Mühle und siehe da! Etwas Dunkles, Hohes, erhob sich, lachte schauerlich auf, klatschte fröhlich mit den Händen und tauchte wieder ins Wasser . . . Man brachte ihn halbtot in die Stadt . . Dann: „Beb Feitel, der Schächter war's . . . Ihr habt noch nichts vernommen? Gestern in der Nacht stand er bei sich in der Kammer und wollte ein Huhn schachten . . . Er schneidet . . . und aus dem Huhn wird eine Ente . . . Er schneidet zum zweitenmal ... es wird ein schwarzer Gänserich mit Hörnern ... er strengt sich an, zum drittenmal: es ist Mendel Starost ... der verstorbene Mendel Starost .... ohne Hant, ohne Fleisch, nur Knochen . . . wie ein Hahn kräht es aus ihm . . . die Knoehenhände klatschen-. . . und es verschwindet." V. Also kam „s i e" in die Stadt. . . Damals begannen alle, auch die Bei eben, welche lieber nehmen, ihre Taschen zu öffnen . , *