Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-02-13
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die Welt" Nf; 7 „Unseren?" schrie Riwke, „einen Topf armseliger Erbsen Eabt Ihr geschickt, mit einem Stück Fleisch so gross wie zwei Finger. Um gotteswiHen, gebt mir unseren Schalet!" „Sei kein Narr," sagte Mirjam, „hab* ich Euren Schalet? Ich muss mich geirrt haben." „Weh is mir!" wimmerte Riwke und fiel in einen Sessel. Ich werde nicht ohne Schalet nach Hause gehen, nicht, wenn Ihr mich auf der Stelle totschlagt." „Nu, wenn du willst, kannst du von Haus zu Haus gehen und deinen Schalet suchen. Ich glaube aber, wenn du ihn findest, wird wenig Gutes davon übrig sein. Folg' meinem Rat und geh' nach Hause. Soll der Madame Apfelbaum nie etwas Sehlechteres zukommen, als dass sie am Sabbat Erbsen essen muss." „Essen!" schrie Riwke von neuem, „wer spricht von Essen? Nicht einen Bissen haben sie gegessen. Ihr solltet bloss Reb Noach schreien hören, das gemeinste Weib in der Strasse würde sich so eine Behandlung nicht gefallen lassen. Warum gibst du nicht acht auf deine Sachen, schrie er, und stehst in der Küche und schaust, dass sie ordentlich bezeichnet sind? schrie er. Wer würde das aushalten. „Nächstesmal geh' in die Küche und bezeichne sie selbst," schrie MadamenBlümele. Hat sie nicht reell? Ein Schreien da, und ein Schreien dort, dass Gott einem gnädig sein soll! Die Haare stehen einem zu Berg, es anzuhören, und dann fing Madame Vögele an, „ich bin nicht den weiten Weg von Prag hergekommen, um Euer Gezänk zu hören." So wahr ich leb', das hat sie gesagt, und jetzt sitzt sie, und hat ihre Handschuhe und die Haube an, und wartet nur, dass der Sabbat zu Ende geht, um nach Hause zu fahren. Und Madame Blümele weint. Es könnte ein Herz von Stein erweichen, und Reb Noach rennt herum und schreit, dass die Dächer zittern." Auf Mirjams Lippen zuckte es verdächtig und sie murmelte etwas zu sich selbst*. Riwke dachte, es wäre ein Ausdruck des Mitgefühls, aber was sie gesagt hatte, war: „Gott ist gerecht!" „Wai, arme Madame Blümele," fuhr Riwke fort, „sie wird nie die goldene Kette erben, die viermal um den Hals geht, und mir .«hat Madame Apfelbaum fünf Gulden zu meiner Mitgift versprochen," und Riwke "begann laut zu schluchzen. „Es macht nichts, Riwke," sagte Mirjam besänftigend, „du sollst durch mich nicht fünf Gulden verlieren. So wahr ich leb', ich werde es wieder gut machen." Mittlerweile spielte sich in einem kleinen Hause am entgegengesetzten Ende der Gass' eine ganz andere Szene ab. Jossei Kummer, dessen Angesicht von ungewohntem Vergnügen strahlte, sass mit seiner Familie um den Mittagstisch und lauschte ehrerbietig der Rede des Bettelgelehrten. „Es steht geschrieben," sagte der Schnorrer in talmudischem Sing-Sang, „dass Mildtätigkeit den Menschen mit Gott aussöhnt. So z. B. beklagt sich der arme Mann: „Warum ist das Schicksal so lieblos? Bin ich nicht auch ein Kind Gottes? Ich liege auf der nackten Erde, und der Reiche auf weichen Kissen; ich in einer elenden Hütte, die nicht einmal mir gehört, und er in seinem eigenen Palaste!" Dann bringt der wohltätige Mann mit seiner milden Gabe die Klage des Armen zur Ruhe und Gott spricht zu ihm: „Durch deine Nächstenliebe hast du den Armen mir mir versöhnt; du machst Friede zwischen uns." „Das ist ein schönes Wort, das Ihr da gesprochen habt, Gast," sprach jossei, dem die blanke Talmudlogik beser schmeckte als alter Wein. „Es sind viele Monate her, dass ich keinen so schönen Spruch an meinem Tische gehört habe. Und wenn ich keinen Bissen zu essen hätte, ich würde doch satt sein, denn so ein Wort schmeckt besser, als eine Jontefmahlzeit. Ich habe leider nur wenig, um Euch zu belohnen, Gast, denn das ist pures Gold wert — nur ein Gerieht Erbsen, aber, so wahr ich lebe, mein Teil könnt Ihr haben, denn das Vergnügen, ein so schönes Stück Weisheit gelernt zu haben, kann mich für lange Zeit aufrecht halten." „Der Gast kann meinen ganzen Teil haben," rief plötzlich der kleine Isserl, von Aufregung und Nächstenliebe übermannt. „Meinen auch," rief der kleine Fisehele, um nicht übertreffen zu werden, obzwar er nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte. „Nu, nu," lachte die Mutter, nun ganz ausgesöhnt mit cles Gastes Gegenwart, „es wird ein Löffel voll für uns alle da sein. Keiner von uns braucht am Sabbat zu fasten, und wer nicht genug hat, kann Brot essen." Selbst die mürrische Jittl, die ein Samtband über der Stirne trug, um die grauen Haare an der Schläfe zu verbergen, lächelte schwach, als sie die Schaletschüssel hereinbrachte und sie vor ihren Vater stellte. „Es schaut übrigens gar nicht so wenig aus," sagte Jossei prüfend, und mass den Topf, der in ein weisses Tellertuch eingehüllt war. Als er mit dem Messer die Rinde und das Siegel gelöst hatte, stiess er einen Schrei der Ueberraschung aus, denn der abgehobene Deckel enthüllte dem Auge durch eine Dampfwolke hindurch eine grosse, runde Gansbrust, die in einem Nest von goldgelben Eiergersteln ruhte. „Es ist ein Irrtum," rief Jossei, „Isserl, lauf schnell und trag' es zurück. Wir haben den Schalet von jemand anderem bekommen." „Wart, wart," sprach der Schnorrer, und zog den riechenden Dampf hungrig durch die Nase. „Woher weisst du, dass es ein Irrtum ist?" „Wie soll ich es nicht wissen? Mein Topf war bloss ein Topf mit Erbsen und einem Stückchen Rindfleisch," erwiderte Jossei. „Ist das ein Grund? Sind nicht grössere Wunder geschehen, als dass ein Topf mit Erbsen und Rindfleisch verwandelt worden ist in einen mit Eiergerstel und Gansbrust? Wunder hören nie auf. Es steht gesehrieben," fuhr der Schnorrer fort indem er seine Stimme zum melodischen Sing-Sang des „Lernens" erhob, „der, der Nächstenliebe und Barmherzigkeit nachgeht, findet Leben, Nächstenliebe und Ehre. Soll das vielleicht heissen, dass der, der nach guten Taten strebt, so belohnt wird, dass er arm wird und die milden Gaben der anderen empfängt? Keinesfalls. Der Satz hat diese Bedeutung: Gott wird dem, der gut gegenüber den Armen ist, die Mittel geben, ihnen Gutes tun zu können. Ist es nicht klar wie Sonnenlicht? Gott hat Euren kleinen Topf mit Erbsen in einen grossen mit Eiergerstel und köstlich duftenden Gansbrüsten verwandelt, dass Ihr den Armen damit Liebe erweisen könnt. Ihr würdet der Vorsehung ins Gesicht schlagen, wenn Ihr es zurückschickt, denn offenbar wurde beschlossen, dass Ihr für Eure Frömmigkeit und Grossmut heute Gansfleisch essen sollt." Jossei lauschte mit grosser Befriedigung dieser Weisheit. „Und wer kann wissen," setzte der hungrige Maggid fort, und sprang mit einem Satze vom Wkinder zur gewöhnlichen Vernunft über, „dass zu dieser Zeit nicht schon jemand anderer Euren Schalet gegessen hat, und wenn Ihr diesen da zurückschicket, so werdet Ihr ihn nur noch einmal zurückbringen müssen. Dann würde er kalt und nicht zum Essen sein." Dieses letzte Argument verursachte allgemeine Bestürzung. „Schaut, er wird sclion kalt," fuhr er fort, „und das ist sehr schade. Brauch"5 ich Eueh, Madame Kummer, die Ihr eine unvergleichliche Köchin seid, zu sagen, dass Eiergerstel heiss sein müssen, wenn sie gut schmecken sollen?" Der allmählich sieh vermindernde Dampfnebel über dem Topfe, wie des Schnorrers Warnung hatten einige Aengstlichkeit in der Gesellschaft hervorgerufen, ebenso wie der liebliche Duft des Gansfleisches und des Maggids lange Rede ihren Appetit gereizt hatte. „Es wird kalt, es wird sicher verderben," war der allgemeine Ruf, und Bei diesem Schritte durch nichts Geringeres als durch die Autorität des Talmuds unterstützt, teilte Jossei ohne weiteren Aufhebens den Schalet, und alle fielen darüber mit Behagen her. „Tateleben," seufzte Fisehele in Entzücken, als er nichts mehr in sich hineinstopfen konnte, „es hat grad' so wie bei einer Chassene10) geschmeckt." *) Brauthimmel. 2) Braut. 8) Bräutigam. 4) Sorgen. c) Gemüseschüssel. 6) Billetts zum Freitisch. 7) Polen. s) Frommer Mann. °) Gelehrter. 50) Hochzeit.