Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Der jüdische General
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 7 Die & Welt* Seite 17 Der jüdische General. Von J. Lerner. (TJebertraguug aus dem Jüdischen von M. H.) I. In ruhiger Zeit, da die Dinge ihren gewöhnlichen Lauf nahmen, pflegte man von Pinehas nichts zu vernehmen, weil niemand von ihm sprach. Pinehas gehörte nicht zu jenen Mensehen, die das Unmögliche möglieh, das Krumme grade machen wollen, nur damit die Stadt erfahre, das3 sie auch jemand seien. Er war ein ruhiger, gewöhnlicher Mensch ohne Besonderheiten und in öffentliche Angelegenheiten mengte er sieh nicht gern. Pinehas war ein Weber. Er war kein gewöhnlicher Handwerksmann, sondern konnte schon ein kleiner Fabrikant geheissen werden. Eine gute Anzahl Arbeiter, zum Teil in ihren eigenen Stuben, standen beständig in seinem Dienste und die Ware hatte durch Pinehas eigenen Laden guten Abgang. Dieser Laden befand sich in den Händen seiner Frau, denn er selbst, obwohl er ruhig die Hände in den Schoss .legen konnte, oblag unaufhörlich, bei Tag wie bei Nacht, wie der bescheidenste Handwerker, seiner Arbeit. „Ein Jude," pflegte Pinehas zu sagen, ,,muss beständig arbeiten. Nicht des Vermögens wegen schickt Gott den Juden in seine Welt. Andere leben, damit sie essen, trinken und gemessen. Ein Jude aber isst, trinkt und schläft, um zu leben, um zu arbeiten, und damit er Kinder erziehen und zu edlen, guten Werken aneifern kann. Still und bescheiden lebte Pinehas mit seinem Hausstand, so lang6 die Dinge in dem jüdischen Leben ihren ruhigen, gewöhnlichen Lauf nahmen, so wie man es seit altersher gewohnt war. Kaum trat aber in dem Leben der Kameniwkaer, Kabziniwkaer oder Abjiniwkaer Juden ein besonderes Ereignis ein, z. B. eine Feuersbrunst, eine Ueberschwemmung oder, eine schwere Krankheit, dann war Pinehas wie umgetauscht : ein anderes Antlitz, eine andere Stimme. Gar nicht mehr der ruhige, bescheidene Pinehas! Ein Held, ein wahrhaftiger Held erstand plötzlich in Pinehas für die jüdische Welt und freiwillig oder gezwungen rnusste sie sich unter seinen Willen beugen. IL Des öfteren pflegte sich Pinehas bei einer Feuersbrunst hervorzutuh. Wer je Pinehas bei einem grossen Brande sah, der sah nie in seinem Leben Schöneres, Grösseres und Wun-< dervolleres. Kabziniwka, Abjiniwka und ein grosser Teil von Kameniwka bestanden seit uralten Zeiten au« kleinen aneinandergereihten, mit Stroh bedeckten Hölzhütten. Die geringste Ursache, das kleinste Fünkehen genügte, um in diesen Wohnungen das furchtbarste Höllenfeuer zu entfachen. Die eigentliche Ursache der häufigen Unglücksfälle aber rührte von dem Segen eines frommen, heiligen Mannes her. Immer pflegten die .Kabziniwkaer, Abjiniwkaer und Kameniwkaer Juden daran zu denken^ dass dieser grosse Mann, als er in ihrem Weichbilde geweilt, sie kraft seines Segens versichert hatte, dass niemals mehr als e i n e Hütte in dieser Stadt vom Feuer verzehrt werden würde und unter dem Schutze dieser Versicherung bauten sie ruhig ihre Wohnstätten fast unter einem Dach, obwohl fast niemals ein Jahr verging, in dem nicht eine Feuersbrunst einige Dutzend Bewohner als Bettler, genannt Abbrändler, in die Welt geschickt hätte-. . . Wie es kani, dass Pinehas, während eines Brandes in Kabziriwka und Abjiniwka immer einer der ersten war, obwohl er selbst eigentlich in Kameniwka wohnte, wusste niemand zu sagen, denn niemand dachte an derlei Dinge. Jeder rasste, dass es so war, dass es so sein müsse, weil es eben nicht anders war. AlLa Welt, Männer, Weiber und Kinder liefen dorthin und daher. Ihre Stimmen, ihr Weinen und Jammern vermehrten die allgemeine Verwirrung, doch niemand wusste, was mo. zu tun habe. Kaum aber zeigte sich Pinehas, so verändc rte sich alles, als ob er alle diese wilden, erschreckten Geschöpfe mit anderen Seelen erfüllt hätte. Plötzlich wurden Eimer herbeigerissen, alles, was tragbar war, aus den Hütten herausgeschafft und die Schlacht gegen das Feuer nahm einen aufmunternden, kunstgerechten Verlauf .... Der Rauch ist dicht und erstickend, das Feuer flackert und knistert, der Tod mit seinen weissen, knochigen Armen, schwebt über den Köpfen der Mensehen und will ein Opfer, er abeTr Pinehas, steht inmitten wie ein Held, stark und hoch Iteht er da, als handelte es sich nicht um seine Person. Er schafft für alle, mehr als alle. Seine klare, scharfe Stimmt* dringt überall hin. Er befiehlt und alle, alle — gehorchen . . . Einmal jedoch geschah es, damals als Pinehas aus dem Feuer V-eigele, den einzigen seines Vaters, hervorzog, dass er Kopfhaar, Bart und Locken in der Schlacht verlor und wochenlang schwer krank darniederlag, seitdem nannte ihn die Welt von Kabziniwka den „jüdischen General'*. III. TJirter den wunderbaren Berichten von Käubern, Schlachten, Mordtaten, Zaubereien, Verleumdungen gegen Juden, Wundertaten einstiger frommer Juden, wilder Heiliger, roter Jüdiein u. a. gebührt einer der wichtigsten Plätze in der jüdischen Legendenbildung den Erzählungen über die Cholera. An Winterabenden, nach demAbendbrot, wenn der Frost klingt und der scharfe Wind die kleinen jüdischen Hütten in blanke, klare, weisse Totengewänder einhüllt, dann isit es ein wahres Vergnügen, sich um den Ofen zu sammeln und das Wunderbare, Unerhörte zu erzählen oder zu hören. Das Blut erstarrt in Schauer, das Herz erzittert, die Füsw erkalten und werden einem fremd, das Antlitz ist bleicli und doch liegt so viel Wollust darin, zu horchen, was füi wunderbare, schreckliche, merkwürdige Dinge sich ereignen .... IcL war damals noch klein, doch erinnere ich mich genau, mit welchem Schreck, Vergnügen und Schauer zugleich ieh mich in einen solchen Kreis von Kabziniwkaer Erzählern hineinstahl, um den schrecklichen Geschichten zu lauschen . . . Indes nicht bloss während des Winters. Auch im Sommer, wenn alles singt, jubelt und sich des Lebens freut, findet sich im jüdischen Leben zuweilen ein Stündehen, an dem nun der gewöhnlichen, nüchternen Dinge, die mit so vielen cknklen, schwarzen Schatten angefüllt sind, vergisst, um seine Flügel auszubreiten und sich in andere, ferne, ferne SjMren zu begeben . . . Icli erinnere mich genau. Es war an einem Sommertag, Sabbat, nach dem Abendgebet. Es war ein ungewöhnlicher, düsterer Sabbat. Man sprach unaufhörlich von einer wichtigen Sa che, geheim, aber eifrig. Worüber, was und warum? Niemand wusste es bestimmt. Von einer oder der anderen Gruppe kamen zuweilen einige einzelne, abgerissene Worte: Nachmöi war selbst auf dem Wochenmarkt... in Kipin . ., zwanzig Männer . . . dreissig Frauen . . . fünfzig kleine Kinder ., . .