Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-20
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
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Idyllen aus der Gass'. Von Martha Wolfenstein. (Autoirisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) vni. Der Kidduschbecher. Viele sind der Sänger in Israel, die das Lied vom Sabbat gesungen haben, und keiner tat es süsser, als jener grosse, böse Heine. Von seiner Heiligkeit und von seiner Freude, von seinem Frieden und von seiner Unverletzlichkeit, von seinem Liebreiz und von seinem Ruhme haben sie gesungen. Aber hätte ich die Stimme des Gesanges, ich würde vor allem von seiner Ruhe, von der süssen Sabbatrahe singen. Ah! Wie wird diese kurze Sabbatruhe] in;, der Gasss' gesucht, wie wird sie benötigt! Denn kurz ist sie im Grunde, und erst, wenn der wichtige Morgengotrtesdienst in der Synagoge vorüber ist •— einmal in der Wo«che isst die Gass' zur Genüge, was ebenfalls als fromme Handlung am Sabbat gilt — nicht früher kann man von wirklicher Sabbatruhe sprechen* Des Hausierers Stock liegt unbeachtet in einem Winkel und Anschel selbst schlummert friedlich beim Feuer; des Schuhflickers Schemel ist weggestellt und Mendel streckt sich wie ein Herr in seinem Holzsessel; die Geschäfte und Läden sind geschlossen und ihre Eigentümer sind an den Fenstern sitzend eingenickt. Legt euer Ohr an irgend eine Haustür und ihr werdet überall das anheimelnde Geräusch des Schnarchens hören. Die Kinder spielen ruhig mit ihren Kreiseln und Ballen, um die Eltern nicht zu stören; die Jünglinge und jungen Mädchen haben ihre eigene Art des Ausruhens, sie wandeln die Strasse auf und ab, die Mädchen Arm in Arm in Reihen, frisch, hübsch und feierlich; die Jünglinge mit steifen Kragen bis an die Ohren und dicken Stiefeln, die festtäglich knarren. Wenn sie aneinander vorübergehen? gibt es ein Erröten und geziertes Lächeln, ein Kichern und Flüstern. In zehn Minuten sind sie in Gruppen Mädchen und Jünglinge beieinander. Weitere zehn Minuten und siehe! Die ganze Gass' ist ein Eden und darin wandeln nichts als Paare, Männlein und Weiblein. Mirjam, die an ihrem Fenster alles vorbeigehen sieht, weiss alles, was von kommenden Ereignissen zu wissen sein kann. Aber auch Mirjam ruht. Die Backstub' ist geschlossen und sie sitzt ruhig am Fenster. Auf dem Kopfe trägt sie die »goldene Sabbathaube" und um die Mitte eine schwarze, seidene Prunkschürze, die noch aus der Zeit zurückgeblieben ist, da Mirjam eine junge hübsche Braut mit reicher Mitgift und schöner Ausstattung und ihre schwerste Arbeit das Zusammenfalten ihres glänzenden Leinens war. Sie hat ein Sacktuch über ihren Sehoss gebreitet, um die kostbare Schürze nicht zu beflecken, und sie schläft nie so fest, dass sie vergessen könnte, dass sie sich nicht anlehnen dürfe, da sonst die Bänder ihrer Haube zerdrückt werden würden. Zwei Bücher sind ihre Sabbatgesellschaft — eines ist ein altes Gebetbuch, das auf gelben Seiten Gebete enthält, deren Inhalt sie im Schlafe hersagen könnte, das andere ein grosser schwarzer Band mit dem Namen Lessing auf dem Einbände. Zuweilen liegt das eine auf ihrem Schoss, dann das andere. Im Laufe des Tages betreten viele Mirjams Zimmer, um ihren Sabbatsegen zu empfangen, denn dieser gilt ebensoviel wie der Segen des Rabbi, und mancher schwerfällige Bursche, der bei einem flüchtigen Blick aus einem Mädctienauge blöde errötet, küsst Mirjams Hand mit ungeschicktem Danke und neigt den Kopf ehrerbietig, um von ihr gesegnet zu werden. An der anderen Seite des Tisches sitzt Schimmele und liest Laut aus einem grossen Buch, das offen vor ihm liegt. Das Buch heisst: „Sprüche der Väter", von welchem er jed«n Samstag seiner Grossmutter laut einen Teil vorlesen mauss. Die Zeilen sind voll schwerer, verschlungener Wortes und Schimmele hat in der Anstrengung, sie in seinen Kopf zu bekommen, sein Käppchen schon beinahe bis in den Nacken geschoben, aber er liest tapfer weiterund wirft nur hld und da als Anregung einen Blick auf die Schüssel mit geschmortem Obst, die neben Mirjam steht. Es ist sein Sabbattobst, der Lohn für seine Anstrengungen, und an den trockensten Stellen findet er Erfrischung in dem Zimtgeruch, der ihm entströmt. ]Es war Mirjams Gewohnheit, eine wöchentliche Lektion für Schimmeies instruktive wie moralische Erziehung aus den Sprüchen der Väter zu ziehen, aber an jenem Sabbat, der den aufregenden Ereignissen betreffs Reb Faachs Schalet folgte, war es Schimmele selbstj der den Text auslegte. aEabbi — Me—ir — sagte :" buchstabierte Schimmele an diesem Sabbat, während er mit seinem dicken Zeigefinger der Zeile folgte, „sieh — nicht — auf — die — Flasche, — sondern '— auf — das, — was — sie — enthält, — denn — es — gibt — neue — Flaschen — voll — alten — Weines — „Das ist ein schöner Spruch," unterbrach Mirjam, 8und wahr, und wahr," fügte sie hinzu, indem sie stolz auf Schimmele blickte; denn sichtlich war sein Kopf wie eine Flasche und die Weisheit, die er enthielt, war wie alter Wein. Schimmele hielt inne und überlegte. „Babele," sagte er und rieb gedankenvoll sein Bein, „warum sagst du, es ist wahr?" „Ist es vielleicht nicht wahr?" sagte Mirjam befremdet „Es war überhaupt keine Flasche/ sagte Schimmele eifrig, „Ai nicht?" sagte Mirjam verwundert. „Nein, es war ein Schalettopf, und er enthielt nicht Wein, sondern Eiergerstel und Gansfleisch, das auf der Zungfc zerging. Und Rabbi Meir sagte, sieh hinein, aber wie konnten wir das tun? Wir hätten die Rinde aufbrechen müss&n, und dann würde Reb Noach", folgerte Schimmele entschieden, „noch lauter geschrien haben, als sonst/ ^Schimmele, mein Gold," rief Mirjam," „es ist, wie ich g-esagt hab' — du wirst eines Tages sicher Oberrabbiaer sein*, und dann warf sie ihren Kopf zurück und lachte, bis die Thränen ihr über die Backen liefen. VTon allen Geschichten, die Mirjam erzählte, liebte Schimmele die am meisten, welche logisch in seinem Geist mit dam Sabbat-Abende verbunden war. Es war die Geschickte vom Kidduschbeeher,1) einem schönen Silberbecher, welcher in einsamer Grösse auf Mirjams Sabbattisch stand. Es war die einzige Geschichte, die ihm ohne Kommentar geliefert wurde, und enthielt bloss einige 2} Weihungsbecher.